„Wenn zuviel Spielzeug da ist, ist die Fantasie nicht mehr gefordert"

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Spielen im Wandel der Zeit – ein Gespräch mit Professor André Frank Zimpel von der Universität Hamburg

Hamburg. Beim Spiel entwickeln Kinder ihre Fantasie, sie erlernen die Fähigkeit, sich Dinge gedanklich auszumalen. „Das hat sich im Prinzip in den vergangenen Jahrzehnten auch nicht geändert, nur die Inhalte des Spieles ändern sich“, sagt André Frank Zimpel, Professor für Pädagogik an der Universität Hamburg. „Im Kinderspiel spiegelt sich die Gesellschaft: Die Informationsgesellschaft findet sich als Computer und Laptop im Kinderzimmer wieder.“ Dabei hat Zimpel bei seiner Arbeit jedoch zwei Tendenzen beobachtet, die ihn nachdenklich stimmen. Die Spielzeugindustrie entdeckt Kinder mehr und mehr als Konsumenten, und die Bildungsansprüche vieler Eltern verhindern eine kindgemäße Entwicklung. „Die Kinderzimmer sind voller Spielzeug, was die Folge hat, dass Kinder immer häufiger überfordert sind“, erläutert Zimpel. „Sobald sich ein Kind in ein Spiel hinein vertieft hat, wartet schon das nächste Spielzeug.“ Konkrete Studien für diese Trends gebe es noch nicht, man könne das aber den Verkaufszahlen festmachen. „Früher war das Angebot an Kinderspielsachen viel überschaubarer“, sagt Zimpel. „Zudem nimmt die Zahl an Bildungsangeboten für Kinder zu.“


Hamburger Abendblatt:

Herr Zimpel, Sie sprechen in ihrem Rückblick auf die neuere Geschichte des Spielens von zwei zeitkritischen Anmerkungen – der Bildungsdruck auf der einen und die Vergewaltigung der Kinder durch die Spieleindustrie auf der anderen Seite. Welcher Bildungsdruck ist gemeint?

André Frank Zimpel: Das Spiel tritt im Vergleich zu vergangenen Jahrzehnten immer früher in den Hintergrund zu Gunsten von Bildungsansprüchen und Bildungszielen. Englisch und Chinesisch im Kindergarten, Klavier- und Ballettstunden in der Grundschule. Dabei kann dieses Lernen nur fruchtbar sein, wenn es in das kindgemäße Spiel einfließt.


Hamburger Abendblatt:

Wie wirkt die Spielzeugindustrie auf die kindliche Entwicklung ein?

André Frank Zimpel: Der Sinn des Spiels besteht darin, die Fantasie zu entwickeln. Kinderspielsachen sind eigentlich Gedächtnisstützen, wenn zuviel Spielzeug da ist, ist die Fantasie nicht mehr gefordert. Die Reizüberflutung führt dazu, dass der eigentliche Effekt des Spielens nicht eintritt. Das viele Spielzeug hat einen andauernden Aufforderungscharakter: Das Aufmerksamskeitsoptimum der Menschen hat ein Optimum bei drei oder vier Alternativen, damit können wir am besten hantieren. Deshalb ist es am besten, Kindern eine Auswahl von drei oder vier Spielzeugen zu geben.


Hamburger Abendblatt:

Warum ist das Spiel überhaupt so wichtig, für die kindliche Entwicklung?

André Frank Zimpel: Das Spiel ist deshalb so wichtig, weil Kinder im Spiel lernen, sich Dinge gedanklich auszumalen. Sie sollten sich in diesen eingebildeten Situationen ihre Wünsche erfüllen können. Wünsche sind Zeichen sich entwickelnder Fähigkeiten.


Hamburger Abendblatt:

Welchen Wunsch hat ein Kind, das mit einem Laser-Schwert spielt?

André Frank Zimpel: Das Spiel mit einem Laser-Schwert kann mit dem Wunsch einhergehen, respektiert zu werden. Gerade auch bei einem solchen Spiel entwickelt sich Fairness: Wenn ein Spiel keinen Spaß macht, weil es weh tut, kann das eine wichtige


Hamburger Abendblatt:

Sollten Eltern bei Waffenspielen nicht einschreiten?

André Frank Zimpel: Eltern sollten das Spiel ihrer Kinder nicht zu sehr werten, sie sollten sich nicht mit dem Spiel aus der Erwachsenen-Perspektive auseinandersetzen. Ein Kind, das mit Waffen spielt, muss als Erwachsener nicht gewaltig werden, ein Spiel mit Spielzeugwaffen kann auch viele positive Dinge erkennbar und erfahrbar machen. Und Verbote bringen einen sowieso nicht weiter: Verbotene Spiele sind die reizvollsten. Alle Versuche, von dem Spielverhalten auf das spätere Leben zu schließen, sind gescheitert.