Brauerei

Der harte Kampf um das Holsten-Gelände in Altona

Die Holsten­Brauerei, 1879 auf der damals grünen Wiese angesiedelt, liegt heute in einem begehrten Hamburger Wohn­ und Geschäftsquartier

Die Holsten­Brauerei, 1879 auf der damals grünen Wiese angesiedelt, liegt heute in einem begehrten Hamburger Wohn­ und Geschäftsquartier

Foto: Ingo Röhrbein

Poker um ein Grundstück: Konzern sucht hinter den Kulissen nach Käufern. Und das offenbar mit ungewöhnlichen Mitteln.

Hamburg. Rund 86.500 Quadratmeter mitten in der boomenden Stadt, im Schnittpunkt von begehrten Stadtteilen wie Schanze und Ottensen: Das Gelände der traditionsreichen Holsten-Brauerei in Altona dürfte für Wohnungsbau-Investoren eines der derzeit spannendsten Areale in Hamburg sein. Vergleichbar mit der unmittelbar benachbarten „Neuen Mitte Altona“, wo jetzt bald 1600 neue Wohnungen gebaut werden.

Noch wird bei Holsten zwar in alten Gemäuern Bier produziert, und das Grundstück ist als Industriegebiet ausgewiesen. Aber über eine Verlagerung innerhalb Hamburgs nach Hausbruch verhandeln Stadt und der Mutterkonzern Carlsberg bereits.

Doch während dafür der Wirtschaftsbehörde zufolge noch kein endgültiges Ergebnis feststeht, sucht der dänische Getränkekonzern hinter den Kulissen offenbar bereits jetzt aktiv nach einem Käufer für sein Altonaer Grundstück. Und das mit höchst ungewöhnlichen Mitteln, wie die Bezirkspolitik in Altona kritisiert: In einem Exposé des internationalen Immobilien-Vermittlers Savills werden Investoren aufgefordert, schon bis zum 11. Januar Kaufangebote abzugeben. Weitere Kaufverhandlungen sollen dann folgen. Bereits bis zum 26. Februar solle der Verkaufsprozess mit einer Beurkundung abgeschlossen sein, heißt es weiter in dem Papier, das dem Abendblatt in Kopie vorliegt und dessen Existenz von der Hamburger Savills-Niederlassung bestätigt wird.

Bemerkenswert ist folgender Passus, der sich auf die Abgabe der ersten unverbindlichen Gebote bis zum 11. Januar bezieht: „In diesem Zeitraum ist es nicht erwünscht, dass Gespräche mit dem Bezirksamt Altona oder Vertretern der Stadt Hamburg über Nutzungsmöglichkeiten des Grundstücks aufgenommen werden.“ Man möchte „schon jetzt darauf hinweisen“, dass ein Verstoß gegen diesen Punkt zum Ausschluss aus dem Verfahren führe. Interessierte müssten also ein Angebot abgeben, ohne mit Politik und Verwaltung zuvor über eine Verwertung sprechen zu können. Denn noch hat es der Bezirk Altona in der Hand, was mit einem notwendig neuen Bebauungsplan dort möglich sein wird. Und was eben nicht.

Soll hier die Öffentlichkeit vor vollendete Tatsachen gestellt werden? Bezirkspolitiker wie der Altonaer Bauexperte Sven Hielscher (CDU) sprechen schon von „Geheimverhandlungen, um die Politik auszuhebeln und den Preis hochzutreiben“. Investoren würden die „Katze im Sack kaufen“, sagt er und spricht von gefährlicher Spekulation, der damit Tür und Tor geöffnet werde.

Leitartikel: Monopoly in Altona

Ein hoher Kaufpreis würde einen Investor zu maximaler Ausnutzung des Grundstücks zwingen. „Das kann man so nicht machen, wenn man einen halben neuen Stadtteil bauen will“, zürnt der CDU-Politiker und gibt sich kämpferisch: „Wir lassen uns nicht erpressen.“ Starke Worte, die aber wohl im parteiübergreifenden Schulterschluss stehen. Auch SPD-Bezirksfraktionschef Thomas Adrian will die Fäden nicht aus der Hand geben. Altona wolle dort einen Mix aus kleinteiligem Gewerbe und Wohnungsbau – unter anderem für Flüchtlinge, sagt er. Auch über einen Denkmalschutz der alten Gebäude müsse man reden, sagt Adrian. Alles Wünsche, die sich mit hohen Rendite-Erwartungen von Verkäufern und Käufern wohl kaum vereinbaren ließen.

