Altona

Lärm, Abgase, Staus: Max-Brauer-Allee sorgt für Ärger

Die Bewohnerinnen des Nyegaardstifts klagen über Asthma, Herz- und
Lungenerkrankungen, ausgelöst durch die Umweltbelastung

Die Bewohnerinnen des Nyegaardstifts klagen über Asthma, Herz- und Lungenerkrankungen, ausgelöst durch die Umweltbelastung

Foto: Roland Magunia / HA

Die Bewohnerinnen des Nyegaardstift in Altona schlagen Alarm wegen Lärm und Umweltbelastung. Viele leiden unter Atemwegserkrankungen.

Hamburg.  Der Nyegaardstift strahlt eine Trutzigkeit aus, der ihn als Rückzugsort wie geschaffen erscheinen lässt. So ist die u-förmige Wohnanlage mit dem kleinen Park im Zentrum an der Schwelle zum 20. Jahrhundert von der Mäzenin Hedwig von Nyegaard, der Witwe eines dänischen Offiziers, schließlich auch konzipiert worden: als Ruhesitz für alleinstehende, mittellose Damen.

Doch mit der Ruhe ist es im „Altonaer Schloß“, wie der markante Bau von vielen genannt wird, längst vorbei. Vor dem schmiedeeisernen Zaun tost auf der angrenzenden Max-Brauer-Allee der Hamburger Verkehr. So laut und so schmutzig wie auf kaum einer anderen Straße der Hansestadt.

„Wenn es regnet, ist es besonders laut“, sagt Charlotte Lill, 69, deren Wohnung im Hochparterre liegt. Wirklich ruhig sei es allerdings so gut wie nie, bestätigt auch die 67-jährige Maria Wendeler: „Wenn wir mal durchlüften wollen, können wir das eigentlich nur nachts um zwei machen. Am Tag die Fenster zu öffnen, ist praktisch unmöglich, da Wohn- und Schlafzimmer direkt zur Max-Brauer-Allee liegen.“

Die dicke Luft und der Abgasruß, der sich immer rascher wie ein klebriger Film auf die Fensterrahmen lege, macht viele der 70 Einwohnerinnen des Stifts krank. „Ich leide zunehmend unter Asthma und Herzrhythmusstörungen“, klagt etwa Karina Conrad, 75. Doch hätten viele Bewohnerinnen beständig mit Atemwegserkrankungen und Herz-Kreislauf-Problemen zu tun. „Da können wir viele Atteste vorlegen“, sagt Maria Wendeler.

Und die Belastung durch den Straßenverkehr nehme zu. Immer öfter komme es zu Dauerstaus im Berufsverkehr. „Es wird mit jedem Jahr schlimmer: das sieht man, das riecht man, das hört man“, so Charlotte Lill.

"Max-Brauer-Allee ist das absolute Sorgenkind“

Dieses Urteil entspringt keineswegs nur einem Gefühl. Es wird durch konkrete Messergebnisse faktisch untermauert. Denn eine der Hamburger Luftmessstationen steht direkt vor dem Amtsgericht an der Max-Brauer-Allee. „An vielen Messpunkten der Stadt werden die zulässigen Grenzwerte überschritten. Aber nirgends so eklatant wie an der Max-Brauer-Allee, sie ist das absolute Sorgenkind“, sagt Manfred Braasch, Landesgeschäftsführer des BUND.

Der seit 2010 geltende EU-weit geltende Grenzwert für Stickstoffdioxid liegt bei einem Jahresmittel von 40 Mi­kro­gramm pro Kubikmeter. An der Max-Brauer-Allee werden regelmäßig mehr als 60 gemessen. Braasch: „Das ist eine 50-prozentige Überschreitung, die seit vielen Jahren bekannt ist, ohne dass sich der Senat des Problems in angemessener Weise annehmen würde.“

Dabei gibt es bereits mehrere rechtskräftige Urteile, die der Stadt umgehende Gegenmaßnahmen auferlegen. Das jüngste stammt vom November 2014. Die Stadt verweist in diesem Zusammenhang gern auf den Entwurf eines Luftreinhalteplans mit 80 Maßnahmen. Der soll frühestens im Januar 2018 in Kraft treten. Wenn denn alle involvierten Fachbehörden ihr Vorgehen koordiniert und abgestimmt haben.

„Dass sich die Stadt so viel Zeit lässt, werten wir als Missachtung des Gerichtsurteils, das der BUND gemeinsam mit einem Anwohner der Max-Brauer-Allee erstritten hat“, so Braasch. Deshalb habe der BUND im März ein Zwangsgeldverfahren angestrengt, um die Stadt zum Handeln zu zwingen.

Protestmarsch zum Bahnhof Altona geplant

Aber gibt es bei solch einer komplexen Problemlage überhaupt schnelle Lösungen? Natürlich, sagen die Damen vom Nyegaardstift. „Tempo 30 wäre ein probates Mittel, die Belastungen durch Lärm- und Schadstoffemissionen spürbar zu senken“, sagt Charlotte Lill.

Manfred Braasch sieht das auch so. Dabei gebe es noch etliche Maßnahmen mehr, die für Entlastung sorgen könnten. Durchfahrtverbote für Lastkraftwagen und Dieselfahrzeuge zählen für ihn ebenso dazu wie intelligente Ampelschaltungen und die Einführung von Umweltzonen. Die kämpferischen Damen vom Altonaer Nyegaardstift wollen sich damit nicht länger abfinden. Seit einigen Wochen verleihen sie jeden Mittwoch ab 18 Uhr an der Bushaltestelle Max-Brauer-Allee/Ecke Gerichtstraße ihrer Forderung nach „Tempo 30“ mit Plakaten Nachdruck. Noch in dieser Woche sollen mindestens 15 Einzelanträge bei der Straßenverkehrsbehörde eingereicht werden. Und am Mittwoch wollen sie nun sogar einen Protestmarsch zum Bahnhof Altona organisieren.

Über soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter, in persönlichen Gesprächen und mit Handzetteln haben sie für ihre Initiative geworben. Der ADFC, die Umweltverbände BUND und Nabu, die beiden Altonaer Stadtteilforen, Nachbarn und Anwohner haben ihre Unterstützung bereits zugesagt.

„Wir freuen uns über jede Idee aus der Bürgerbeteiligung zur Umgestaltung der Max-Brauer-Allee. Es ist nachvollziehbar, dass das Thema Luftqualität die Menschen dort besonders beschäftigt“, sagt Jan Dube, Sprecher der Umweltbehörde. Derzeit arbeite die Behörde mit Hochdruck an dem neuen Luftreinhalteplan, so wie vom Gericht gefordert. Dieser könne erst 2017 stehen, weil alle Maßnahmen auf ihre Wirksamkeit durchgerechnet werden müssten. Die Gutachter prüften und berechneten dabei eine Reihe verschiedener Schritte, auch solche, die den Verkehr beschränken oder verlangsamen würden. „,Tempo 30‘ kann lokal den Lärm senken oder die Verkehrssicherheit erhöhen, ist aber kein Allheilmittel gegen hohe Luftschadstoffe“, sagt Dube. Allerdings könne eine Grüne Welle, bei der der Verkehr auf einem Abschnitt mit circa 30 km/h ohne Stop-and-go rolle, durchaus lokal die Luftbelastung senken. „Ob und wie dies umsetzbar ist, wird derzeit geprüft“, so Dube.