Die Geister, die Helmut Schmidt ruft

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Günter Stiller

DENK-RUNDE: Immer freitags: Seit 1985 treffen sich die illustren Mitglieder im Haus des Altbundeskanzlers, um zu diskutieren.

"An jedem Tag wird eine winzige Besserung meines Zustandes festgestellt, die ich subjektiv aber nicht bemerke", knurrte Helmut Schmidt an einem Freitagnachmittag im Februar 1999 in seinem Krankenzimmer in der HNO-Klinik des UKE. Danach ließ er den Abendblatt-Reporter mit Trotz in der Stimme wissen: "Hörsturz hin, Hörsturz her - ich muss unbedingt nach Hause: Die Freitagsgesellschaft tagt!" Am Abend durfte der Bundeskanzler a.D. tatsächlich zum ersten Mal das Krankenhaus verlassen, in dem er seit zwei Wochen mittels täglicher Sechs-Stunden-Infusionen behandelt wurde. In seinem Haus in Langenhorn warteten bereits 15 Mitglieder der "Freitagsgesellschaft" auf ihn: Es gab ein Abendessen, gekocht von Loki Schmidt. Klaus Asche, der ehemalige Handelskammerpräses, referierte über "Arbeitsmarkpolitik in den Niederlanden", danach wurde bis Mitternacht heiß diskutiert. Und am frühen Morgen fuhr der kranke Altbundeskanzler zufrieden ins Krankenhaus. Er hatte die "Freitagsgesellschaft" nicht im Stich gelassen, diese abgeschlossene, unbekannte Vereinigung, in der Beiträge zum Verständnis der Welt geleistet werden, wo der Widerspruch geweckt wird, um Erkenntnisse zu gewinnen. Am kommenden Freitagabend werden sich die 21 aktiven Mitglieder zu ihrer 102. Sitzung versammeln; der Nahost-Experte Udo Steinbach wird als Gastreferent das hoch aktuelle Thema "Die Diversität islamischer Gruppierungen in Europa, Afrika und Asien - Scharia oder staatliche Gesetze" behandeln. Redetext und Diskussionsprotokoll aber werden unter Verschluss bleiben. Ist die Freitagsgesellschaft ein Hamburger Geheimclub? "Sie ist keine Geheimgesellschaft, aber sie ist sehr diskret", hat Gründungsmitglied Volker Rühe einmal geschrieben. "Deshalb müssen ihre Spuren nach außen so wirken, als verberge sich dahinter etwas wie eine Geheimgesellschaft." Anno 1985 hatten sich zehn Persönlichkeiten zum ersten Mal verabredet: Sie trafen sich an sechs Abenden im Winterhalbjahr, immer am zweiten Freitag des Monats, um ein Thema gemeinsam zu bereden. Heute sind es 21 aktive Mitglieder, man trifft sich nach wie vor im Haus von Helmut Schmidt, und das Themenspektrum ist gewaltig. "Es reicht von der Zwölfton-Musik bis zu strukturellen Gefahren der internationalen Finanzmärkte, von der Immunschwäche Aids bis zu Bauhaus-Einflüssen in der amerikanischen Architektur oder von Jugenderlebnissen unter Hitler bis zu der Malerei in der alten DDR", sagt Helmut Schmidt. Ungewöhnliches scheint Norm zu sein, wenn sich die 21 von Langenhorn begegnen, um Erkenntnis zu gewinnen. Aus dem Referat von Peter Schulz "Einflüsse der amerikanischen und französischen Revolution auf die deutschen Verfassungen von 1849, 1919, 1949" wurde, auf sanften Druck Helmut Schmidts hin, das Buch "Ursprünge unserer Freiheit - Von der Amerikanischen Revolution zum Bonner Grundgesetz". Alfons Pawelczyk, der ehemalige Innensenator der Hansestadt, machte den Freitagsgesellschaftern "Die psychologische Situation Uniformierter in Polizei und Bundeswehr" klar. Und wer wäre nicht brennend gern dabei gewesen, als der Banker Max Warburg "Risiken der internationalen Finanzmärkte" einschätzte, der Mediziner Heiner Greten (Schmidts Leibarzt) "Zur Lage des Gesundheitswesens" sprach oder Helmut Schmidt im engsten Kreis "Das ganz andere 21. Jahrhundert" und seine Vorzeichen an die bewusste Wand warf? Der Musiker Justus Frantz griff, als es um "Zwölfton-Musik" ging, zum Flügel und entwickelte aus den Anfangsbuchstaben der Mitgliedernamen das Thema samt Melodie. Und ungewöhnlich hitzig wurde über "die moralische Entscheidungsfreiheit des Menschen" gerungen. Nur einmal öffnete sich die Tür zum Sitzungszimmer einen Spalt, als Helmut Schmidt 17 Referatsprotokolle unter dem Titel "Erkundungen - Beiträge zum Verständnis unserer Welt" (DVA) veröffentlichte. So wird es wohl bleiben. Er setzt aber darauf, dass sich Bürger, so wie die Freitagsgesellschafter, zum Austausch ihrer Besorgnisse zusammenfinden und der "doppelten Gefahr einer Aufspaltung unserer Gesellschaft in egoistische Interessengruppen und einer Verflachung unserer Kultur entgegenwirken."

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