1. Teil: Abendblatt-Serie Umweltbewusst Leben

Darauf müssen Sie beim Kauf von Äpfeln achten

Foto: HA / A.Laible / Andreas Laible

Ökologisch korrekt Einkaufen: Welches Produkt das beste ist, ist oft nicht so leicht zu sagen. Jochen Förster gibt konkrete Antworten.

Hamburg. Mein Freund T. und ich hatten uns viele Jahre nicht gesehen, als wir uns neulich wieder über den Weg liefen. In den 90ern hatten wir zusammen in Hamburg studiert, dann hatte das Leben uns in alle Winde verstreut, und nun lud er mich zu seiner Geburtstagsparty ein. Großes Wiedersehen mit alten Bekannten. Freudige Umarmungen. Getränkeausschank. Ich trank ein Bier. C., eine gemeinsame Freundin, orderte ein Glas Rotwein, als es zum Beinahe-Eklat kam. Natürlich hatte T. Rotwein im Haus, allerdings nur chilenischen. C. war völlig von den Socken. Warum es denn nun gerade ein Tropfen aus 12.000 Kilometer Entfernung sein müsse, fragte sie, wobei man ihr anmerkte, dass sie sich arg zusammenriss, um den Jubilar nicht anzuherrschen. Der verdatterte T. stammelte seinerseits irgendwas wie "oh, stimmt, hab ich gar nicht dran gedacht", und Freundin C. strafte ihn den Rest des Abends mit nur halbherzig ummantelter Geringschätzung. Merkwürdig, zu Studentenzeiten hatten wir zusammen so einige Flaschen geleert und dabei ausgiebig Optionen zur Weltverbesserung sondiert. Von Rotweinen und ihrer Herkunft war dabei nie die Rede gewesen. Mir wurde klar, dass sich in der Zwischenzeit Grundsätzliches getan hatte.

Gut sein, das bedeutet heutzutage mehr denn je: gut einkaufen. Heerscharen von Menschen vergewissern sich so auf täglicher Basis, dass sie auf der richtigen Seite sind. Sie verbessern die Welt, indem sie ihr möglichst wenig antun. Das alles mit zwei sehr begrüßenswerten Konsequenzen: gesündere Lebensumstände für alle und ein gutes Gewissen für sich selbst.

Entsprechend vielfältig waren in letzter Zeit die Hilfsangebote für die ökologisch korrekte Existenz, darunter so lesenswerte wie Fred Grimms "Shopping hilft die Welt verbessern" oder Leo Hickmans hochamüsantes Buch "Fast nackt. Mein abenteuerlicher Versuch, ethisch korrekt zu leben". Während Grimm vor allem einen Einkaufsführer voller Tipps, Adressen und Anregungen bietet, erzählt Hickman am eigenen Beispiel davon, wie sich allmählich unsere Einkaufs-Perspektive wandelt. Beiden Büchern ist eines gemeinsam: Wenn man selbst im Supermarkt vor einer konkreten Kaufentscheidung steht, helfen sie im Zweifel auch nicht weiter.

Die Öko-Bewegtheit hat nämlich einen Haken, von dem bislang eher selten die Rede war: Richtig einkaufen ist gar nicht so einfach. Abgesehen davon, dass eine 1-a-Shoppingbilanz mit Mehrkosten verbunden ist, die sich viele schlicht nicht leisten können, ist sie an verschiedene Kriterien gebunden, die sich nicht selten widersprechen. Produktionsweise vs. Transport vs. Verpackung vs. Lagerung vs. Entsorgung, usw.

Manches Bio-Produkt ist einwandfrei angebaut, hat dafür eine schlimme Ökobilanz bei Transport und Lagerung. Ob man sein Wasser auf dem Gasherd oder im Kocher erhitzen soll, hängt von manchen Faktoren ab - wo kommt das Gas her, wo der Strom, und was für ein Wasserkocher ist das überhaupt? Was fährt man besser: einen unkaputtbaren Mercedes 200 Baujahr 1985 mit neun Litern Benzinverbrauch oder einen nagelneuen Chevrolet Matiz, sechs Liter, innen randvoll mit Plastik und Schlusslicht in der ADAC-Pannenstatistik? Und wer sagt mir im Supermarkt, welchem Käse, Wein oder Brot nach Abwägung aller Vor- und Nachteile der Vorzug zu geben ist? Ganz genau: niemand.

Am einfachsten wäre natürlich, man verzichtet auf alles. Man lebt also vegan, erledigt alles per Fahrrad oder pedes, macht Urlaub an der Ostsee, deckt seinen Lebensmittelbedarf beim Biohof ums Eck und verzichtet selbstredend auf Klimakiller wie Gefrierschränke, Weichspüler oder Badewannen. Duschen? Am besten im See, wenn's sein muss auch mal zu Hause, dann natürlich ohne Seife.

Wer dagegen halbwegs modern-komfortabel leben will, muss erstens Kompromisse machen und zweitens bestens informiert sein. Höchste Zeit also, möglichst konkrete Antworten auf dringende Käuferfragen zu geben. Beginnen wir der Einfachheit halber mit dem Apfel.

