Unter vollen Segeln

Den 821. Hafengeburtstag feierten mehr als 1,2 Millionen Besucher. Das Abendblatt war mit einem Schweizer und seinen Söhnen unterwegs

Wenn der Hafen Geburtstag feiert und Hamburg sich selbst, dann werden die Gratulanten zu Hunderttausenden angespült - von U- und S-Bahn. Auch zum 821. Hafengeburtstag waren wieder mehr als 1,2 Millionen Gäste an den Landungsbrücken eingelaufen. Manche waren nur aus A wie Altona zum größten Hafenfest der Welt angereist, andere aus Z wie Zürich.

Wie Roland Meyer, 44, Geschäftsmann aus der Schweiz. Mit seinen beiden Söhnen, dem zehnjährigen Marc und dem achtjährigen Maurice, wollte er sich Schiffe anschauen, einige der mehr als 300 schwimmenden Gäste besuchen. "Sea World" statt Bergwelt eben. Männernachmittag auf einem maritimen Volksfest - bei "Hamburger Wetter, oder?", fragten die drei Meyers.

Zugegeben, die Luftfeuchtigkeit war recht hoch am Wochenende. Anders ausgedrückt: Hamburg, knapp zehn Grad, leichter Nieselregen, Mützen und Windjacken sitzen. Roland Meyer und seine Söhne sind bereit, sich treiben zu lassen, von der Strömung der Menschenmasse.

Und, wie passen Party auf dem Wasser und Rummel an Land in das Bild, das man in der Schweiz von der Hansestadt hat? "Gut", sagt Roland Meyer, während er mit seinem iPhone die Schlepper auf der Elbe fotografiert. "Im Hafen schlägt doch das Herz dieser Stadt, heißt es." An diesem Nachmittag steht die Stadt allerdings kurz vorm Herzinfarkt. Denn eine Attraktion jagt die nächste, mehr als 200 Punkte stehen auf dem Programm. Dabei führen alle Wege am Ende zum Kreuzfahrtterminal in der HafenCity. "Hier fahren heute alle Schiffe zur ,Queen Mary 2'", klärt schon ein Riesenplakat an den Landungsbrücken auf. "Dieses Kreuzfahrtschiff will ich unbedingt sehen", informiert Marc seinen Vater und den jüngeren Bruder. Eine Audienz bei der "Königin der Meere" scheint also Pflicht. Wie man sie erreicht, Kür. Die Familie entscheidet sich für den Landweg.

Vorbei an Losbuden, denen der Ruf "Gewinäää, Gewinäää" vorauseilt, und vorbei an mobilen Cocktailbars, denen an diesem herbstlichen Frühlingstag die Glühweinstände (2 Euro pro Becher) den Gewinn abgraben, geht es durchs Getümmel. Marc sieht irgendwann nur noch Herzen. Aus Lebkuchen. Es gibt für jeden Geschmack eins, für HSV-Anhänger wie für die Fans der Kiez-Kicker. "Ich finde den FC St. Pauli besser", sagt Grundschüler Marc. Praktisch. Kann der Zehnjährige doch an diesem Wochenende gleichzeitig den Geburtstag des Hafens und den Aufstieg seiner Hamburger Lieblingsmannschaft feiern. "Wenn wir schon einmal hier sind, müssen wir Fischbrötchen essen", sagt Vater Roland, der einige Semester an der Elbe studiert hat. Man könnte aber auch eine bayerische Brotzeit zu sich nehmen oder eine Thüringer Bratwurs im Brötchen. Denn die kulinarische Welt ist dicht gedrängt zu Gast im Hafen.

Gestärkt gehen die Meyers an Bord der "Rickmer Rickmers", wo die beiden Jungen fürs Foto das Steuer übernehmen. "Da möchte ich drauf!", ruft Maurice begeistert und zeigt auf den französischen Hubschrauberträger "Jeanne d'Arc". Insgesamt nutzten an den vergangenen drei Tagen mehr als 40 000 Besucher das Angebot, an Bord der verschiedenen Schiffe und Marineeinheiten zu gehen.

Marc und Maurice interessieren sich allerdings nicht nur für Schiffe, sondern auch für das Riesenrad. Auf dem Weg dorthin wird gleich das gemeine Vorurteil widerlegt, die Norddeutschen seien immer so nüchtern. Entlang der Theken ist das jedenfalls unüberhörbar anders. Eine Gruppe verkleideter Frauen kommt der Familie entgegen. "Sind das Matrosen?", fragt Maurice interessiert. Zeit, den Begriff "Junggesellinnenabschied" zu erklären.

Roland Meyer blickt interessiert Richtung Elbphilharmonie. "Hamburg ist natürlich auch für seine Architektur bekannt." Und das künftige Wahrzeichen, entworfen von dem Baseler Architekturbüro Herzog & de Meuron, macht auch in den Schweizer Tageszeitungen Schlagzeilen. "Der Termin der Eröffnung hat sich doch gerade erst wieder verschoben. Aber ein Hingucker wird dieses Konzerthaus auf jeden Fall."

Maurice ist derweil gedanklich bei Abramowitschs Megayacht "Eclipse", von der sein Vater ihm wenige Minuten zuvor kurz erzählt hatte. Überzeugend tut Maurice kund: "Wenn ich groß bin, möchte ich auch mal so ein tolles Schiff besitzen wie dieser Abraham."

Die Familie erreicht das Riesenrad, den "Star of Berlin". Von hier genießt sie der Blick über den Hafen. "Da hinten", ruft Marc aufgeregt, "da ist die ,Queen Mary'!" Doch, Hamburg sei schon eine Reise wert, findet Roland Meyer. "In der Schweiz fehlt einfach das Wasser."

Der Hafen hatte Geburtstag - und hat selbst etwas verschenkt: eine schöne Zeit. Wirtschaftssenator Axel Gedaschko (CDU) sagte es so: "Unser Hafen hat einmal mehr gezeigt, dass er nicht nur ein wichtiger Wirtschaftsfaktor ist, sondern auch ein touristischer Magnet."