Altona

Fall Tayler: Senatorin übt harte Kritik am Jugendamt

Sozialsenatorin
Melanie Leonhard
(SPD) am Montag
nach der Vorstellung
des Berichts
der Jugendhilfeinspektion
zum Tod
des kleinen Tayler

Sozialsenatorin Melanie Leonhard (SPD) am Montag nach der Vorstellung des Berichts der Jugendhilfeinspektion zum Tod des kleinen Tayler

Foto: Klaus Bodig / HA

Sozialsenatorin mahnt nach dem gewaltsamen Tod des einjährigen Tayler die Umsetzung der bestehenden Vorschriften an.

Hamburg.  Die Kritik der Senatorin ließ an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. „Die Verletzungen von Tayler, die er im August letzten Jahres erlitt, sind bis zu seinem tragischen Tod ungeklärt geblieben, und trotzdem wurde er wieder in die Obhut seiner Mutter gegeben“, sagte Melanie Leonhard (SPD) bei der Vorstellung des Ergebnisberichts der Jugendhilfeinspektion zum Tod des 13 Monate alten Jungen im Dezember. „Die Entscheidung zur Rückführung ist für mich aus heutiger Sicht nicht nachvollziehbar.“

Leonhard, die noch als Bürgerschaftsabgeordnete bei der Aufarbeitung zweier weiterer tragischer Todesfälle von Kindern (Chantal und Yagmur) mitgewirkt hatte, machte deutlich, dass es aus ihrer Sicht nicht an einem eindeutigen Regelwerk gemangelt hatte. „Wir haben in Hamburg ein Qualitätsmanagementsystem eingeführt. Die definierten Prozesse und Standards geben den Mitarbeitern in den Jugendämtern Handlungssicherheit. Sie sorgen auch dafür, das eigene Handeln und die eigene Einschätzung auf den Prüfstand zu stellen.“ Eindeutig aus ihrer Sicht ist auch die Zuständigkeit: „Die Anwendung dieser Regeln muss sichergestellt werden. Das ist Aufgabe der Leitungskräfte in den Jugendämtern.“

Kommentar: Alle Regeln missachtet

Liane Melzer (SPD) ist als Leiterin des Bezirksamtes Altona verantwortlich für das Jugendamt. Sie hat nach dem Tod von Tayler die Jugendhilfeinspektion um die Prüfung des Falles gebeten. Auch heute schon ist in Hamburg in allen Fällen von Kindeswohlgefährdung eine kollegiale Beratung zwischen den Mitarbeitern verpflichtend, damit die fallführenden Fachkräfte in komplizierten Familienangelegenheiten ihr Verhalten und ihre Maßnahmen immer wieder überprüfen.

Diese kollegiale Beratung aber hat im Fall Tayler im Jugendamt nicht stattgefunden. Die Mitarbeiterin hat praktisch im Alleingang und zu einem sehr frühen Zeitpunkt die Rückführung des Kindes zur Mutter festgelegt. Dabei gerieten die Aufklärung des Misshandlungsverdachts und das Kind immer mehr aus dem Blick. „Sie verschwanden im Laufe der Hilfe für die Mutter ein bisschen im Nebel und wurden auch nicht wieder hervorgeholt, obwohl es nie eine plausible Erklärung für die Verletzung des Kindes im August gegeben hat“, so die Inspekteure. Melzer: „Ich habe jetzt noch einmal die kollegiale Beratung bei Verdacht auf Kindeswohlgefährdung für alle Mitarbeiter verbindlich festgelegt.“

Als weitere Maßnahmen nannte Liane Melzer die „bessere Kontrolle von freien Trägern“, die vom Jugendamt in der Familienbetreuung eingesetzt werden. Außerdem einen „engeren persönlichen Kontakt zu den Familien“ durch die Jugendamts-Mitarbeiter. „Und darüber hinaus habe ich das Institut für Rechtsmedizin gebeten, jährlich eine verbindliche Fortbildung zum Thema Kindeswohlgefährdung durchzuführen.“

Bei den bisherigen Todesfällen von Kindern in Hamburg ist von den Jugendamtsmitarbeitern intern auch immer wieder auf die große Arbeitsbelastung durch hohe Fallzahlen, Krankheitsausfälle oder eine sehr große Fluktuation in den Abteilungen hingewiesen worden. „Diese Aspekte spielten in diesem Fall aber keine Rolle und wurden von den Mitarbeitern auch nicht thematisiert“, hieß es am Montag von der Jugendhilfeinspektion.

In Zahlen heißt das: Der Stellenbestand im Jugendamt Altona wurde von 48 (Ende 2014) auf 61 Stellen (Ende 2015) um 13 Stellen erhöht. In der betroffenen Abteilung lag der Anteil von berufserfahrenen Fachkräften (länger als drei Jahre im Jugendamt) mit 85 Prozent auch deutlich über dem Hamburger Durchschnitt, der bei 53,7 Prozent liegt.

Außerdem gab es in der Abteilung in dem entsprechenden Zeitraum keine Langzeiterkrankten. Nach Auswertung der Inspekteure betrugt die Arbeitsmenge „laufende Fälle pro Vollzeitstelle“ für die Abteilung 49,82 (Hamburger Durchschnitt: 46,86 Fälle pro Mitarbeiter). „Es ergaben sich somit keine Hinweise darauf, dass gerade im Zeitraum August 2015 bis zum Jahresende zusätzliche Belastungen etwa aus besonderen Veränderungen in der personellen Ausstattung oder temporär steigendem Fallaufkommen zu verzeichnen wären, die die Qualität der Aufgabenerfüllung erschwert hätten“, heißt es in dem Bericht. „Entsprechend liegen für den Zeitraum auch keine Überlastungsanzeigen aus der Abteilung vor.“ Die Einschätzung werde von der Abteilungsleitung geteilt.

Die Opposition reagiert mit scharfer Kritik auf den Inspektionsbericht

Philipp Heißner, familienpolitischer Sprecher der CDU-Bürgerschaftsfraktion, sieht „einmal mehr die tiefgreifenden Missstände im Hamburger Jugendhilfesystem zutage gebracht“. Sozialsenatorin Leonhard wirke angesichts der Serie schwerer Kindesmisshandlungsfälle hilflos. „Spätestens nach Vorlage des Abschlussberichts des Parlamentarischen Untersuchungsausschusses zum Tode der kleinen Yagmur vor genau einem Jahr wäre es an der Zeit gewesen, die Empfehlungen zur Verbesserungen des Kinderschutzes konsequent in den Bezirksämtern umzusetzen.“ Die Beteuerungen Liane Melzers, aus diesem Fall lernen zu wollen, komme zu spät. Ihre Ankündigung zu den verpflichtenden Beratungen mache fassungslos. „Eine solche Beratung ist seit jeher verpflichtend. Wenn dies anders gehandhabt wurde, dann stellt dies schweres Fehlverhalten und ein Führungsversagen der Bezirksamtsleiterin dar.“

Daniel Oetzel (FDP) bezeichnete den Bericht als „Armutszeugnis für die Arbeit des Jugendamtes und des Trägers“. „Das Kindeswohl scheint zu keinem Zeitpunkt im Zentrum des Handelns gestanden zu haben.“ Und auch aus den Regierungsfraktionen war Kritik zu hören. „Die Anwendungsdefizite im Kindesschutz sind erschreckend“, sagte Uwe Lohmann (SPD). Anna Gallina (Grüne): „Der Bericht zeigt leider, dass das zuständige Jugendamt offenbar jene guten Regeln missachtet hat, die als Lehren aus früheren Misshandlungsfällen eingeführt wurden.“