100 Jahre Helmut Schmidt

Susanne Schmidt: "Das alles wäre meinem Vater zu viel!"

Helmut Schmidt mit Ehefrau Loki (l.) und Tochter Susanne 1966 auf Besuch in Moskau.

Helmut Schmidt mit Ehefrau Loki (l.) und Tochter Susanne 1966 auf Besuch in Moskau.

Foto: imago stock / imago/Sven Simon

Die Tochter des Altkanzlers über den Airport Helmut Schmidt, ihre liebsten Orte in Hamburg – und die Sorge über zu viele Ehrungen.

Hamburg. Nach dem Tod ihrer Eltern hat Susanne Schmidt ihre Heimatstadt unverändert tief im Herzen: „Am liebsten würde ich Hamburg einstecken und mitnehmen.“ Zum Gespräch mit dem Hamburger Abendblatt erscheint die promovierte Volkswirtin pünktlich – und gut gelaunt. Am Tag vor Heiligabend würde ihr Vater Helmut seinen 100. Geburtstag begehen. Und am 3. März 2019 würde Mutter Hannelore ebenso alt.

Es ist ein würdiger Anlass zum Innehalten. Im Restaurant Parlament im Souterrain des Hamburger Rathauses bestellt die Hanseatin mit Wohnsitz in Südostengland Tee mit Milch. Seit 39 Jahren lebt sie an der Seite des Iren Brian Kennedy, einem früheren Banker. „Sie können fragen, was Sie wollen“, sagt sie. Tabus gibt es nicht. Sie sagt das in einem markanten, wunderbar anzuhörenden Hamburgisch. Typisch Schmidt.

Frau Dr. Schmidt, nach unserem Gespräch fliegen Sie zurück nach London. Was ist es für ein Gefühl, wenn Sie den Airport Helmut Schmidt betreten?

Susanne Schmidt: Diese Idee war ganz prima. Sie war gewiss im Sinne meines Vaters. Was will man mehr: Namensgebung des Flughafens in der eigenen Heimatstadt. Richtig gut.

Was empfinden Sie stärker: Trauer oder Dankbarkeit über das lange, erfüllte Leben Ihrer Eltern?

Dankbarkeit natürlich. Aber doch auch große Trauer. Die Wochen vor Weihnachten sind eine besondere Zeit. Oft ist es neblig, trüb, früh dunkel zudem. Natürlich hat so etwas Einfluss auf die Stimmung. Meine Mutter starb Ende Oktober, mein Vater im November. Da kann man schon auf graue Gedanken kommen. Allerdings, komische fünf Minuten kann ich auch bei strahlendem Sonnenschein zu Hause in meiner Küche kriegen, aber das geht auch wieder vorbei. Ich denke, mir geht es da ganz genau so wie anderen auch, deren Eltern gestorben sind.

Während Ihrer Hamburg-Aufenthalte wohnen Sie im Elternhaus in Langenhorn. Fällt Ihnen das leicht?

Etwas gewöhnungsbedürftig ist das schon, ebenso wie die Tatsache, dass es mit der Stiftung einen anderen Hausherrn gibt. Ich wohne über einem Teil des Archivs. Es ist eigenartig, dass im Haus alles noch so ist wie früher – als wären meine Eltern nur zum Spaziergang unterwegs. Selbst eine Packung Tempotaschentücher liegt noch da. Sie ist mit einem Schild versehen, nummeriert und katalogisiert. So wie alles.

Kann man sich in einem solchen Umfeld wirklich wohlfühlen?

Die Frage stellt sich so nicht, weil es ja doch mein vertrautes Elternhaus ist. Auch wenn es mehr und mehr einen musealen Charakter annimmt. Wenn ich zur Tür reinkomme, riecht es immer noch wie damals. Zwar nicht nach Zigaretten, aber sonst schon. Anfangs nach meines Vaters Tod glaubte ich sogar noch den Fahrstuhl zu hören, mit dem er in den letzten Jahren ins Erdgeschoss fuhr. Oder umgekehrt. Dieses Geräusch höre ich heute nicht mehr, und das ist auch gut so.

Wie häufig besuchen Sie Ihre Geburtsstadt?

