Hamburg-Wandsbek

Ein Ort wider Verdrängen und Vergessen

Foto: Patrick Piel

Neue Gedenkstätte erinnert an das frühere KZ-Außenlager "Wandsbek-Drägerwerke". Einige Häftlinge von damals kamen zu der Einweihung.

Hamburg. "Dort drüben neben dem alten Waschkübel", sagt Neonila Kurljak und zeigt auf einem großen Bottich aus Beton, "da habe ich einmal, das weiß ich noch ganz genau, 25 Peitschenhiebe bekommen. Wahrscheinlich, weil ich nach Meinung der Aufseher wieder mal dumm geguckt oder etwas Falsches gesagt hatte." Ihre Stimme ist fest, als die 83 Jahre alte Frau das sagt. Fest und ohne Zorn, ohne Verbitterung. Eher geprägt von Zufriedenheit. Zufriedenheit darüber, dass sie nun, 65 Jahre nach Kriegsende, in Frieden und Freiheit an jenen Ort zurückkehren konnte, an dem sie einst als Opfer des nationalsozialistischen Terrorregimes Leid und Elend erfahren musste.

Denn die Ukrainerin Neonila Kurljak war in den Jahren 1944 und 1945 Gefangene im "Außenlager Drägerwerke" des Konzentrationslagers Neuengamme in Wandsbek. Dort nahm sie am Sonnabend, gemeinsam mit zwei weiteren Lagerinsassinnen von damals sowie mehr als 200 weiteren Gästen, an der Einweihung der neu gestalteten Gedenkstätte teil.

Sechs Granitplatten in Form von "Häftlingsdreiecken", die die KZ-Inhaftierten seinerzeit auf ihrer Kleidung tragen mussten, sind es, die seit dem Wochenende in Wandsbek an der Ahrensburger Straße 162 an die ehemaligen Zwangsarbeiterinnen der Drägerwerke erinnern. Auf den mit Glas überzogenen Platten sind die Geburtsdaten und Namen all jener Ex-Gefangenen eingraviert, die die Historiker bislang zusammentragen konnten. Rund 500 sind es bis dato, vermutlich fehlen noch zahlreiche. Namen sind das, hinter denen Schicksale stehen: die von Frauen aus Osteuropa nämlich, die zwischen Juni 1944 und April 1945 aus dem KZ Ravensbrück nach Wandsbek abkommandiert worden waren, wo sie für die Lübecker Firma Dräger Gasmasken anfertigen mussten, die beim von den Nazis zwischenzeitlich geplanten Giftgaskrieg an der Ostfront zum Einsatz kommen sollten. Wegen der äußerst widrigen Arbeits- und Lebensbedingungen im Lager "Drägerwerke" starben viele der Zwangsarbeiterinnen, zumeist an Entkräftung, zahlreiche aber auch durch Hinrichtungen.

"Wir müssen das Bewusstsein an diesen allzu oft vergessenen Ort unheilvollen Leids wachhalten und an ihm immer wieder zur Erinnerung und zum Nachdenken innehalten", sagte Detlef Garbe, Leiter der KZ-Gedenkstätte Neuengamme, bei seiner Ansprache. Stefan Romey, Autor des Buches "Ein KZ in Wandsbek", lobte in seiner Rede das Engagement der Bewohner des benachbarten Wohngebietes "An der Rahlau": "Nachdem die Gedenkstätte vor einigen Wochen von Anhängern des braunen Ungeists geschändet wurde, haben Sie umgehend gehandelt, indem Sie die schlimme Tat gemeldet und dann beseitigt haben - bravo!" Romey appellierte darüber hinaus an die Anwohner, die Gedenkstätte so zugänglich wie möglich zu machen: "Versetzen Sie bitte den Zaun, der Ihre Häuser zur Gedenkstätte hin abgrenzt und durch diese verläuft, etwas nach hinten, damit die Stätte nicht auseinandergerissen wird!" Bei der Feierstunde zugegen war unter anderem auch die Hamburger Bischöfin Maria Jepsen.

Auch wenn die Gedenkstätte des KZ-Außenlagers "Drägerwerke" nun eingeweiht ist, fertiggestellt ist sie noch nicht: Zurzeit nämlich arbeiten Schüler des Wandsbeker Charlotte-Paulsen-Gymnasiums an einem Kunstwerk, das voraussichtlich gegen Ende des Jahres an dem Mahnmal aufgestellt werden soll. Neonila Kurljak sowie ihre beiden ehemaligen Lager-Kameradinnen Ljudmila Subowskaja, 82, aus der Ukraine und Natalija Radschenko, 85, aus Weißrussland begrüßen dieses Projekt sehr: "Wir freuen uns außerordentlich, dass gerade die Jugendlichen - in deren aktuellem Alter wir einst von den Nazis verschleppt wurden - sich aktiv mit der Vergangenheit beschäftigen. Denn sie sind es, die daraus die Zukunft formen."