Hamburg

Hier gibt es alles, was die Welt nicht braucht

Der Mann, der "den Alltag bespaßt": Michael Lohmann, ein Diplom-Soziologe, biete in seinem Geschäft Lindli in Hamburg-Ottensen auf 50 Quadratmetern rund 800 Scherzartikel an.

Der Mann, der "den Alltag bespaßt": Michael Lohmann, ein Diplom-Soziologe, biete in seinem Geschäft Lindli in Hamburg-Ottensen auf 50 Quadratmetern rund 800 Scherzartikel an.

Foto: Andreas Laible / Funke Foto Services

Das Lindli in Ottensen ist eine Fundgrube für erwachsene Kinder. Zum Jahreswechsel brummt das Geschäft mit Scherzartikeln.

Ottensen. Wer sein Gesicht im Handspiegel betrachtet, erntet lautes Gelächter. Zum Wiehern, diese Visage. Wem danach gelüstet, reife Zitrusfrüchte auf dem Kopf unserer Kanzlerin auszuquetschen, findet die passende Saftpresse. Und wer seine Allerliebste zum Jahreswechsel mit einem Ziegelstein bewerfen möchte, geht kein Risiko ein: Das täuschend echte Teil ist aus Styropor gefertigt. Beim Aufprall scheppert es, als sei ein Schaufenster zu Bruch gegangen.

Was im Falle des Geschäfts Lindli besonders schade wäre: Die Auslage draußen weist auf die skurrile Vielfalt drinnen hin. Aufziehbare Seniorinnen mit Dutt und Rollator, Klorollenverstecke, Kugelschreiber mit Katapult und ein wackelnder Einstein mit Solarfunktion sind Beispiele eines Kuriositätenkabinetts, das in Hamburg seinesgleichen sucht. Motto des Ladens: „Alles, was die Welt nicht braucht.“ Gemeint ist eine Ansammlung überflüssiger Produkte für Leute, die fast alles haben. Überraschende Effekte und Spaß am Schnickschnack stehen im Mittelpunkt.

Das Lindli in Ottensen – das Paradies für Ausgefallenes

„Ich verkaufe ausschließlich Waren, die mir selber Freude machen“, sagt Inhaber Michael Lohmann. Vor Weihnachten und zwischen den Jahren brummt es im kleinen Geschäft im Herzen Ottensens besonders. Im Dezember werden fast 20 Prozent des Jahresumsatzes verbucht. Wer keine Socken, Gutscheine, kitschigen Ferkel mit Glückscent im Maul und keinen Glücksklee mit Schornsteinfegern haben will, kommt im Paradies für Ausgefallenes auf seine Kosten.

Lohmann kultiviert mit 57 Jahren das Kind im Manne lustvoll. Auf 50 Quadratmetern offeriert er gut 800 Artikel. Ausländische Reiseführer listen den Laden an der Bahrenfelder Straße 129, zwischen Spritzenplatz und Zeise-Kino zentral gelegen, als Fundgrube für Nippes der besonderen Art, als Dorado für Menschen mit Faible für Unnützes.

Das 1991 gegründete Geschäft kam zufällig auf die Sprünge. Die Vermieterin suchte einen zuverlässigen Betreiber für den Laden, in dem zuvor Vogelfutter, Gartengeräte und Blumensamen feilgeboten wurden. „Wisst ihr jemanden?“, fragte sie ihren Wohnungsmieter Lohmann. Dessen Lebensgefährtin Linda griff kurzentschlossen zu. Lindli war geboren. Es gab Dekoration, Geschenke, Spiele, eine umfangreiche Kollektion hochwertiger Kerzen. Letztere füllt nach wie vor den hinteren Teil des Raumes.

„Der Chef ist ein großer Junge.“

Anfangs half Lindas Freund Michael nur aus; 1996 übernahm er in Eigenregie. Der diplomierte Soziologe hatte seinen Traumberuf gefunden. „Ich darf jetzt jeden Tag spielen“, jubelt er. Vier weibliche Aushilfen, fast allesamt ehemalige Kundinnen, stehen ihm zur Seite. Stammbesucher berichten: „Der Chef ist ein großer Junge.“ Einer, der den Alltag bespaßen will.

Beim Abendblatt-Termin vor Ort bestätigt sich dieser Eindruck. Aus einigen Minuten werden zwei Stunden. Lohmann tigert beseelt durch sein Geschäft, kann sich nicht sattsehen an der eigenen Warenwelt, legt immer wieder Hand an, probiert aus. Er ist ein großes Spielkalb. Früher war er auf Messen unterwegs. Heute kauft er bei Handelsvertretern und Erfindern, forscht im Internet nach Kuriosem, lässt sich von Kunden auf Ideen stoßen. Holländer und Niederländer, heißt es, haben einen ausgeprägten Sinn für Nonsens.

Irgendwann stand der Entwickler eines Sixpackgurtes in der Tür, ein Hamburger. Praktisch für Schluckspechte, die das Bier bei sich tragen und trotzdem die Arme frei haben wollen. Renner sind bei Lichteinfall wackelnde Figuren wie der Papst, Einstein, die Queen, aufziehbare Omas mit Rollator, zuckende Hundehaufen, das Tyrannen-Quartett oder Schmeißfliegen aus Plastik. Unauffällig im Drink der Schwiegermutter platziert, gewinnt Silvester so an Fahrt. Theaterblut und mit winzigen Mausefallen bestückte Kaugummipackungen erfreuen sich zeitloser Beliebtheit. Bei Anhängern schrägen Geschmacks.

„Anti-Stress-Trump“ zum Knautschen und Deformieren

Beim Kartenspiel mit 32 Fußballskandalen zeigt sich, wer Meister ist. Eine Stimmenverzerrbox garantiert nicht nur beim Kindergeburtstag famose Stimmung: Auf einen Chip gesprochene Sätze werden ulkig wiedergegeben. Der „Anti-Stress-Trump“ befindet sich derzeit nicht im Angebot. Der entsprechende Kopf aus Schaumstoff konnte nach Belieben geknautscht und deformiert werden. Mitbürgern mit Entscheidungsschwäche kann ein Gerät mit Zufallsgenerator empfohlen werden. Damit gibt’s immer eine Lösung.

Fast immer. Denn der Internet-Auftritt von Lindli ist ausbaufähig. „Eigentlich ist die Idee super“, sagt Michael Lohmann. Eigentlich. Denn bei bestimmten Betriebssystemen schaut der Betrachter in die bunte Leere. Wird noch dran getüftelt, sagt der Bastler. Er hat einfach zu viel zu tun mit der Hege und Pflege des geliebten Sammelsuriums.

Aktuell begehrt ist der „Klimakata­strophenbecher“: Je nach Wärmegrad des Getränks verändert sich die Weltkarte. Ein Kunststoffei, zum Mitkochen in den Topf gelegt, spielt unterschiedliche Melodien – je nach Härtegrad. Zum Beispiel „San Francisco“ für Weicheier. Ein Erste-Hilfe-Set für wehleidige Typen bei einer Männergrippe enthält neben Taschentüchern ein Testament. Praktisch. Und wer im Fahrradsattel Gesellschaft sucht, kann sich einen künstlichen Nager zwischen die Speichen klemmen. Der bewegt sich dann. Wie im Hamsterrad.