Hittfeld

Kinderarzt: Eltern sollten nicht Dr. Google fragen

| Lesedauer: 6 Minuten
Lena Thiele
Einer kommt, einer geht: Kinderarzt Georg Bingel (l.) übergibt seine Praxis an seinen Nachfolger Marcel du Moulin.

Einer kommt, einer geht: Kinderarzt Georg Bingel (l.) übergibt seine Praxis an seinen Nachfolger Marcel du Moulin.

Foto: HA

Hittfelder Mediziner Dr. Georg Bingel geht nach 17 Jahren in Ruhestand. Seinen älteren Patienten rät er zu mehr Mut zum Bauchgefühl.

Hittfeld. Sich Zeit für seine Patienten zu nehmen, das sei für ihn immer wichtig gewesen, sagt Dr. Georg Bingel. 17 Jahre hat er Kinder aus Hittfeld und Umgebung behandelt. Vor einem Jahr gab er seine Praxis an der Hittfelder Schulstraße in die Hände seines Nachfolgers Dr. Marcel du Moulin. In den vergangenen Monaten hat der Kinderarzt sich langsam aus dem Praxisalltag zurückgezogen, jetzt ist er in den Ruhestand gegangen.

„Es ist schon Wehmut dabei“, sagt Georg Bingel. „Diese Arbeit ist ja keine Einbahnstraße, man wächst als Arzt mit den Kindern mit. Zu sehen, wie sie sich entwickeln, das ist ein Lebenselixier.“ Einige der Jugendlichen, die er von der Geburt bis zum Erwachsenwerden begleitet hat, haben ihn im vergangenen Jahr noch einmal besucht. Der Kinderarzt zeigte ihnen die Bilder, die sie mit vier oder fünf Jahren bei den Vorsorgeuntersuchungen in seiner Praxis gemalt hatten. „Die Mädchen haben gelächelt, die Jungen haben alles abgestritten.“

Erst studierte er Sonderpädagogik, dann noch Medizin

Zu seinem Beruf kam der heute 65-Jährige auf Umwegen. Georg Bingel wuchs in Südhessen mit sechs jüngeren Geschwistern auf, darunter ein behinderter Bruder. Schon früh war ihm klar, dass er einmal mit Kindern arbeiten wollte. Daher studierte er zunächst Sonderpädagogik, entschied sich nach dem Abschluss jedoch noch für ein Studium der Medizin. Das Medizinische hatte ihn schon im ersten Studium am meisten interessiert. Nach einiger Zeit in einer Klinik im Rheinland kam der Kinderarzt 1996 in den Norden, in eine Gemeinschaftspraxis in Wilhelmsburg.

„Das war eine wertvolle Erfahrung“, sagt Georg Bingel, dessen Interesse von Anfang an besonders der Entwicklungsneurologie und Psychosomatik galt. Nach fünf Jahren wechselte er in eine Praxis nach Seevetal, bevor er 2003 seine eigene Praxis in Hittfeld eröffnete, wo er mit seiner Frau wohnt. Die Familie Matthies hatte ihm Räume angeboten, die zuvor als Lager für ihr nahe gelegenes Gartencenter dienten.

Lesen Sie auch:

In seinen 33 Berufsjahren ist ihm nie langweilig geworden. „Die Kinder haben mich immer wieder überrascht und manchmal auch sprachlos gemacht“, sagt Georg Bingel. Wie der kleine Junge, der auf die Frage nach seinem Berufswunsch „Privatier“ antwortete. Oder die Vierjährige, die ihm von einem Freund erzählte, den sie auch heiraten wollte. „Irgendwann war klar, dass sie mich meinte.“

Psychisch bedingte Beschwerden bei Kindern zugenommen

Der Kinderarzt hat über die Jahre auch medizinische und gesellschaftliche Veränderungen beobachtet. So hätten psychisch bedingte Beschwerden zugenommen – oder die Sensibilität dafür sei gestiegen, das sei nicht eindeutig, sagt der Mediziner, der sich stets fachlich auf dem Laufenden hielt. „Ich habe den Eindruck, dass der Alltag für Kinder und Eltern schwieriger geworden ist. Der Druck hat zugenommen“, sagt Georg Bingel. So werde vielfach erwartet, dass alle Kinder bei den Vorsorgeuntersuchungen die höchsten Vergleichswerte erreichten. „Der Maßstab hat sich nach oben verschoben. Aber es gibt nun einmal eine Normalverteilung mit Langsamlernern und Schnelllernern.“

Natürlich seien manchmal klare Kriterien notwendig, zum Beispiel für die Einschulung, sagt der Kinderarzt. „Aber davon abgesehen ist es doch auch spannend, dass nicht alle Kinder gleich sind. Wir müssen die Kinder wieder mehr als Individuen betrachten.“

Bei der Einschätzung, ob ihr Kind gesund sei und sich altersgerecht entwickele, sollten Eltern auf eine ausgewogene Mischung aus Information und Intuition setzen. Viele Mütter und Väter seien verunsichert, wenn ihr Kind Krankheitssymptome zeigt, und suchten im Internet Rat. Wenn ein Kind zweimal brechen müsse, könne das in seltenen Fällen auf eine Hirnhautentzündung hinweisen. Aber meistens sei es doch eine Magen-Darm-Infektion, sagt Georg Bingel. „Ich wünsche mir, dass Eltern nicht immer Dr. Google befragen, sondern mehr auf ihr Bauchgefühl hören.“

Die Corona-Pandemie habe bei seinen Patienten keine bedeutsamen Veränderungen gebracht. Von anderen Kollegen habe er aber von einem deutlichen Plus beim Gewicht der Kinder gehört. Und auch er habe vereinzelt beobachtet, dass Schulkinder ängstlicher wurden. „Kinder, die sehr sensibel sind, haben sich in dieser Zeit viele Gedanken gemacht.“ Insgesamt war es im vergangenen Jahr in der Praxis ruhiger als sonst. So konnte Georg Bingel sind nach und nach zurückziehen. Ganz draußen zu sein, könne er sich aber auch in Zukunft nicht vorstellen, sagt der Mediziner. Deshalb übernimmt er weiterhin Not- und Bereitschaftsdienste an der Altonaer Kinderklinik und an der Helios Mariahilf Klinik in Harburg.

Mehr Zeit fürs Gitarrespielen, einkaufen und kochen

In Zukunft wird er aber auch mehr Zeit für andere Dinge haben, zum Beispiel für das Gitarrespielen. „Das habe ich im Februar nach 50 Jahren wieder neu angefangen und es macht mir viel Spaß.“ Er ist jetzt viel mit dem Fahrrad unterwegs und zu Hause häufiger fürs Einkaufen und Kochen zuständig. Vorstellen kann er sich auch, als Arzt kürzere Einsätze in Ländern zu übernehmen, in denen die medizinische Versorgung nicht so gut wie hierzulande ist. Und auch für die Familie will Georg Bingel sich Zeit nehmen. Vor wenigen Wochen ist sein Enkelkind geboren.


Sein Beruf habe ihn sehr geprägt, sagt der Kinderarzt. Auch wenn es schwierige Tage gab, hat er die Arbeit mit Kinder immer als sehr positiv empfunden. „Bei den Kindern und ihren Eltern, die mich über die Jahrzehnte begleitet haben, möchte ich mich bedanken. Das war ein sehr fruchtbares Erleben.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Altona