Ein Donnerstagvormittag im Rewe-Supermarkt in der Hoheluftchaussee, einem der größten der Innenstadt. Gleich am Eingang ist die Obstabteilung, darin circa 20 Apfelsorten. Davon Bio: eine. Als wenn das nicht ernüchternd genug wäre, steht auf dem Etikett unter Herkunftsangaben lapidar "Deutschland". Die Verkäuferin sagt auf Nachfrage, sie genaue Herkunft kenne sie nicht, sie vermute aber, die Bio-Äpfel kämen vom Bodensee. Das allerdings wäre für einen Ökopfadfinder wie mich wichtig zu wissen, schließlich liegen Bodensee-Äpfel für Hamburger beim Transport öko-perspektivisch weit hinter Obst aus dem Alten Land.

Der Rest im Angebot hört auf Namen wie Cripps oder Kanzi. Zum Vergleich wählen wir vier Sorten aus, die sich gut unterscheiden lassen: einen Elstar aus dem Alten Land, einen Pink Lady aus Südtirol, einen Bio Jona Gold vom Bodensee und einen Cox Orange aus Neuseeland. Alle vier sehen einigermaßen appetitlich aus, der Elstar wirkt auf den ersten Blick am natürlichsten, aber das könnte auch daran liegen, dass ich die Apfelbäume im Alten Land kenne, die in Neuseeland hingegen nicht. Dem Bodensee-Apfel sieht man seine Bio-Herkunft jedenfalls nicht umgehend an.

An dieser Stelle ist Expertenwissen gefragt. Das Heidelberger IFEU-Institut hat 2009 eine Studie veröffentlicht, die wertvolle Informationen bereithält. Wichtig zunächst: In Europa gewachsene Äpfel können nur von August bis November frisch angeboten werden, in der restlichen Zeit müssen sie in Kühlräumen gelagert werden. Ein Apfel aus Europa hat also im September eine ziemlich gute, im Juli dagegen eine ziemlich schlechte Lagerungsbilanz. Beim Anbau hat die Streuobstwiese den bei Weitem geringsten Energieaufwand, in Plantagen kultivierte Äpfel halten sich in etwa die Waage, egal ob sie aus Niedersachsen oder Neuseeland kommen. Ganz anders beim Transport: Der Energieaufwand für ein Zwei-Kilo-Paket aus Neuseeland ist etwa doppelt so hoch wie für eins aus Südtirol, Letzteres ist wiederum deutlich energieintensiver als ein Apfelpaket aus Jork.

Wir lernen: Am besten kauft man Äpfel aus regionaler Herstellung, mit Bio-Siegel, möglichst lose, ohne Verpackung, und vorzugsweise im Herbst. Nur, was bedeutet das konkret für meine Kaufentscheidung im Rewe Hoheluftchaussee, Anfang Mai?

Silke Schwartau ist Ernährungsexpertin bei der Hamburger Verbraucherzentrale, sie kann helfen. Nach meinen Angaben erstellt sie ein Punkteschema, unterteilt nach vier Kategorien: Anbauweise. Transport. Verpackung. Lagerung. Da die Verpackung bei Äpfeln nicht so stark ins Gewicht fällt, gibt es hier nur maximal zwei Punkte, in den anderen drei Feldern jeweils bis zu vier.

Das Ergebnis ist zumindest in Teilen verblüffend. Der Bio-Apfel landet ganz vorn, obwohl er einmal quer durch die Republik gekarrt werden muss - dass er von der Streuobstwiese kommt, macht die räumliche Entfernung mehr als wett. Am meisten überrascht dagegen, wie deutlich das Obst aus Neuseeland vor dem aus Südtirol landet. Laut Schwartau tun sich die Farmer von der Südhalbkugel und aus Alto Adige (Südtirol) bei Anbaukriterien wenig, die Zahl eingesetzter Pestizide hält sich laut Experten etwa die Waage. Dafür liegt der Kiwi-Apfel bei Lagerung und Transport vorn. Allerdings nur in Frühjahr und Sommer. Im Herbst wird ein Südtirol-Apfel nicht gelagert, dann liegt er im Gesamtklassement vor dem Cox Orange. Anfang August hingegen, wenn ein angebotener Euro-Apfel ein knappes Jahr der Kühlung hinter sich hat, kommt ein Neuseeland-Apfel seiner Ökobilanz ziemlich nah. Im Einzelfall, so Silke Schwartau, könne es umweltschonender sein, "Made in New Zealand" gegenüber "Angebaut im Alten Land" zu bevorzugen.

Fazit des ersten Eco-Shopping-Tests: Um gut zu kaufen, muss man verdammt genau informiert sein. Wozu allerdings einige Eigeninitiative vonnöten ist, denn vor Ort im Supermarkt erfährt man so gut wie nichts. Ein moderner Shopping-Tempel für Ernährungsbewusste aber wäre einer, der Informationen wie die obigen für jedes Produkt bereithält. Klarer Fall für Brüssel, sich endlich mal wieder nützlich zu machen.

Bis dahin unterziehen wir von kommender Woche an je freitags eine neue Waren-Welt unserem Eco-Check.