Stadtentwicklung

Was im Bezirk Altona noch alles möglich ist

Erkundungstour mit Bezirksamtschefin Liane Melzer. Sie zeigt, dass gerade in Lurup noch Platz ist für die wachsende Stadt. Dabei schaut der Bezirk nicht nur auf den Wohnungsbau.

Altona. Wenn über ein Mitglied der Familie immer wieder gesprochen wird, geraten andere leicht aus dem Blickfeld. So verhält es sich auch ein bisschen mit den Stadtteilen im Bezirk Altona. Auf die Frage, wo die Perspektiven und Potenziale liegen, heißt es sofort „Neue Mitte Altona“. Immerhin soll dort für ein großes Neubaugebiet ein kompletter Bahnhof verlegt werden. Es fällt einem aber auch Ottensen ein, dessen Gründerzeitquartiere zu den begehrtesten der Stadt gehören. Die Sternschanze ist auch immer wieder für Schlagzeilen gut, das vornehme Blankenese sowieso.

Das neue Stadtteilzentrum ist von den Wohngebieten aus fußläufig erreichbar

Wenn man sich aber mit Altonas Bezirksamtsleiterin Liane Melzer (SPD) und ihrem Baudezernenten Reinhold Gütter zu einer Sommertour zu den künftigen Entwicklungsschwerpunkten Altonas verabredet, machen sie einen ganz anderen Vorschlag: Treffpunkt ist der Eckhoffplatz in Lurup. Auf ersten Blick wirkt die Bebauung dort etwas unsortiert: zwei Hochhäuser aus den 1970er-Jahren , ein Einkaufszentrum, Parkplätze, dahinter neue Wohngebäude, Geschäfte. Und am Rand plötzlich ein altes Strohdachhaus, in dem ein Optiker seinen Laden hat.

Doch Gütter und Melzer blicken zufrieden. Erst in den vergangenen drei Jahren sei das meiste hier entstanden. Kaufland habe man als „Ankermieter“ gewonnen, sagt Gütter. Und dann ein Stadtteilzentrum geschaffen, das von vielen Wohngebieten Lurups aus zu Fuß zu erreichen sei. Das erste richtige Zentrum überhaupt, das Lurup je besessen habe. Ein Stadtteil, der tatsächlich in der Wahrnehmung vieler Hamburger kaum eine Rolle spielt. Früher war er ein Straßendorf, dann Siedlungsgebiet für viele Ausgebombte des Zweiten Weltkrieges.

Man hat die Luruper Hauptstraße vor Augen, eine Vorstadtstraße mit diesem typisch wilden Mix aus Gewerbe- und Wohnbauten. Doch Lurup sei Zukunft, sagen Gütter und Melzer. Tatsächlich hat Lurup gerade Ottensen als bevölkerungsreichsten Stadtteil Altonas abgelöst. 34.000 Menschen wohnen inzwischen dort, im schicken, durchsanierten Ottensen „nur“ 33.000. Familien mit Kindern, junge Leute ziehen nach Lurup. Eine Zahl macht deutlich, warum: 5000Euro pro Quadratmeter kann Bauland in Ottensen schon einmal kosten. „Liebhaberpreise, weil es eigentlich nichts mehr gibt“, wie Gütter sagt. In Lurup dagegen koste der Quadratmeter noch um 300 Euro. Man kann es auch noch anders ausdrücken: In Lurup ist noch Platz für die „wachsende Stadt“.

Wie dieser Platz genutzt werden soll, wollen Gütter und Melzer zeigen. Zunächst führt der kleine Spaziergang vom Luruper Zentrum an einem gelblichen Bau mit rasterförmiger Fensterfassade vorbei. „Stil der 1950er-Jahre. So etwas wollen wir hier nie wieder haben“, sagt Gütter. Aber leider sei der Bauantrag so „durchgeflutscht“. Dann stehen wir vor einem Backsteinensemble mit Balkonen, die Steinfassade schimmert in verschiedenen Tönen, der Blick fällt auf einen Park, einen kleinen schilfbewachsenen See, der eigentlich ein Regenrückhaltebecken ist. „Licht und Luft“ auch für weniger wohlhabende Bewohner. In ansprechender Backsteinarchitektur. So in etwa lautete auch das Credo des legendären Altonaer Bausenators Gustav Oelsner in den 1920er-Jahren. Wie sein befreundeter Hamburger Kollege Schumacher ein bis heute bedeutsamer Vertreter einer sozial orientierten Baukultur. „Dieser Tradition fühlen wir uns verpflichtet“, sagt Bezirksamtsleiterin Melzer.