Etwa sechs- bis achtmal im Jahr – damals wie heute. Nach dem Tod meines Vaters dachte ich, etwas seltener nach Hamburg zu kommen. Das hat sich aber bisher nicht bewahrheitet. Mal sehen, wie sich das weiterentwickelt.

Überrascht Sie der enorme Stellenwert, den sowohl Hannelore als auch Helmut Schmidt in Hamburg genießen – und zwar unverändert?

Als Kind der Eltern hat man es fraglos gerne, wenn diese derart wertgeschätzt werden – sogar weit über ihren Tod hinaus.

Wird es Ihnen manchmal ein bisschen zu viel des Guten? Besonders aktuell zum 100. Geburtstag Ihres Vaters?

Solange echte Zuneigung vorhanden ist, finde ich das wunderbar. Wenn allerdings der Versuch unternommen wird, ein Stück vom vermeintlichen Heiligenschein für sich selbst abzuzweigen, finde ich das nicht mehr so gut. Ich habe das Gefühl, die Geburtstage meiner Eltern werden in einigen Fällen kommerzialisiert beziehungsweise müssen für die persönliche Agenda einiger Leute herhalten.

Es gibt neben Feierstunden, Festakten, Fotoausstellungen und Büchern auch Münzen und eine Briefmarke ...

Alles prima, gar keine Frage. Man hat aber beinahe den Eindruck, als gäbe es zum 100. Geburtstag fast ebenso viele Veranstaltungen. Weniger wäre mehr, finde ich.

Wären diese Feierlichkeiten im Sinne Helmut Schmidts gewesen?

Nein. Mein Vater war nicht unempfänglich für echte Ehrungen, zumal solche, die national oder international einen guten und seriösen Stellenwert hatten. Aus seiner Sicht wäre dies aber alles zu viel des Guten. Er hätte das nicht zugelassen.

Finden Sie, dass Ihre Mutter zu kurz kommt? Sie würde am 3. März kommenden Jahres 100 Jahre alt.

Na, ums Zu-kurz-Kommen geht es doch nicht. Außerdem: Wenn ich richtig informiert bin, folgt dann ja noch mal ein Schwung.

Letztlich handelt es sich doch um ein Kompliment für Ihre Mutter und Ihren Vater. Viele gibt es nicht, die zeitlos einen derart hohen Stellenwert genießen.

Das weiß ich; und ich freue mich darüber und bin dankbar. Meine Kritik richtet sich nur gegen einige wenige, die hier eine Art Selbstvermarktung betreiben.

Das haben wir auch genau so verstanden. Vielleicht schätzt das Gros der Bürger ihre Eltern besonders, weil sie nach ihrer ureigenen Fasson lebten? Und weil besonders Ihr Vater öffentlich tat und sagte, was er wollte.

Das ist sicherlich so und ein bisschen ähnlich geht es, denke ich, allen Älteren und Alten: Je älter man wird, um so weniger ist man von der Meinung anderer Leute abhängig. Man will nichts mehr werden und kann sich nach eigenem Gusto verhalten. Wahrscheinlich haben die Leute an meinem Vater im Alter auch die Abwesenheit politischer Korrektheit gemocht – und wohl auch seine Marotten!

Hand aufs Herz: Wie ist das bei Ihnen?

Meine Mutter war konzilianter, ich bin da eher wie mein Vater. Wahrscheinlich sage ich zu oft meine Meinung und bin zu direkt. Andererseits konnte ich immer ohne Unbehagen in den Spiegel gucken. Das ist wichtig, das habe ich von meinen Eltern gelernt.

Im vergangenen Jahr haben Sie Ihren 70. Geburtstag gefeiert. Was haben Sie noch vor?

Ich habe keinen Plan. Aber ich möchte noch ein bisschen am Leben bleiben und Zeit haben. Einen Plan zu haben, hieße meiner Meinung, ich hätte immer etwas vorgehabt, es jedoch nie geschafft, das in die Tat umzusetzen. So war das nicht. Vielleicht waren meine Wünsche zu bescheiden, vielleicht habe ich auch ganz besonderes Glück mit ihrer Erfüllung gehabt.

Werden Sie dauerhaft in Großbritannien wohnen bleiben?

