100 Jahre Helmut Schmidt

Der Euro – ein Stück Weltpolitik von Schmidt initiiert

Kanzler Helmut Schmidt und der französische Präsident Valéry Giscard d'Estaing brachten  1978 das Europäische Währungssystem auf den Weg.

Kanzler Helmut Schmidt und der französische Präsident Valéry Giscard d'Estaing brachten 1978 das Europäische Währungssystem auf den Weg.

Foto: Bernard CHARLON / Gamma-Rapho via Getty Images

2002 startete das Bargeld der neuen Währung. Zuvor wandte sich Schmidt, einer ihrer Initiatoren, gegen Nörgler und Kritiker.

Hamburg. Angst vor dem Euro? Für Ex-Kanzler Helmut Schmidt war das schon vor der Einführung des neuen Geldes unverständlich. Der frühere Abendblatt-Autor Günter Stiller (mittlerweile verstorben) und Wirtschaftschef Oliver Schade besuchten Schmidt Ende August 2001 in seinem Büro bei der „Zeit“. Im Folgenden drucken wir den Text, der Anfang September 2001 im Abendblatt veröffentlicht wurde:

Er mag sie nicht, die Kassandrarufer, die alles schlechtreden, niedermachen. „Eine große Zahl der Medien berichtet viel zu negativ über den Euro“, sagt er. Das habe die Währung nicht verdient. Und die Kritik sei fast nur von „Möchtegern-Experten“ gekommen. „Nennen Sie mir drei Ökonomen von Rang und Namen, die sich abfällig über den Euro geäußert haben?“

Unbegründete Euroangst

Helmut Schmidt macht eine Pause, zieht an seiner Zigarette und wartet. „Sehen Sie“, sagt er dann mit einem triumphierenden Unterton in der Stimme. „Da sind doch völlig unbegründet Ängste geschürt worden.“ Gut, Herr Tietmeyer habe seine Bedenken geäußert. „Aber nur, weil er als Bundesbank-Präsident Angst vor dem eigenen Machtverlust hatte.“ Rational seien auch seine Argumente nicht gewesen.

Die Kassandrarufer hatten offensichtlich Erfolg. Nun sind viele Bürger verunsichert, trauen den neuen Münzen und Scheinen nicht so recht über den Weg. Aber diese Stimmung wird schon bald umschlagen. Davon ist Helmut Schmidt überzeugt. „Spätestens zu Ostern nächsten Jahres ist das Misstrauen gegen den Euro verschwunden. Wenn die Menschen ihre Miete, ihren Rotwein, ihren Tabak mit Euro bezahlen, sich an das Geld gewöhnt haben, dann werden sie merken, dass sich für sie nichts verändert hat.“

Helmut Schmidt ist Europäer. Daran lässt der 82-Jährige keinen Zweifel. Ende der 70er-Jahre legte er als Kanzler den Grundstein für den Euro. Mit seinem Freund, dem damaligen französischen Staatspräsidenten Valéry Giscard d’Estaing, rief er das Europäische Währungssystem ins Leben. Neun Länder beteiligten sich an dem Vorgänger der Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion. Schon damals dachten die beiden ernsthaft über die Einführung des neuen Geldes nach. ECU sollte es heißen - die Abkürzung für European Currency Unit. Nun lautet der Name Euro.

Für Schmidt ist die Einheitswährung mehr als ein Zahlungsmittel. „Sie ist ein ökonomisches Phänomen, darüber hinaus aber auch ein weltpolitisches Vorhaben. Der Euro gibt den Europäern ein gewisses Maß an Selbstbestimmung gegenüber den USA, steht für politische Unabhängigkeit.“ Denn schließlich soll es nicht beim Euro bleiben, sollen die Länder noch stärker als heute zusammenarbeiten - wirtschaftlich und politisch. Der Euro sei nur eine Etappe auf dem Weg zum gemeinsamen Europa der Zukunft. Dieses Miteinander verschiedener Nationen hat er als Kanzler stets vorangetrieben. Nicht nur auf wirtschaftlicher, auch auf sicherheitspolitischer Ebene. Besonders das gute Verhältnis zum einstigen Erzfeind Frankreich lag und liegt Schmidt am Herzen. Geprägt vom Zweiten Weltkrieg, in dem er als Oberleutnant an der russischen Front und im Westen kämpfte, ist für ihn die Einheit Europas auch ein friedenssicherndes Moment.

