Folge 4

Der Waseberg, der alpinste Berg der Stadt

Hamburg, Deine Berge - Teil 4: Der Waseberg hat imponierende 16 Prozent Steigung. Früher ging es hier sogar tödlich zu - am Galgen.

Blankenese. Doch, auch in Hamburg gibt es Berge. Abendblatt-Autor Josef Nyary stellt sie in loser Folge in der neuen Serie "Hamburg, Deine Berge" vor. Die Berge wurden aufgetürmt von Einszeitgletschern - oder auch mal nur von der Müllabfuhr. Was sie alle gemeinsam haben? Sie alle sind einen Spaziergang, einen Ausflug oder sogar eine Wanderung wert.

"Los, schneller!" Johlen, Pfeifen und laute Anfeuerungsrufe stören die Stille im Buchenwald. Zuschauer schwingen Fähnchen, drehen Rasseln, blasen Tröten, während moderne Gladiatoren der Geschwindigkeit vorüberjagen.

Das Beifallsgeschrei begleitet die Helden des Steilhangs in beide Richtungen: Im Sommer wandert es mit den pustenden Pedal-Cracks der Cyclassics aufwärts, im Winter mit den kühnen Lenkern der Kreeks noch viel schneller zu Tal.

Die berüchtigtste Bergprüfung der Tour de France führt in das Hochgebirgsnest "Alpe d'Huez". Hamburgs Radsportler nennen den Waseberg mit seiner 16-prozentigen Steigung ohne falsche Bescheidenheit "Elbe d'Huez". Die vor Jahren auf den Asphalt gemalten Parolen wie "Jan, du bist unser Held!" sind inzwischen genauso verblasst wie der Ruhm des Rennfahrers, doch bis zu 10 000 Zuschauer, wummernde Geräuschkulisse und geniale Partylaune bleiben Spitze.

+++ Die Serie: Hamburg, deine Berge +++

+++ Bürgerverein Blankenese lädt ein zu Spaziergängen +++

Die waghalsigen Wintersportler auf den Kreeks sind keineswegs von kleinerem Kaliber: Die flachen, breiten Kastenschlitten, in Blankenese schon seit mehr als 100 Jahren gebaut, lassen sich nur mit bis zu zehn Meter langen Baumstämmen lenken, die sie im Höllentempo hinter sich herziehen, auf halsbrecherischer Schussfahrt über vereiste Steilpisten zwei Kilometer lang bis zur Elbe.

Zwischendrin zockeln "Bergziegen" durch die Botanik der Blankeneser Bergkette: So heißen die HVV-Kleinbusse der Linie 48, denen vor keinem Gefälle graust. Der Waseberg ist mit 87 Metern Hamburgs dritthöchster Hügel, und die gleichnamige Straße die längste Direttissima der Hansestadt: Schnurgerade 300 Meter in schwindelnde Höhe.

"Wasen" hat mit "Verwesen" zu tun. Im Mittelalter, als auf dem Süllberg eine Burg steht, grüßt vom Waseberg gleich gegenüber der damals zu jeder Herrschaft gehörige Galgen. Die Erinnerung an die Aasvögel, die sich an den Gehängten labten, lebt im "Falkentaler Weg" fort.

1863 steht auf dem "Wahsberg" ein Aussichtsturm. An klaren Tagen geht der Blick über die Elbe bis nach Stade. 1890 sammelt der Kaufmann Anton Julius Richter, Mitbegründer der Holstenbrauerei, Geld für ein 51 Meter hohes Bismarck-Denkmal. Er ist der Besitzer des knapp 44 000 Quadratmeter großen Waseberg-Waldes, doch ihm gelingt nur die offizielle Umbenennung des Gipfels in "Bismarckstein", und der Eiserne Kanzler lässt sich stattdessen 1906 auf dem Venusberg nieder, stadtnah, wenn auch nur 34 Meter hoch.

Der alte Waseturm ist längst von Graffiti verschandelt. Dem Elbblick vom Naturbalkon gleich dahinter kann die Sprüh-Pest zum Glück nichts anhaben. Auf vier Bänken lässt sich rasten, picknicken und abends auch ein Gläschen trinken, romantisch über den Lichtern der Schiffe und Bojen. Bei Wolkenbrüchen stürzt Hamburgs längster Wasserfall in das Krumdal. Dort siedelten die Fischer in den typischen Blankenesern Tweehuisern: Der Kapitän wohnte zur Elbe, der Steuermann zum Hang. Zu jedem Zweihaus gehört ein Liegeplatz für einen Ewer.

1910 erwirbt Blankenese den Waseberg. 1935 stellt die "Marine-Kameradschaft Blankenese im Nationalsozialistischen Deutschen Marinebund" ein Mahnmal "zum ehrenden Gedenken an die Gefallenen der Marine" auf den Waseberg. Ein Bronzerelief zeigt den legendären Matrosen, der nach der Seeschlacht im Skagerrak 1916 auf einem Floß die Reichskriegsflagge mit den Namen der untergegangenen deutschen Kriegsschiffe hält. 1949 ersetzt der Blankeneser Goldschmied Hans Kay das Relief durch eine fast zwei Meter hohe Kupferplatte mit Worten des Dichters Gorch Fock, der in dieser Schlacht fiel: "Was auch die See verschlang, die Zeit verschlang das Weh, ewig bleibt die See."