Schütteltrauma

Tayler grausam misshandelt – hat das Jugendamt versagt?

In dieser Wohnsiedlung in Altona-Nord lebte Jacqueline B. mit ihren beiden Kindern

In dieser Wohnsiedlung in Altona-Nord lebte Jacqueline B. mit ihren beiden Kindern

Foto: Michael Arning / HA

Zwei Jahre nach Yagmurs Tod wird erneut ein Kind Opfer häuslicher Gewalt – obwohl es zuvor in der Obhut einer Pflegefamilie war.

Hamburg.  Es ist eine ruhige Wohngegend in Altona. In der verwinkelten Siedlung mit 212 Wohnungen der Baugenossenschaft Neue Lübecker leben viele Familien mit Kindern. In den Fenstern glitzert Weihnachtsbeleuchtung, die Treppenhäuser sind gepflegt, an manchen Wohnungstüren hängen geschmückte Kränze. Im großen Innenhof gibt es einen Spielplatz und viele Bäume. „Hier leben alles anständige Leute“, sagt eine Frau, die Jacqueline B. und ihre beiden Kinder kannte. Ihre Tochter geht mit dem sechsjährigen Sohn in dieselbe Vorschulklasse. Gegen Jacqueline B. ermittelt jetzt die Staatsanwaltschaft. Der Vorwurf: schwere Kindesmisshandlung.

Gegenüber liegt der Sportplatz von Union 03, gleich nebenan bietet der Poco-Einrichtungsmarkt Möbel und Tapeten an. Um die Ecke an der Kieler Straße ist ein Rewe-Markt. Eine sehr normale Hamburger Wohngegend, in der erneut ein kleines Kind so schwer misshandelt worden ist, dass es das wahrscheinlich nicht überlebt.

Und wieder fragen sich alle: Warum immer Hamburg? Was läuft so fürchterlich schief in dieser Stadt, dass sie ihre schwächsten Mitbürger nicht schützen kann?

Tyler liegt im Sterben

Vor der Wohnung von Jacqueline B. im dritten Stock stehen Kinderschuhe, das Namensschild an der Klingel ist abmontiert. An der Tür kleben zahlreiche Weihnachtsmänner. Hinter der Tür in der etwa 65 Quadratmeter großen Wohnung, in der sich die beiden Söhne das Kinderzimmer geteilt haben, hat sich am Sonnabend vor einer Woche ein Drama abgespielt. Und es gibt noch viele offene Fragen.

Sicher ist, dass am späteren Nachmittag des 12. Dezember ein Rettungswagen den einjährigen Tayler abgeholt und mit schweren Misshandlungen in die Notaufnahme des Universitätsklinikums Eppendorf (UKE) gefahren hat. Seine Mutter ist mitgefahren. Die Untersuchung deutet auf ein Schütteltrauma hin. Seither kämpft der kleine Junge im UKE ums Überleben.

Mutter und Freund belasten sich gegenseitig

Adem Meral, 42, wohnt mit seiner Lebensgefährtin und der kleinen Tochter direkt neben Jacqueline B. Er sagt, dass seine Nachbarin am Sonnabend vor einer Woche nachmittags beim Einkaufen gewesen sei. Und dass ihr neuer Freund, Michael Q., mit den Kindern alleine in der Wohnung war. „Erst als sie nach Hause gekommen ist, wurde der Rettungswagen gerufen und brachte Tayler ins Krankenhaus.“

Ermittelt wird gegen die Mutter Jacqueline B., 22, und ihren Freund Michael Q., 26, Footballspieler und HSV-Fan. Die beiden, die seit rund acht Monaten ein Paar sind, belasten sich nun offenbar gegenseitig. Bei einem Nachbarn hat sich Jacqueline B. ein Türschloss ausgeliehen, um ihres auszutauschen.

Auf dem Facebook-Profilbild von Jacqueline B. sind ihre Kinder zu sehen. Sie kommentiert das Bild so: „Ihr seid mein Leben, ich liebe euch über alles. Ihr seid das Beste, was mir passieren konnte. Mama liebt euch.“

Vorfall wirft viele Fragen auf

Aber bereits im Sommer war das Jugendamt Altona auf die Familie aufmerksam geworden. Damals gab es den ersten schlimmen Vorfall. Der kleine, damals erst ein paar Monate alte Tayler hatte einen Schlüsselbeinbruch. Die Lage war auf jeden Fall so dramatisch, dass das Jugendamt eingeschaltet wurde und reagierte – der Junge wurde von der Mutter getrennt und in einer Bereitschaftspflegefamilie untergebracht. Und schon damals muss sich für alle Verantwortlichen die Frage gestellt haben: Woher stammen die Verletzungen? Und wer hat sie dem Jungen zugefügt? Die Mutter? Ihr neuer Freund? Und warum entscheidet das Jugendamt, das Baby bereits im Oktober zurück zu seiner Mutter zu geben?