Zwang zu Schuldenabbau und Etatdisziplin in Europa

Eine europäische Regierung sieht Schmidt - wenn überhaupt – erst in weiter Ferne. „Ob das tatsächlich klappt, da habe ich meine Zweifel.“ Aber das europäische Parlament werde in den kommenden Jahren an Einfluss gewinnen, nationale Interessen zurückdrängen. Gemeinsame Stärke demonstrieren, auch dafür diene der Euro. In 30 Jahren werde es schließlich nur noch drei Weltwährungen geben – die amerikanische, die chinesische und die europäische. In diesen Regionen, vielleicht noch in Indien, befänden sich dann die Machtzen­tren dieser Welt. Da sei es wichtig, dass die Europäer zusammenhalten. „Die gemeinsame Währung ist wichtig, wenn die Völker Europas nicht Objekte fremder politischer Beschlüsse werden wollen, damit sie ihre eigene Entschlussfähigkeit behalten können.“

Vom angeblich viel zu weichen Euro will Schmidt nichts wissen. „Das ist eine Mär“, sagt er. „Als ich ein junger Mann war, musste man für einen Dollar 4,20 Mark bezahlen. Nun sind es 2,15 Mark. Es waren schon mal 1,30 Mark.“ Nicht der Außen-, sondern der Binnenwert einer Währung sei entscheidend - also die Inflationsrate. „Und die ist relativ stabil.“ Nicht zuletzt die strengen Zugangsregeln für die Wirtschafts- und Währungsunion hätten die Preissteigerungen niedrig gehalten.

Die Regierungen in Europa mussten ihre Schuldenberge abbauen, neue Verbindlichkeiten durften nur in Maßen eingegangen werden. So schrieb es der Vertrag von Maastricht fest. „Das war gut so, hat auch ausgabefreudige Länder wie Italien diszipliniert.“ Zudem komme der etwas schwächere Euro-Kurs den deutschen Exporteuren entgegen, die ihre Produkte in Übersee absetzen. „Wenn der Euro wieder anzieht, werden diese Firmen die Ersten sein, die über eine zu starke Währung klagen.“

"Wer fährt denn schon in die USA?"

Aber wie sieht es mit Urlaubsreisen in die USA aus? Der schwächelnde Euro macht sie für deutsche Touristen teurer. „Wer fährt schon in die Vereinigten Staaten?“, fragt Schmidt zurück. „Die meisten Deutschen verbringen ihre Ferien doch auf Mallorca, in Frankreich oder Italien.“ Für sie falle durch den Euro der teure Devisenwechsel weg. Preise für das Abendessen oder die Übernachtung würden durch die Einheitswährung zudem besser vergleichbar – egal ob man in Hamburg, Madrid oder Paris sei.

Ohnehin seien 13 Währungen auf einem Wirtschaftsmarkt „dummes Zeug“. Das gebe es nirgendwo auf der Welt. Früher - vor dem Euro - hätten sich Ex- und Importeure innerhalb Europas gegen Wechselkursrisiken absichern müssen. Dieses kostspielige Prozedere gehöre der Vergangenheit an. Auch die Kritik an der angeblich viel zu unterschiedlichen Wirtschaftsstärke europä­ischer Länder und Regionen lässt Schmidt nicht gelten. „Solche Diskrepanzen hat es schon vor dem Euro gegeben. Gucken Sie sich hierzulande Ostfriesland und den Großraum Stuttgart an. Oder in den USA Alaska und Virginia. Auch dort ist die Leistungsfähigkeit ungleich. Eine gemeinsame Währung gibt es dennoch. Und das schon seit vielen Jahrzehnten.“

Helmut Schmidt denkt weiter, spricht über die Ost-Erweiterung der EU. Bis allerdings Polen, Tschechen und Ungarn den Euro ihre Währung nennen dürften, werde noch einige Zeit vergehen. „Zuvor müssen diese Länder ihre Staatshaushalte in Ordnung bringen.“ Also Defizite abbauen. Hinzu komme das Problem mit den Niedriglöhnen. In Polen liegen die Einkommen deutlich unter dem Durchschnitt der Euro-Länder. „Viele Menschen aus Warschau oder Krakau würden lieber heute als morgen bei uns arbeiten. Aber das Lohngefüge würde dann aus den Angeln gehoben. Dieses Problem muss dringend gelöst werden.“

Zum Schluss verfällt der in Barmbek geborene Kosmopolit ins Hamburgische. Für die aktuellen Umfrageergebnisse, nach denen sich die Mehrheit der Deutschen gegen den Euro ausspricht, hat er eine einfache Erklärung: „Das kommt aus dem Gekröse“, sagt er. „Mit dem Verstand hat da s nichts zu tun.“