Der Komplex mit 175 Sozialwohnungen ist gewissermaßen die Blaupause für das, was in Zukunft in Altona gebaut werden soll. Jedenfalls dort, wo das Bezirksamt gestalten kann. Die Neue Mitte hatte der Senat evoziert, die Pläne wurden in der zentralen Stadtentwicklungsbehörde gemacht. Das Ergebnis der Entwürfe ist dem Kollegen Gütter viel zu eng und dicht geworden. „Licht und Luft“, das sehe anders aus. Besser sei es eben, in Lurup zu wohnen, wo auch reichlich geplant werde. Allerdings eben vom Bezirk selbst.

1000 Wohnungen wurden in Lurup allein in jüngster Zeit fertiggestellt

An der Luruper Hauptstraße baut gerade eine Genossenschaft 250 Wohnungen, eine andere plant am nahen Vorhornweg noch einmal 250 Wohnungen, weitere sind in Vorbereitung, 1000 wurden in jüngster Zeit gerade fertiggestellt. In wenigen Jahren dürften damit in Lurup rund 1700 Wohnungen neu gebaut sein. Mehr als im ersten Abschnitt der Neuen Mitte.

Doch der Bezirk schaut bei der Entwicklung Lurups nicht nur auf den Wohnungsbau. Am Vorhornweg soll ein Technologiepark für junge Hightech-Unternehmen aus dem Umfeld der Desy (Deutsches Elektronen Synchrotron) entstehen. In dem Forschungszentrum für Lasertechnik arbeiten 2500 Menschen, es ist damit größter Arbeitgeber Altonas. Die Stadtteilschule in Lurup soll wachsen, zu einer Art Bildungszentrum für den Stadtteil werden. „Eine Community School wie in den USA“, schwärmt Gütter. Man plane eine Vernetzung mit der Wissenschaft, mit Industriebetrieben vor Ort. „In den Stadtteil kommt Bewegung“, sagt Melzer, die heute noch einen zweiten Entwicklungsschwerpunkt Altonas zeigen will.

Dazu geht es mit dem Kleinbus raus aus Lurup, vorbei an den großzügigen Villenvierteln des Bezirks, wo merkwürdigerweise niemand über Verdichtung redet, runter an die Elbe. Dort am Fischmarkt ist dieser Teil von Altona-Altstadt schon länger in Bewegung. Wo einst mehr als 100 Huren am Autostrich auf ihre Freier warteten und sonst nur Fisch-Lkw Parklücken suchten, ist in den letzten Jahren die „Perlenkette“ an der Elbe entstanden, neue und auch restaurierte Häuser am Wasser, Büros und Luxuswohntürme.

Bezirksamtsleiterin Melzer deutet auf alte Wellblech-Kühlhallen – sie sind quasi der letzte Rest vom alten Fischmarktareal. Geplant in naher Zukunft ist dort ein Neubau mit Hotels und Büros. Lange stritt man über die Höhe und freie Sicht auf die Elbe vom Hang darüber, jetzt gibt es eine Einigung. Noch keine Einigung mit den Investoren gibt es aber über die Aufteilung der Straßenfläche davor. Die Eigentümer wollen möglichst viel Bauflächen haben, der Bezirk braucht Platz für sein Radwegprogramm. Schon jetzt wird an der Großen Elbstraße gebuddelt, Steine werden versetzt, es wird gepflastert. Der internationale Nordsee-Radweg verlief hier bisher auf kaum befahrbarem Kopfsteinpflaster. Für rund eine Million Euro baut der Bezirk neue Radspuren links und rechts. Im Herbst sollen sie fertig sein. Und bis dahin gibt es womöglich auch eine Einigung, wie die Radwege weiter an den geplanten, letzten Neubauten an der Elbe verlaufen sollen. Sind die gebaut, dann hat Altona auch an der Elbe kein freies Areal mehr für etwas Neues. Nur in Lurup – da ist auch dann immer noch Platz.