Debatte

Die Uni Hamburg muss im Herzen der Stadt bleiben

Der frühere Universitätspräsident rechnet vor, dass schon ein Teil des Geldes für den Umzug ausreicht, um die Hochschule wissenschaftlich aufwerten zu können

In der Diskussion um die künftigen Standorte der Universität Hamburg scheint die Zeit der kleinen Muskelspiele zwischen den Bezirksamtsleitern gekommen zu sein. Die Universität ist dessen überdrüssig. Aber sie schweigt seit Langem. Was wäre in der Sache zu sagen?

Auf dem kleinsten Finger des kleinen Grasbrooks, der bisher dem Überseezentrum als Standort diente, sollen ab 2020 die Wirtschafts- und Sozialwissenschaften sowie die großen Naturwissenschaften in vollkommener Isolation stationiert sein, Seite an Seite mit der größten europäischen Auto- und Früchteverladung. Es ist schon aus Gründen wirtschaftlicher Nutzung nicht schwer zu erraten, dass ab 2030, wenn die Mietverträge auf dem O'Swaldkai auslaufen, auch die Geistes-, Erziehungs- und Rechtswissenschaften hier landen könnten, gegen alle taktische Frontbegradigung, auf die man sich gegenwärtig geeinigt hat.

Betroffen von dieser Verlagerung sind zunächst 1200 Bedienstete und 18 000 Studierende, darunter 4500 der Lehrämter. Tausende müssten mit einer Einbuße von zwei bis vier Semesterwochenstunden täglich zum Grindel pendeln. Eine Verlängerung der U 4 auf die Elbinsel und weiter nach Harburg ließe sich in den nächsten zehn Jahren nur finanzieren, wenn das Stadtbahn-Projekt dafür aufgegeben würde. Ein Test dafür, ob die Universität ein bloßer Spielball der Stadtentwicklungspolitik ist oder ihre eigene Zukunftsentwicklung ernst genommen wird.

Weitaus gravierender fällt ins Gewicht, dass auf der kleinen Fläche des Überseezentrums von 250 000 Quadratmetern die Lehr- und Forschungsgebäude dicht an dicht ohne nennenswerte Park- und Grünflächen erbaut werden müssten: gefürchtet von allen, die die seelenlosen betonierten Universitätsvorstädte vergangener Baukampagnen aus einem Guss kennen.

Die Kosten für diese "Stadtentwicklung", die Wohnbereiche so gut wie gar nicht einschließen kann, werden grob mit zwei Milliarden Euro angegeben.

Dieser Betrag ist von der Senatorin für Wissenschaft und Forschung, Herlind Gundelach, vor der Universitäts-Gesellschaft genannt worden. Würde der Senat den objektiven Nutzen einer solchen Investition genau abschätzen, so wäre es besser, mit weniger als einem Drittel dieses Betrages, 600 Millionen Euro, die Universität am Standort vor dem Dammtor zu sanieren, zu modernisieren und zu erweitern.

Mit zwei Dritteln des Geldes ließe sich über 20 Jahre mit jährlich 70 Millionen Euro die Unterfinanzierung der Universität beseitigen, sodass ihre internationale Konkurrenzfähigkeit gerade in den Spitzenfächern zeitnah und auf Dauer gestärkt würde.

Es besteht Anlass zu diesem Hinweis. Denn die Universität Hamburg ist im Förderranking der Deutschen Forschungsgemeinschaft schon in den 1990er-Jahren aus den Top Ten herausgefallen, unter anderem weil ihr Budget um 15 bis 20 Prozent gekürzt wurde. Im Förderzeitraum 2002 bis 2007 ist sie von sieben anderen Universitäten überholt worden; sie fiel von Platz 14 auf Rang 21.

Zu viel Kraft wurde in die Umsetzung der unnötigen staatlichen Reorganisation, zu wenig Geld in die Grundausstattung investiert. Die Naturwissenschaften hielten sich jedoch auf dem hervorragenden dritten Platz (Geisteswissenschaften Platz 12, Medizin/Biologie 23, Ingenieurwissenschaften 50). Spitzenfächer sind die Klimaforschung, die Physik der kondensierten Materie und die Teilchenphysik, die Weltgeltung besitzen. Diese forschungsintensiven Fächer und viele, die in anderen Bereichen ähnlich gut sind, aber nicht so stark gefördert werden, sehen der bevorstehenden politischen Entscheidung mit der Sorge einer Wahl zwischen Pest und Cholera entgegen.

Die Cholera wäre es, zehn Jahre auf einem absterbenden Ast sitzen zu bleiben und dann in die Isolation zu geraten auf einer schlickgefüllten Marschinsel, auf der man Forschung im Nano- und Atmosphärenbereich weder erschütterungsfrei noch gesichert gegen Schadstoffeintrag und Lärmbelästigung betreiben kann; ein unaufgebbarer Standort der Hafenwirtschaft, ein unmöglicher Platz für die Wissenschaft.

Die Pest wäre es, wenn die Politik weiterhin ihre Blockade gegen eine Modernisierung des historischen, einzigartigen Standorts zwischen Rothenbaumchaussee und Bundesstraße aufrechterhielte.

Die Universität ist dort fest verankert, sie wartet seit zehn Jahren auf die notwendigen Investitionen.