Sternschanze

Die Schanzenhof-Mieter müssen ausziehen

Suchen neue Räume (v. l.): Sängerin Katriana, Anke Mohnert und Rainer Schmidt von Palette e. V., Gunhild Abigt vom Alternativ-­Hotel Schanzenstern und Klavierlehrerin Serena Kahnert

Suchen neue Räume (v. l.): Sängerin Katriana, Anke Mohnert und Rainer Schmidt von Palette e. V., Gunhild Abigt vom Alternativ-­Hotel Schanzenstern und Klavierlehrerin Serena Kahnert

Foto: Roland Magunia / HA

Sie sahen sich als Bastion gegen Verdrängung der Anwohner durch steigende Mieten. Jetzt sind die Kulturschaffenden selbst betroffen.

Sternschanze.  Sie haben sich lange Zeit als eine Bastion gegen die Gentrifizierung gesehen. Nun trifft es auch die Menschen des Schanzenhofs im Bereich Bartelsstraße und Schanzenstraße: Fünf Mietern wurde gekündigt. Darunter ist das Alternativ-Hotel Schanzenstern mit Biorestaurant, betroffen sind auch Kulturschaffende und die Einrichtung für Drogenabhängige, Palette e. V. Die Suche nach neuen und bezahlbaren Räumen wird schwierig werden.

Es ist eine kleine Truppe von Sängern, Musikern und Künstlern, die sich zum Teil vor mehr als zehn Jahren in den Räumen auf dem ehemaligen Montblanc-Areal im Schanzenviertel eingerichtet hat, darunter auch Emmanuel Peterfalvi (bekannt als „Alphonse“ aus dem NDR). „Zunächst hat uns der Vermieter angekündigt, dass wir viel mehr Miete zahlen sollten“, sagt Sängerin Katriana. Statt 8,50 Euro sollten die Kleingewerbetreibenden 14 Euro pro Quadratmeter zahlen. Für die Sängerin, die gemeinsam mit der Jazzsängerin Ulita Knaus 52 Quadratmeter gemietet hat und dort unter anderem Gesangsunterricht gibt, ist das zu viel. Jetzt stehen sie vor einem Problem: „Ich gebe 30 Leuten Gesangsunterricht, das ist laut und nervig. Das wird in einer Altbauwohnung nicht möglich sein“, sagt Katriana. „Hier haben die Nachbarn das akzeptiert.“

Den Mietern wurde zum 31. März kommenden Jahres gekündigt. Mit dem Ende des Mietverhältnisses ist unklar, wie es mit den 20 Angestellten des Schanzensterns weitergeht. Das Alternativ-Hotel mit 50 Betten, seit 25 Jahren eine Institution im Stadtteil, hat drei Etagen gemietet. Chefin Gunhild Abigt ist enttäuscht: „Wir haben zwei Jahre lang Verhandlungen geführt und nun das Aus.“

Serena Kahnert hat mehr als 190 Quadratmeter gemietet und gibt dort Klavierunterricht, in ihren Räumen finden täglich zwischen zehn und 22 Uhr diverse Kurse statt, darunter Yoga, Kindertanz und musikalische Früherziehung für Kinder. „Es wird für mich unmöglich sein, neue bezahlbare Räume in der Nähe zu finden. Meine berufliche Existenz ist zerstört.“ In ihrem Alter könne sie nicht von vorn anfangen, sagt die 55-Jährige. Gerade bei Kinderangeboten sei die örtliche Nähe wichtig. „Die Eltern wollen nicht quer durch die Stadt fahren.“

Die Stadt hat das ehemalige Montblanc-Areal 1990 verkauft

Bitter ist die Kündigung auch für den Verein Palette. Dort kümmern sich zehn Sozialpädagogen um substituierte Drogenabhängige und betreuen diese psychosozial. Etwa 500 Klienten suchen im Jahr die Beratungsstelle auf. Die meisten von ihnen wohnen in der Schanze, auf St. Pauli, in Eimsbüttel und Altona. „Die kommen zu uns, weil sie stabilisiert werden müssen, um den Alltag bewältigen zu können“, sagt Anke Mohnert. Auch viele Ärzte, die substituieren, seien in der Nähe der Palette. Neun Klienten haben einen Minijob und reinigen die Treppenhäuser des Schanzenhofs auf 400-Euro-Basis. Verlieren sie die Palette und die Menschen, die sich um sie kümmern, drohen sie abzugleiten, sagt Betreuer Rainer Schmidt. Für die Klienten würden sichere Strukturen zerstört. „Die Nachbarn halten zu uns, woanders würden wir auf Widerstände stoßen.“

Rechtlich seien die Kündigungen durch den Eigentümer in Ordnung. Moralisch aber, sagen die Betroffenen, nicht. „Es ist eine erschreckende Vorstellung, wenn es die Schanze nicht mehr mit dem Schanzhof gibt“, sagt Katriana. „Der Eigentümer hat kein soziales Gewissen, ihm ist es egal, ob der Schanzenstern als Institution weiterhin besteht oder nicht.“ Der Schanzenhof e. V. war entstanden, um der Gen­trifizierung entgegenzutreten. „Das hat über Jahre geklappt“, sagt Rainer Schmidt, „wir waren lange eine Insel.“

Die Stadt, sagt Schmidt, habe den Fehler begangen, diese Gebäude zu verkaufen. So seien sie zum Spekulationsobjekt geworden. 1989 hatte Montblanc das Areal an die Stadt verkauft, diese hat es laut Finanzbehörde 1990 weiter veräußert. Bereits drei Eigentümerwechsel haben die Mieter in den vergangenen zehn Jahren gehabt. Zu dem Komplex gehören drei Häuser, unter anderem das 3001 Kino und die Volkshochschule. Jens Meyer, Mitgesellschafter des Kinos, ist besorgt: „Unser Mietvertrag läuft in fünf Jahren aus. Ich habe den Verdacht, dass wir dann auch dran sind und rausmüssen.“

Als neuer Mieter wird ein zweites Pyjama-Park-Hotel in die Räume ziehen

Für die zuständige HWS Immobilien- und Vermögensverwaltung aus Harvestehude stehen wirtschaftliche Interessen im Vordergrund. Das Unternehmen möchte „langfristig für das Grundstück die Miete erhalten, die erzielbar ist“, heißt es in einem Schreiben an eine Mieterin, das dem Hamburger Abendblatt vorliegt. Maximilian Schommartz von der Immobiliengesellschaft verspricht aber: „Das Kino 3001 bleibt erhalten.“ Die gekündigten Mieter, sagt er, hätten ein Konzept vorlegen können, das den Schanzenhof bereichere. „Und dann hätte man geguckt, ob es passt oder nicht.“

Ein Nachmieter für die Räume des jetzigen Schanzensterns steht übrigens fest: Stephan Behrmann, der bereits das Fritz im Pyjama-Hotel an der Schanzenstraße um die Ecke und das Pyjama-Park-Hotel und Hostel auf St. Pauli betreibt, wird dort ein zweites Pyjama-Park-Hotel eröffnen.