Othmarschen

Christianeum – Vorzeigeschule seit 275 Jahren

Die Lehranstalt mit dänischen Wurzeln feiert am Montag ein großes Jubiläumsfest. Der denkmalgeschützte Arne-Jacobsen-Bau in Othmarschen wird derzeit saniert.

Othmarschen. Staubtrocken ist hier gar nichts – trotz der Umbaumaßnahmen. Lautes Gelächter und fröhliche Gespräche erfüllen die Pausenhalle direkt hinter dem Hauptportal. Kinder spielen Kriegen, die Größeren unterhalten sich gesetzt, im offenen Bistro teilen Mütter Käsetortellini mit Kräutersoße aus, und in der Ecke nutzen drei Mädchen ihre Ranzen zum Schlittenfahren auf dem Steinboden. Büsten alter Denker an den Wänden sind stumme Zeugen des munteren Treibens. Wohl dem Gymnasium, das im Alter von 275 Jahren lebendigen Geist birgt. Schon auf den ersten Blick.

Der zweite fällt auf eine Lehrerin mit sofort einnehmendem Wesen. Sie stellt sich als Barbara Greiner vor und bittet in einen Klassenraum im ersten Stock. „Social Club“ steht auf dem Stundenplan. Der Weg durch das Christianeum gibt Anlass, die Architektur oberflächlich zu studieren. Denn auch äußerlich ist das humanistische Gymnasium meilenweit von einer Lehranstalt alter Schule entfernt. Im vor gut vier Jahrzehnten errichteten Neubau ist der funktionalistische Stil des dänischen Architekten Arne Jacobsen unübersehbar.

Der Meister ließ sich noch vor seinem Tod vertraglich zusichern, dass keine Veränderungen am Prinzip vorgenommen werden dürfen. Seitdem lässt sich über Geschmack streiten. Auf jeden Fall steht der gesamte Gebäudekomplex an der Otto-Ernst-Straße in Othmarschen unter Denkmalschutz. Noch bis 2017 werden insgesamt 16 Millionen Euro für die Fassaden- und Innenrenovierung aufgebracht. Der Festtag zum 275. Gründungstag der Schule am Montag wird auf einer Langzeit-Baustelle zelebriert. Passend zum Jubiläumsmotto: „Tradition im Aufbruch“.

Oben in der Klasse warten zwei Dutzend Schüler der 8. und 9. Klasse; die Tische sind in Hufeisenform angeordnet. Die zwölf- bis 15-Jährigen, auch das wird rasch klar, sind echt plietsch. Im Wahlfach „Social Club“ gehört soziales Engagement in einer Doppelstunde pro Woche zum Unterricht – nicht nur theoretisch, sondern sehr praktisch.

Clara berichtet von einem Besuch bei Flüchtlingen auf St. Pauli. Sebastian stellt die Pläne für ein großes Kinderfest am 22. September auf dem Sportplatz des Christianeums vor: In Zusammenarbeit mit Terre des hommes wird ein vielfältiges Programm für Kinder in Not organisiert. Unter der Regie der Lehrerin Inga Beyer fand am vergangenen Sonnabend eine Kunstauktion im Elbe-Einkaufszentrum statt. Der Erlös der Versteigerung eigenhändig gemalter Bilder fließt dem „Ledigenheim“ zu, einem Haus für Seemänner, Hafenarbeiter und Rentner in der Neustadt.

Miriam regt anpackende Einsätze für eine Suppenküche an, und Leonie hofft, im laufenden Schuljahr möglichst viel über Sozialprojekte zu erfahren. Gerade erst sammelten die Schüler 1500 Euro für Flutopfer. Den Sinn bringt Nic auf den Punkt: „Das Christianeum befindet sich in einem überwiegend wohlhabenden Stadtteil. Da sind soziale Einsätze besonders wichtig und eigentlich eine Pflicht.“ Die anderen nicken zustimmend. Ein Jammer, dass der Pausenton erklingt.

Im Büro der Schulleitung wartet die nächste Überraschung: Vorurteil Nummer zwei wird ad acta gelegt. Denn die Zukunft der altehrwürdigen Lehranstalt steht auf flotten Beinen. Direktorin Diana Amann, eine höchst agile Pädagogin, bittet in einen Raum, der in vergangenen Tagen gewiss mal zum Allerheiligsten zähle, heute indes nach allen Seiten offen ist. Seit eineinhalb Jahren befindet sich die gebürtige Baden-Württembergerin in Othmarschen im Amt. Zuvor lebte sie sieben Jahre in Shanghai, arbeitete dort unter anderem für die Deutsche Schule. Sie schenkt Kaffee ein. Auf den Bechern prangt das Logo des altsprachlichen Gymnasiums: Supernis alimur viribus. Von oben kommt die Kraft, die uns erhält.

Stillstand gehört nicht dazu. Dieser Anspruch zählt seit 275 Jahren zur Tradition und zum guten Ton. Die fünften Klassen starten mit Latein und Englisch, in der achten kommen wahlweise Altgriechisch oder Russisch hinzu. Wer mag, entscheidet sich zudem für Chinesisch, Französisch, Spanisch. Das hilft den 1045 Schülern im späteren Leben, aber auch ganz konkret bei einem regen Schüleraustausch – zum Beispiel mit Jugendlichen und teils Lehrern aus St.Petersburg, Chicago und Shanghai.

„Wer am Christianeum unterrichtet, sollte nicht Dienst nach Vorschrift machen, sondern seinen Beruf als Berufung begreifen“, sagt Jochen Stüsser-Simpson, der seit 1990 Deutsch und Philosophie lehrt. Kollegin Karin Menke ergänzt: „Unsere Schule lebt. Für viele ist sie das zweite Zuhause.“

Wenn das stimmt, liegt es am enormen Angebot an Kursen und Arbeitsgemeinschaften, die bis in den Abend dauern können. Beispiele sind der größte Schülerchor Deutschlands, zwei klassische Orchester sowie eine Brass-Band, das Literarische Café oder Schauspiel, das auch im Amphitheater des Gymnasiums aufgeführt wird. Sport am laufenden Band, Kunst in vielen Facetten, naturwissenschaftliche Forschungen und Klassenreisen überallhin sind in dieser Schule selbstverständlich.

Schulleiterin Diana Amann zeigt den Ablaufplan der Auftaktveranstaltung zum 275. Jubiläum am Montag, der es auch in sich hat. Am Vormittag geben die Schüler den Ton an: mit der Brass-Band und der Aufführung von zwei einstudierten Musicals. Am Nachmittag steht ein Festakt mit Schülern, Lehrern, Eltern und Ehemaligen auf dem Programm, bei dem auch Schulsenator Ties Rabe (SPD) und der dänische Konsul sprechen. Am Abend gibt es ein Dinner mit Gästen ganz in Weiß im Außengelände. Auf der Freilichtbühne legen „Die flotten Dreier“ los.