Dossier: Arm trotz Arbeit

Der Kontrolleur am Flughafen Fuhlsbüttel

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Foto: picture-alliance/ dpa

Bernhard Sommerer ist ein ordentlicher Mensch. Seine Aktentasche hat er zu dem Treffen mitgebracht. In festen Klarsichttaschen sind dort seine Unterlagen verstaut. "Meine derzeitigen Lebensumstände", wie er sagt. Mit gezieltem Griff hat der 45-Jährige, asketisch wirkende Mann die Schreiben parat, die er zeigen möchte: Urteile über Unterhaltszwangspfändung, Auflistungen seiner Schulden, Monatsprotokolle von seinen Schichten als Fluggast-Kontrolleur bei einem privaten Sicherheitsdienst am Hamburger Flughafen. In manchen Monaten hatte er nur einen Tag frei, mehr als 220 Stunden gearbeitet - und muss doch nach Abzug seiner Unterhaltszahlungen mit dem durch Hartz IV festgelegten Satz von rund 840 Euro auskommen: Miete, Heizung, Wasser, Telefon, Reparaturen, Versicherungen zahlt er davon. Zum Leben bleiben ihm rund 200 Euro im Monat. "Irgendwie geht das, man muss eben sparen bei der Kleidung, beim Essen", sagt er. Egal, wie viel er arbeitet, sein Gehalt ist so gering, dass er den festgelegten Unterhalt für seine Kinder nie zusammenbekommt. Alles, was oberhalb von Hartz IV liegt, wird ihm abgezogen. Oder anders: Ob er viel arbeitet, wenig oder gar nicht - er hätte immer das Gleiche zur Verfügung. Unabhängig von der Scheidung - "eine Familie lässt sich so nicht ernähren", sagt er.

Am Nachbartisch in dem Café an der Alster klirrt ein Glas, Kellner wieseln geflissentlich zwischen den Tischen umher; draußen hasten Menschen mit dicken Einkaufstüten über den breiten Gehweg. Lange schon war Bernhard Sommerer nicht mehr hier, wo Hamburg schick und teuer ist. Einen Latte macchiato, dazu ein Stück Kuchen - schon wäre sein Tagesbudget für Verpflegung erschöpft.

Arm trotz Arbeit? Ja, diese Aussage könne auf ihn zutreffen, sagt er vorsichtig. So, als sei er selbst darüber erschrocken.

Doch Sommerer will das nicht mehr einfach so hinnehmen: Er hat nicht nur seinen Arbeitgeber wegen zu geringer Tarifentlohnung verklagt, sondern in einem zweiten Verfahren auch die Bundesrepublik Deutschland auf Festeinstellung. "Das ist schon Champions League diesmal", sagt er und lächelt das erste Mal vorsichtig.

In dieser Woche wurde die Klage in erster Instanz verhandelt, in einem Berufungsverfahren beim Landesarbeitsgericht Hamburg wird nun im Herbst voraussichtlich das Urteil gesprochen. Ein Musterprozess, der auch für 200 weitere Kontrolleure am Hamburger Flughafen gelten dürfte. Möglichweise, so vermuten Juristen, könnte die Klage zudem richtungsweisend für mehr als 10 000 weitere private Sicherheitskräfte bei staatlichen Institutionen sein. Und ein positives Urteil für Sommerer könnte auch so eine Art Hoffnungssignal für viele Menschen sein, die sich derzeit in einer Lohnabwärtsspirale aus verdeckter Leiharbeit, Verlagerung in außertarifliche Arbeitsverhältnisse, Dumpinggehältern und Niedriglöhnen befinden. Mittlerweile, so schätzt der Jesuit und Sozialethiker Friedhelm Hengsbach, macht der Niedriglohnsektor bereits ein Fünftel aller Arbeitsverhältnisse aus. "Aus Flexibilisierung der Arbeitszeit sei Arbeit auf Abruf" geworden, sagt Hengsbach.

Längst sind es nicht nur Dienstleistungsfirmen, sondern es ist vielfach der Staat selbst, der mit Ausgliederungen und Privatisierungen Dumpinglöhne fördert: Sommerer und seine Hamburger Kollegen klagen auf Festanstellung mit besserem Tarifgehalt bei der Bundespolizei. Argument: In dem sensiblen Bereich der Flughafenkontrolle leisten sie hoheitliche, polizeiliche Aufgaben zur Terrorabwehr, die privatisiert wurden, um zu sparen. "Ich frage mich", sagt Sommerer, "warum das private Firmen eigentlich billiger machen sollten, die doch Rendite erzielen wollen?" Gespart, so vermutet er, wird nur an den Löhnen der Leute. Die Bundespolizei will sich dazu trotz Anfragen per Telefon und E-Mail nicht äußern.

Für Sommerer begann der Weg in die Abwärtsspirale mit einem Fehler. Er wuchs in Baden-Württemberg auf und lernte ein Handwerk in der Textilbranche. Die ist mittlerweile aus Deutschland so gut wie verschwunden. Er schulte um, wurde Bürokaufmann, fuchste sich in Buchhaltungsdinge ein und arbeite irgendwann als selbstständiger Dozent. Dann kam die Scheidung, die Trennung von den beiden Töchtern, die bei der Mutter blieben. Sommerer zog in den Norden, fand den Job am Flughafen und landete in der Niedriglohnfalle.

Leistung muss sich lohnen - für Arbeitnehmer wie ihn muss das wie ein Hohn klingen, vor allem wenn sie als "Aufstocker" sogar weniger als den Hartz-IV-Satz verdienen. Die Allgemeinheit füllt die Lücke auf: In Zahlen ausgedrückt heißt das, dass der Staat so mit 8,1 Milliarden Euro im Jahr Firmen subventioniert, die zu wenig zahlen. Paradox wird es, wenn der Staat der Unternehmer ist. Das Geld, das er bei den Gehältern spart, muss er als Hartz-IV-Aufstockung wieder ausgeben. Einziger Gewinner dürfte dabei die Bürokratie sein.

Fragt man Fluggast-Kontrolleur Sommerer, ob sich die viele Arbeit überhaupt noch lohnt und er nicht gleich Hartz IV beziehen sollte, schaut er irritiert. Natürlich brauche ein Mensch Arbeit. "Und wenn man positiv eingestellt ist, dann macht man sie auch ordentlich." Nur es wäre schön, wenn man davon auch leben könnte.

Mehr will er nicht.

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