Ich denke schon. Mein Mann und die Kinder sind dort verwurzelt. Ich mittlerweile ebenfalls. Dennoch sitze ich etwas zwischen den Stühlen. Bisher reichte mir mein deutscher Pass völlig. Das Thema Brexit zeigt allerdings, dass ich ihn vielleicht eines Tages anders benutzen muss als gedacht.

Sie meinen, dass Ausländer in England um ihren Aufenthaltsstatus bangen müssen?

Eine ganz akute Gefahr besteht sicherlich nicht, aber längerfristig ist mir nicht 100-prozentig wohl.

Was erinnert sie in Kent an Hamburg und an Ihre Eltern?

Klar, da gibt es Erinnerungsstücke. Zum Beispiel einige Pflanzen in meinem Garten, die von meiner Mutter kommen. Von meinem Vater habe ich einige Zigarettendosen. Und es gibt eine große Kiste mit Unterlagen von meiner Mutter. Die habe ich nach ihrem Tod mit nach Kent genommen, bis heute allerdings noch nicht wieder geöffnet. Irgendwann wird es dann so weit sein. Außerdem hängen bei uns eine Reihe von Bildern aus dem Besitz meiner Eltern.

Aus Ihrem Elternhaus am Neubergerweg?

Nein, das gesamte Inventar dort hat die Stiftung geerbt. Ich habe die Einrichtung unseres ehemaligen Ferienhauses am Brahmsee geerbt. Dort hatten meine Mutter und mein Vater die „zweite Garnitur“ untergebracht, die erste kam in den Neubergerweg. Aber egal, ob erste oder zweite, den Brahmsee habe ich immer als mein eigentliches Zuhause empfunden.

Bei Ihren Hamburg-Besuchen stehen oft Termine im Kalender. Haben Sie manchmal auch Muße?

Vor unserem Gespräch hatte ich zum Beispiel eine gute Stunde Zeit. Ich bin an den Alsterarkaden langgegangen – und habe Hamburg genossen. Heute Vormittag stand ich in der HafenCity am Wasser und habe gedacht: „Ist meine Heimatstadt nicht ganz besonders schön?“

Haben Sie einen Lieblingsplatz in Hamburg?

Alster, Elbe, Stadtpark, auch der Ohlsdorfer Friedhof: Es gibt so viele wunderschöne Stellen. Auch an der Kleinen Alster geht mir das Herz auf. Dort steht auch Ernst Barlachs Ehrenmal für die Kriegsgefallenen. Darüber habe ich in der Schule mal eine Jahresarbeit geschrieben. Den Platz fand ich damals schon so schön.

Sind das Ihre ältesten Erinnerungen?

Na ja, die frühen Weihnachten natürlich, oder mein toller neuer roter Tretroller, wohl zum sechsten oder siebten Geburtstag. Oder meine „Schlittenfahrten“ als ganz, ganz kleines Mädchen, stehend auf dem Bohnerbesen, wenn der Flur gebohnert wurde.

Fühlen Sie sich mehr als Engländerin oder als Hamburgerin?

Auf jeden Fall als Hamburgerin, ganz bestimmt nicht als Engländerin. Ich bin eine große Lokalpatriotin. Mein Herz hängt nach wie vor an meiner Geburtsstadt – auch wenn es nächstes Jahr 40 Jahre sind, die ich in England lebe. Hamburg ist so schön. Die jeweiligen Senatsregierungen haben über viele Jahre hinweg die Innenstadt wunderbar restauriert. Am liebsten würde ich Hamburg in die Tasche stecken und mit nach England nehmen.

Nach dem Gespräch verabschiedet sich Susanne Schmidt herzlich. In Fuhlsbüttel steht der Rückflug nach London auf dem Programm. Zuvor aber möchte sie im Elternhaus in Langenhorn Sachen zusammenpacken. Dorthin fährt sie vom Jungfernstieg mit der U 1. Ganz normal.

Zur Person:

Die promovierte Volkswirtin Susanne Schmidt lebt seit 1979 in England. Nach den Anfangsjahren bei der Deutschen Bank wechselte sie zu einem österreichischen Kreditinstitut, danach zu einer japanischen Investmentbank und letztlich als Moderatorin zum Fernsehsender Bloomberg TV. Die gebürtige Hamburgerin veröffentlichte Bücher mit wirtschaftspolitischen Schwerpunkten.