Eine Nachbarin schildert Jacqueline B. als gute Mutter. „Sie hat den Älteren jeden Morgen in die Vorschule gebracht. Sie ist mit ihren Söhnen zum Schwimmen und in den Park gegangen.“ Jacqueline B. war 16 Jahre alt, als ihr erster Sohn auf die Welt kam. Weil sie minderjährig war, ist sie dem Jugendamt seitdem bekannt. Eine andere Nachbarin sagt, sie habe sehr häufig Geschrei aus der Wohnung von Jacqueline B. gehört.

Auch fünf Kilometer vom Tatort entfernt hat sich am Nachmittag herumgesprochen, dass es in Hamburg womöglich ein weiteres Kind gibt, das an seinen schweren Misshandlungen sterben wird. In der Patriotischen Gesellschaft in der Innenstadt findet eine Gedenkfeier für Yagmur statt. Die damals Dreieinhalbjährige ist auf den Tag genau vor zwei Jahren von ihrer leiblichen Mutter zu Tode gequält worden.

„Yagmur ist gestorben, weil sie durch die Maschen eines Sicherungsnetzes fiel, das sie und andere Kinder doch eigentlich auffangen und schützen soll. Wir können sie nicht zurückholen“, sagt Rainer Becker, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Kinderhilfe. „Ihre Eltern waren offensichtlich damit überfordert, ihre Probleme mit sich selbst und dem Partner zu bewältigen. Und im Hilfesystem wurden leider zu oft zu wenige Fragen gestellt.“ Es ist fast so, als hätte Rainer Becker bereits über den neuen, schrecklichen Fall in Hamburg gesprochen.

Hat das Jugendamt wieder versagt?

Denn die Parallelen zum Fall Yagmur sind frappierend. Wie bei dem Mädchen aus Billstedt hat es auch dieses Mal offenbar fatale Fehlentscheidungen von Behördenmitarbeitern gegeben. Bereits im August hatten Klinikärzte bei Tayler schwere Verletzungen festgestellt. Er wurde deshalb wie Yagmur in einer Pflegefamilie untergebracht. Als Grund wurde Kindeswohlgefährdung angegeben. Das zuständige Jugendamt in Altona entschied dann aber im Oktober, dass das Baby auf Wunsch seiner Mutter wieder zurückgeführt werden könne. Die Frau erhielt die Auflage, eine sogenannte sozialpädagogische Familienhilfe in Anspruch zu nehmen. Diese Aufgabe übernahm die Einrichtung Rauhes Haus.

Die zuständige Sozialpädagogin sah Tayler noch am Tag vor der Einlieferung in das UKE und stellte Hämatome fest. Allerdings meldete sie diese nicht an das Jugendamt weiter. Laut Uwe Mann van Velzen, Sprecher des Rauhen Hauses, glaubte die Mitarbeiterin, dass es sich um Sturzverletzungen bei „Gehversuchen“ des Jungen gehandelt habe. „Das Kind lernte gerade laufen. Es gab keine Anhaltspunkte für Misshandlungen.“ Die Nachricht von den lebensgefährlichen Verletzungen sei für das Rauhe Haus „wie aus heiterem Himmel“ gekommen.

„Es muss sich was ändern in Hamburg“

Damit sich Fälle wie Yagmur oder Chantal oder Jessica oder Lara-Mia, die allesamt in Hamburg an Misshandlungen gestorben sind, nicht wiederholen, hat Michael Lezius am Gedenktag eine Yagmur-Stiftung gegründet. Und einen Yagmur-Erinnerungspreis für „Zivilcourage im Kinderschutz“ ins Leben gerufen. „Es muss sich was ändern in Hamburg“, sagt er unter lautem Applaus. Da kämpft der kleine Tayler im UKE noch um sein Leben.

Auch Yagmur sollte um jeden Preis zu ihrer leiblichen Mutter zurückgeführt werden. „Eigentlich hätte das System nicht an ideellen Zielen festhalten dürfen, sondern das Kind mit all seiner Not in den Mittelpunkt der Betrachtung stellen müssen“, sagt Birgit Nabert, seit 15 Jahren Vorsitzende des Landesverbandes für Kinder in Adoptiv- und Pflegefamilien in Schleswig-Holstein. Am Schluss der Gedenkveranstaltung sagt sie mit Tränen in den Augen: „Yagmur hätte sich vermutlich Folgendes gewünscht: Eigentlich wollte ich leben, doch dafür war die Zeit zu kurz. Nutzt das, was ihr aus meinem kurzen Leben gelernt habt.“