St. Johannis: Ulrich Rüss geht in den Ruhestand

Der streitbare Pastor

Er sieht sich selber als einen fröhlich bewussten Lutheraner mit ökumenischer Weite und gilt auch als theologisch-konservativer Querdenker. Als...

Er sieht sich selber als einen fröhlich bewussten Lutheraner mit ökumenischer Weite und gilt auch als theologisch-konservativer Querdenker. Als solcher hat er sich in den vergangenen Jahren immer wieder zu Wort gemeldet, häufig auch mit Kritik an der Nordelbischen Kirche. Wenn Ulrich Rüß, seit 1982 Pastor der Hochzeitskirche St. Johannis in Eppendorf an diesem Sonntag um 10 Uhr mit einem Gottesdienst in den Ruhestand verabschiedet wird, werden ihm nicht alle seine Kollegen nur Tränen nachweinen. Dafür wird seine Kirche wie immer voll sein, denn der 65-Jährige war in seiner Gemeinde äußerst beliebt.

Und Rüß selber? Wie empfindet er seine Pensionierung? "Zwiespältig", gesteht er gegenüber dem Abendblatt. "Das Vertraute aufzugeben, ist immer schwer. Aber ein Abschied ist immer auch eine Chance für einen Neuanfang. Mehr Zeit für sich und seine Frau zu haben und mehr Zeit dafür, Gedanken endlich mal zu Ende denken zu können." Das wird künftig sein Programm sein.

Und wo bleibt da die Theologie? Wird er weiter seine kritische Stimme in der evangelischen Kirche erheben? Rüß prompt: "Natürlich werde ich mich weiter einmischen. Als Vorsitzender der Kirchlichen Sammlung um Bibel und Bekenntnis, als Vorsitzender der Konferenz Bekennender Gemeinschaften in Deutschland und als Vize dieser Konferenz im europäischen Rahmen, wo auch Katholiken und Orthodoxe mit einbezogen sind. Ich werde dafür sogar mehr Zeit haben." Von Ruhestand also keine Spur, im Gegenteil: Dafür ist ihm seine Kirche auch viel zu wichtig. Und natürlich der Auftrag von Kirche. Rüß spricht in diesem Zusammenhang von "Essentials", den Grundlagen des Glaubens. Die aber sieht der streitbare Lutheraner seit vielen Jahren gefährdet. Der Kirche gelingt es viel zu wenig, "die fröhliche und freudige Sache des Glaubens unter die Menschen zu tragen und die Gottesbeziehung in den Mittelpunkt zu stellen".

Also ein Blick zurück im Zorn? Das nicht. Aber durchaus mit Bedauern, dass Kirche nicht genug Sorgfalt in der Bewahrung inhaltlicher Aussagen habe walten lassen. "Da hat es zum Teil eine Beliebigkeit gegeben, die für die Gesellschaft nicht mehr hilfreich war." Konkret nennt der scheidende Pastor die sogenannte moderne Theologie mit ihrer "Extremisierung und Politisierung", die elementare Aussagen des Glaubensbekenntnisses und der Bibel infrage stellte und von der Mitte des Glaubens wegführte. Die evangelische Kirche sei so immer stärker ideologisiert worden.

Der für seine klare Sprache bekannte Theologe: "So wie sich der deutsche Protestantismus derzeit darstellt, entspricht er nicht mehr dem Geist der Reformation. Wir brauchen eine Rückkehr zu den reformatorischen Grundlagen. Kirche muss den Mut haben, Profil zu zeigen, nicht jedem Zeitgeist hinterherzulaufen. Sonst haben wir immer die rote Laterne."

Dabei sieht Rüß große Chancen, der Religion wieder zu einem Bedeutungsgewinn zu verhelfen. Denn im Grunde sei doch fast jeder Mensch religiös. Die Kirche habe es nur nicht geschafft, sich dies zunutze zu machen. Vielmehr verzettele man sich in Strukturfragen, Finanzüberlegungen und theologischen Kontroversen, verbunden mit Gerangel um die Macht. "Aber wo bleibt die Sorge um den Einzelnen, um den Kranken und Einsamen, um den Schwachen in der Gemeinde? Wir sind doch nicht mehr nahe genug am Menschen."

Rüß hält einen Rat an seine jungen Kollegen parat: "Lebt Christus-Frömmigkeit, schafft euch Frömmigkeitsräume, um die Kraft zu bekommen, glaubwürdig zu sein." Und um seinem Ruf als streitbarer Geist alle Ehre zu machen, fügt der keineswegs resignierte Theologe noch einen Satz hinzu: "Herr der Kirche ist zum Glück nicht die Kirchenleitung, das ist immer noch Gott selbst. Und da geschehen immer noch Zeichen und Wunder."