Der Hamburger Savills-„Managing-Direktor“ Andreas Wende sieht die Sache weniger dramatisch: Man sei eben an einem möglichst „ruhigen Prozess“ interessiert. Die Verschwiegenheitsklausel sei zudem bei einem solchen Verfahren üblich, erst in der „2. Stufe“ der Kaufverhandlungen würde man mit der Politik sprechen. Auch der Sprecher von Carlsberg-Deutschland, Christoph Boneberg, bestätigt die Verkaufsbemü­­­hungen. „Wir befinden uns im Bieterprozess.“ Ein konkretes Angebot gebe es aber noch nicht. Eine in der Hamburger Immobilienbranche kolportierte mögliche Kaufpreis-Forderung von 150 Millionen Euro für das Holsten-Areal bezeichnen Wende und Boneberg daher als „wilde Marktgerüchte“. Dafür gebe es „nicht ansatzweise“ eine Grundlage.

Allerdings soll ein Konsortium um den Hamburger Bauunternehmer Helmut Greve bereits abgesprungen sein, weil es sich mit dem dänischen Konzern nicht auf einen Kaufpreis habe einigen können. Um rund 60 Millionen Euro soll es dabei gegangen sein, heißt es in der Branche. Allerdings wurde diese Summe nie bestätigt und sie ist wohl Teil der vielen Spekulationen, die sich um dieses Altonaer Grundstücks-Monopoly ranken.

Klar aber ist, dass es um sehr viel Geld geht: Als Industriegebiet läge der Quadratmeterpreis dort nach Branchenschätzung bei etwa 100 Euro – wobei aber heute kaum noch jemand innerstädtisches Industrieland kaufen würde. Bei einer Umwandlung in Wohnbauland wie in der Neuen Mitte wären nach aktueller Marktlage rund 1000 Euro pro Quadratmeter möglich – aber eben nur für Wohnungsbauflächen. Nicht für Parks, Kitas, Flüchtlingsunterkünfte oder kleinere Gewerbeeinheiten, die alle auf der Wunschliste des Bezirks stehen.

Bei einem Kaufpreis von 150 Millionen Euro würde der Quadratmeter sogar rund 1700 Euro kosten. „Dann müsste man schon ein Einkaufszentrum und Wohntürme bauen, damit sich das rechnet“, sagt Bauexperte Hielscher.

Tatsache ist auch, dass es über kurz oder lang zu einer Verlagerung kommen wird: Der Produktionsbetrieb mitten in der Stadt ist schwierig geworden, weil er mit Auflagen verbunden ist. So darf wegen der nahen Wohnhäuser nachts nicht gebraut werden. Das war anders, als Holsten dort 1879 auf der grünen Wiese gegründet worden war. Probleme gibt es heute wegen der engen Straßen auch mit dem Anlieferverkehr. Zudem ist Carlsberg das Gelände in Altona wohl auch zu groß geworden, weil der Bierdurst der Deutschen geringer geworden ist. Es muss schlicht weniger produziert werden.

In der Belegschaft mit etwa 450 Beschäftigten gibt es daher die Sorge, dass ein Umzug in eine neue, kleinere und moderne Produktionsstätte mit einem Stellenabbau verbunden sein wird. Auch dem Senat geht es um Arbeitsplätze, er möchte daher die Produktion möglichst in Hamburg halten und hat daher ein neues Grundstück in einem Gewerbegebiet in Hausbruch angeboten. „Das ist unser erstes Anliegen, die Arbeitsplätze müssen in der Stadt bleiben“, sagt Dirk Kienscherf, Stadtentwicklungsexperte der SPD-Bürgerschaftsfraktion. Das sei Voraussetzung für alle weiteren Schritte.

Das jetzige Kaufverfahren für das Altonaer Holsten-Areal hält auch er deshalb für „hochspekulativ, um schnell an viel Geld zu kommen“. Aber jedem Investor müsse klar sein, dass Hamburg dort kein Wohnungsbauland ausweisen wird, wenn die Arbeitsplätze aus der Stadt verlagert werden. Kienscherf: „Dann bleibt das eben über Jahre eine Industriebrache, wir lassen uns da nicht erpressen.“ Das könnte nun aber zu einer interessanten Gemengelage führen, weil jeder jeden braucht: Hamburg will Holsten in Hamburg halten und muss dazu gute Angebote machen: für ein neues Grundstück, aber auch für die künftige Nutzung auf dem alten. Noch bestimmt das zwar der Bezirk, der Senat könnte das Verfahren aber jederzeit an sich ziehen, wie er es bei der Planung der Neuen Mitte auch schon gemacht hat.

Holsten dürfte indes ein Interesse daran haben, mit dem Verkauf des Grundstücks möglichst viel vom eigenen Neubau finanzieren zu können und braucht dazu entsprechendes Baurecht. Zumal das Traditionsunternehmen noch vom Mutterkonzern grünes Licht für eine Verlagerung bekommen muss, das noch aussteht. Ein guter Verkaufspreis dürfte da die Chef-Manager in Kopenhagen eher positiv für eine teure Verlagerung in den Süden der Stadt stimmen.

Dazwischen stehen die Bezirkspolitik und streitbare Bürger in Altona, die eigene Vorstellungen haben. „Ich sehe da einen Konflikt auf uns zu rollen“, sagt SPD-Bezirksfraktionschef Adrian. Was wohl eher vorsichtig formuliert ist.