Ottensen

Eine Buchhandlung wie ein zweites Zuhause

Sie ist die älteste Buchhandlung im Familienbesitz: Nicole Christiansen und ihr Mann Sönke führen die Buchhandlung Christiansen in der vierten Generation sehr erfolgreich durch schwere Zeiten in der Branche.

Hamburg. Wenn Nicole Christiansen über ihre Kunden spricht, erzählt sie wie von guten Freunden. Sie weiß, wer gerade in die Ferien gefahren ist, was die Kinder in der Schule machen und fühlt mit, wenn jemand krank ist. Zum Dank schreiben Dutzende Urlauber im Sommer Postkarten an „ihre“ Buchhändlerin. Kaufen wie bei Freunden, das bietet die Buchhandlung Christiansen mitten in Ottensen. Sie ist der älteste Buchladen Hamburgs in Familienbesitz, auf gut 100 Quadratmetern winzig gegenüber den heute üblichen Buchkaufhäusern, die Regale nicht mehr die neuesten, alles schön nach Alphabet geordnet, ohne Schnickschnack, aber mit viel Holz, irgendwie gemütlich.

Nicole Christiansen und ihr Mann Sönke führen das Geschäft in der vierten Generation durch schwere Zeiten in der Branche. Aber sie tun dies so erfolgreich, dass sie im Gespräch mit dem Abendblatt manchmal selber etwas stutzig werden angesichts der Treue ihrer Kunden. Nicole Christiansen ist eine Frau mit warmem Blick, ihr Lachen ist herzlich und wenn sie über das Geschäft spricht, verwendet sie lieber Worte wie Leidenschaft und Dankbarkeit, anstatt Leistung und Erlöse in den Vordergrund zu stellen. Dabei bieten die Zahlen durchaus Grund zur Freude: Zählte die Buchhandlung in dem für die Branche so wichtigen Weihnachtsgeschäft 2012 noch 9200 Kunden, waren es im gerade zu Ende gegangenen Jahr immerhin 11600 Käufer. Schon in den vergangenen zehn Jahren hatten die Erlöse stetig zugelegt. „Besonders mit diesem Jahr sind wir aber sehr sehr zufrieden“, sagt Nicole Christiansen und schaut lächelnd zu ihrem Mann herüber, der gerne den etwas zurückhaltenderen Part in dem Unternehmerduo übernimmt.

Solche Erfolgsmeldungen haben Seltenheitswert in der Branche. Große Ketten wie Thalia schließen ihre Geschäfte, der Literaturbetrieb schimpft geschlossen über den Internetriesen Amazon. Und der gesamte deutsche Buchhandel schaffte gerade mal ein Plus von 1,2 Prozent im vergangenen Jahr. Obwohl: Der Zuwachs machte sich vor allem in den Kassen der kleineren Händler bemerkbar, während die Großfilialisten mit einem Jahresumsatz von zwei bis vier Millionen Euro mehrheitlich Verluste erlitten, melden die Statistiker. Feiern kleinere Buchhändler ein Comeback, besinnen sich die Menschen auf den Wert ihres Literaturladens um die Ecke?

Die Christiansens, das passt zu ihrer Bescheidenheit, glauben in der Tat, dass die Kunden bewusst zu ihnen kommen, um den lokalen Handel anstatt anonyme Anbieter wie Amazon zu unterstützen. „Wir haben sehr vieles den Menschen hier in Ottensen zu verdanken, die bewusst leben“, sagt Sönke Christiansen. Wer im Bio-Laden oder auf dem Markt einkaufe oder sich nachmittags im kleinen Cafe statt in der US-Kette zum Kaffee treffe, fördere die Familienbetriebe, und diese Lebensweise sei in der Nachbarschaft weit verbreitet.

Andererseits: Die Christiansens geben dem Stadtteil auch viel zurück. Lesungen oder Literaturkreise, die teilweise auf ehrenamtlichem Engagement der Mitarbeiter beruhen, bringen Kultur in den Kiez. Den Literaturkreisen für Kinder und Jugendliche bei Christiansen ist es auch zu verdanken, dass die Buchhandlung nun zum zweiten Mal in die Jury des Deutschen Jugendbuchpreises berufen wurde.

Nicole Christiansen ist mit Herz und Seele Organisatorin solcher Events, aber sie wünscht sich auch, dass die Familienbetriebe und andere kleinere Anbieter in ihrer Branche noch stärker kooperieren. „Warum arbeiten wir nicht zusammen und laden Autoren zu Lesungen nach Hamburg ein, die zu einer kleineren Veranstaltung nicht anreisen würden?“, sagt die gelernte Buchhändlerin und denkt dabei an andere Stadtteilbuchhandlungen wie Lüders in Eimsbüttel oder Kortes in Blankenese.

Das persönliche Engagement und besondere Ideen zahlen sich in der Branche, die stark von kreativen Menschen lebt, aus. So schaffte etwa Annerose Beurich mit ihrer Buchhandlung Stories! bereits nach kurzer Zeit den Sprung unter die beliebtesten Geschäfte Hamburgs. Anfang 2008 in Eppendorf eröffnet, legte der Umsatz bei Stories! auf gleicher Fläche über Jahre zweistellig zu, seit einiger Zeit ist die Hamburgerin nun mit einem zweiten Laden im Hanse Viertel vertreten.

Das besondere bei Stories!: Annerose Beurich verhilft etlichen Büchern zu einem besonderen Auftritt. Sie stehen nicht Rücken an Rücken, sondern mit dem Titel gut sichtbar in den Regalen. Zum Teil wirken sie in den Schaukästen wie gerahmt. „Es erscheinen 80 000 Bücher im Jahr“, sagt Beurich, „da ist es Aufgabe des Buchhändlers, eine Vorauswahl zu treffen und dem Kunden eine Orientierung zu geben.“

Neben der besonderen Präsentation sind motivierte Mitarbeiter bei Stories! selbstverständlich. Auch die Buchhandlung der Christiansens bietet eine intensivere Beratung als sonst in der Branche vielfach üblich. Sieben Mitarbeiter beantworten Fragen zu Belletristik oder Biographien, langes Suchen nach Ansprechpartnern entfällt in der Buchhandlung schon dank der kleinen Fläche. Ihre Expertise geben die Beschäftigten zudem an Leseabenden weiter, dann stellen sie ihre Lieblingsbücher der Saison vor. Die Besucher erwartet dann jedes Mal ein buntes Programm allein schon wegen der Altersunterschiede im Team: Die älteste Mitarbeiterin wird 80, die jüngste ist in den Dreißigern. A propos jung und alt: Bei den Christiansens steht die nächste Generation schon in den Startlöchern. Tochter Stella studiert in Freiburg und jobbt nebenbei in einer Buchhandlung. Wenn das kein gutes Zeichen für die Zukunft bei Christiansen ist.