Bildung

7. Klassen der Stadtteilschulen voller als erwartet

Stadtteilschulen müssen 424 ehemalige Gymnasiasten aufnehmen - fast 29 Prozent mehr als noch 2011. Protest in Osdorf.

Hamburg. Die Klassenstufe sieben droht zum Engpass für Stadtteilschulen zu werden. Weil an den Gymnasien das Sitzenbleiben in den Klassen sieben bis zehn abgeschafft ist, sortieren diese Schulen am Ende der 6. Klasse leistungsschwächere Schüler offensichtlich verstärkt aus. Nach Angaben der Schulbehörde müssen in diesem Jahr 424 Kinder das Gymnasium verlassen und auf eine Stadtteilschule wechseln - damit wächst die Jahrgangsstufe dieser Schulform um rund sieben Prozent. Zum Vergleich: Vor einem Jahr lag die Zahl der sogenannten Rückläufer noch bei 329. Das entspricht einer Zunahme um 28,9 Prozent.

Kurz vor den Sommerferien hatte die Schulbehörde die Stadtteilschulen angewiesen, die Schulformwechsler in die bestehenden 7. Klassen aufzunehmen. Ausnahmen seien nur zulässig, wenn die Zahl der Ex-Gymnasiasten an einem Standort so groß ist, dass eine neue Klasse eingerichtet werden kann.

Die Regelung kann dazu führen, dass die 7. Klassen erheblich größer sind als die Zahl von 25 Kindern, die im Schulgesetz vorgesehen ist. Beispiel Stadtteilschule Goosacker in Osdorf: Hier sitzen in den beiden Klassen der Stufe sieben jetzt 28 und 29 Schüler, darunter auch bis zu vier Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf. Laut Elternrat der Schule musste wegen der Behördenanweisung der ursprüngliche Plan aufgegeben werden, eine dritte Klasse einzurichten. Dies wäre nur möglich gewesen, wenn auch die Eltern, deren Kinder entferntere Gymnasien besuchten, ihren Nachwuchs zentral in der Schule Goosacker angemeldet hätten.

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Eltern, Lehrer und Schüler wollen die verschlechterte Lage nicht hinnehmen, zumal noch immer eine von drei Sonderpädagogen-Stellen nicht besetzt ist und die Schule erhebliche Raumprobleme hat. "Es ist unter diesen Bedingungen verantwortungslos und fahrlässig, die Klassenfrequenzen in dieser Form anzuheben und das gegebene Wahlversprechen zur Absenkung auf 25 Kinder zu brechen", heißt es in einer Erklärung des Elternrats. Mit einer Aktion auf dem Schulhof wollen Eltern, Lehrer und Schüler heute Morgen auf die Missstände aufmerksam machen.

Behördensprecher Peter Albrecht weist darauf hin, dass die im Schulgesetz vorgesehene Regelung der Obergrenze von 25 Schülern pro Klasse von Stufe sieben an in den Stadtteilschulen erst vom kommenden Schuljahr an gelte. Dann sei die Verkleinerung auf 23 Kinder in den Klassen fünf und sechs "durchgewachsen". Mit anderen Worten: Rechnerisch hätte jede Stadtteilschule pro Klasse einen Puffer von zwei Schülern für die Aufnahme von Schulformwechslern. Dennoch ist die Verteilung der vom Gymnasium abgeschulten Jungen und Mädchen auf die Standorte der Stadtteilschulen laut Albrecht eine "Herausforderung".

Walter Scheuerl, der einst die Primarschule verhinderte und heute Mitglied der CDU-Bürgerschaftsfraktion ist, sieht die ansteigenden Rückläuferzahlen als Beleg dafür, "dass die Gymnasien nun doch in Klasse sechs stärker aussieben als bisher". Die Ursache dürfte laut Scheuerl vor allem darin liegen, dass die Förderkurse für Schüler, denen eine Fünf im Zeugnis droht, "in der realen Umsetzung kaum etwas bringen". Meist seien es jahrgangsübergreifende Gruppen, in denen 15 Schüler oder mehr sitzen, um unter Anleitung die Hausaufgaben zu machen. Für die Stadtteilschulen bedeuteten die steigenden Rückläuferzahlen "neben der völlig unzureichenden Vorbereitung und Ausstattung für Inklusionsschüler zusätzliche Probleme". Wie berichtet, ist die Zahl der Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf an den Stadtteilschulen deutlich angestiegen, seit Eltern das Recht zusteht, ihr Kind statt auf einer Förder- auf einer Regelschule anzumelden (Inklusion). "Wenn Schulsenator Ties Rabe so weitermacht, fährt er die Stadtteilschule an die Wand", sagt Scheuerl.

"So wird die Stadtteilschule nicht attraktiver", sagt Sandra Gänsrich, Elternratsmitglied der Schule Goosacker. Die Schulform brauche niedrigere Klassenfrequenzen, um eine attraktive Alternative zum Gymnasium zu sein.

Es gibt auch andere Beispiele. Die Erich-Kästner-Stadtteilsschule in Farmsen-Berne nimmt Gymnasialschüler in Klasse sieben nur auf, solange die Klassenfrequenz nicht auf mehr als 25 Kinder steigt. Allerdings beteiligt sich die Schule an dem bis Ende des Schuljahres laufenden Schulversuch "Alleskönner" mit einem hohen Anteil von Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf und festen Klassengrößen. "Wir kämpfen dafür, dass Integrationsklassen auch in Zukunft bedarfsgerecht ausgestattet werden", sagt Elternrätin Birte Branig.