Altona

Hamburg will Straße nach Prostituierter benennen

Die ehemalige Prostituierte Domenica soll mit einer Straße geehrt werden

Die ehemalige Prostituierte Domenica soll mit einer Straße geehrt werden

Foto: dpa Picture-Alliance / Kay Nietfeld / picture-alliance / dpa

In der Neuen Mitte Altona erhalten fast alle Straßen weibliche Namen. Auch Ex-Prostituierte Domenica wird geehrt.

Altona.  Das gab es noch nie in Hamburg: Wenn das Wohngebiet Neue Mitte Altona angelegt wird, sollen nach dem Willen der Bezirkspolitiker gleich zehn der insgesamt zwölf neuen Straßen und zwei von drei Plätzen nach Frauen benannt werden. Auch symbolische Namen wie „Platz der namenlosen Arbeiterinnen“ sind im Gespräch.

Eine Arbeitsgruppe des bezirklichen Kulturausschusses, der Vertreter aller Fraktionen angehören, hat jetzt eine Namensliste zusammengestellt, in der die Vorschläge zusammengefasst sind. Darunter finden sich unter an­deren die Journalistin Susanne von Paczensky (1923 bis 2010) und Schauspielerin Helga Feddersen (1930 bis 1990), die kürzlich 25. Todestag hatte. Weniger bekannt sein dürften die Komponistin Felicitas Kukuck (1914 bis 2001), Recha Ellern (1895 bis 1973), Sozialfürsorgerin der jüdischen Gemeinde Altona, und Emma Poel (1811 bis 1891), die in Altona mehrere soziale Einrichtungen gründete.

Sophie Wörishöffer (1838 bis 1890) war eine Schriftstellerin („Karl May von Altona“), Erika Krauß (1917 bis 2013) eine bekannte Pressefotografin. Eher historische Bedeutung haben die jüdische Kauffrau Glückel von Hameln (1845 bis 1724) und Marianne Ruaux (1802 bis 1882), die als Gastwirtin („Die schöne Marianne“) eine Lokalgröße war.

Der wohl ungewöhnlichste Vorschlag: Nach den Vorstellungen der Bezirkspolitiker soll eine kleine Straße den Namen „Domenica-Niehoff-Twiete“ erhalten. Niehoff, die vorrangig unter ihrem Vornamen Domenica bekannt wurde, war eine Hamburger Prostituierte, die posthum für ihre Verdienste als Streetworkerin geehrt werden soll. Begründet wird die Würdigung auch damit, dass sie sich für die Anerkennung und Lega­lisierung des Berufsstands der Pros­tituierten starkgemacht habe.

Die Vorschläge wurden unter anderem von Mitarbeitern der Landeszentrale für politische Bildung, des Altonaer Museums und des örtlichen Stadtteilarchivs erarbeitet.

Die Vorsitzende des Kulturausschusses, Stefanie Wolpert (Grüne), will sich wegen des laufenden Verfahrens noch nicht zu Details äußern. Bei den Ausschussmitgliedern herrschte Einigkeit, das Thema möglichst „breit aufzustellen“, sagt sie lediglich. Entsprechend bilden die Vorschläge einen Querschnitt durch viele verschiedene gesellschaftliche Bereiche und Zeitabschnitte.

Die Neue Mitte Altona wird zurzeit im Zentrum des Stadtteils als Quartier entwickelt. Die Planungen hatten bereits vor acht Jahren begonnen. Zwischen Harkortstraße und Wasserturm entstehen in den kommenden Jahren rund 1600 neue Wohnungen auf den Flächen des stillgelegten Güterbahnhofs und ehemaligen Brauereiflächen. Der symbolische erste Spatenstich im Herbst vergangenen Jahres setzte das Startsignal für die Umsetzung des ersten Bauabschnitts zwischen Bahngleisen und Harkortstraße. Alle Straßen und Plätze befinden sich in diesem ersten Bauabschnitt, zum Teil sind sie bereits gut zu erkennen. Um die Orientierung vor Ort zu erleichtern, sind die Straßen derzeit noch nach Buchstaben benannt, die Plätze mit Nord, Mitte und Süd.

Dass nun derart viele Straßen und Plätze Frauennamen erhalten, hängt mit einem Beschluss der Bezirksversammlung aus dem vergangenen Jahr zusammen. Damals entschieden die Politiker, die Straßen in der Neuen Mitte Altona gezielt nach Frauen zu benennen. Motto: „Die Mitte Altona soll weiblich werden!“

Seinerzeit wurde auch eine Untersuchung der Landeszentrale für politische Bildung präsentiert, wonach – zum damaligen Zeitpunkt – in Hamburg 2300 Straßen nach Männern benannt waren, aber nur 332 nach Frauen. Die SPD-Bezirkspolitikerin Anne-Marie Hovingh, die sich von Anfang an für die Benennungsaktion starkgemacht hat, sagt dazu: „Um unsere Stadt haben sich großartige Frauen verdient gemacht. Die wollen wir ehren und in unserem Stadtbild verankern.“

Und der CDU-Politiker Andreas Grutzeck, stellvertretender Vorsitzender der Bezirksversammlung, sagt: „Die Auswahl bietet eine große Bandbreite und ein ausgewogenes Spektrum an verdienten Persönlichkeiten.“

So geht es jetzt weiter: Die Vorschlagsliste wird am 21. Dezember im Kulturausschuss besprochen, im kommenden Jahr sind die neuen Namen dann Thema in der Bezirksversammlung. Die Vorschläge, die dann noch im Rennen sind, werden im Anschluss an die Kulturbehörde weitergeleitet, wo alle Namen mithilfe von Mitarbeitern aus dem Staatsarchiv noch einmal überprüft werden. Dabei soll es unter anderem auch um die Haltung der zu Ehrenden während der NS-Zeit gehen, eine Problematik, mit der zahlreiche Umbenennungen der vergangenen Jahre in Zusammenhang stehen. Und für Reserve ist offenbar auch gesorgt. Der Kulturausschuss kündigt in einem Rundschreiben bereits an, dass er weitere Vorschläge machen könnte, „falls einer der Namen nicht die Anerkennung der Behörde findet“.

Unter sich bleiben die Frauen im neuen Quartiert nicht. Die Arbeitsgruppe hat immerhin einen männlichen Namen mit auf die Vorschlagsliste genommen. Es ist Eduard Duckesz (1868 bis 1944), ein jüdischer Rabbiner, Historiker und Genealoge.