100 Jahre Helmut Schmidt

Hoch musikalisch – der Staatsmann am Klavier

Helmut Schmidts erste Schallplattenaufnahme, eingespielt im Dezember 1981: Mozarts Konzert für zwei Klaviere mit dem Bundeskanzler und Justus Frantz an den Flügeln sowie Christoph Eschenbach als Dirigent (und Pianist).

Helmut Schmidts erste Schallplattenaufnahme, eingespielt im Dezember 1981: Mozarts Konzert für zwei Klaviere mit dem Bundeskanzler und Justus Frantz an den Flügeln sowie Christoph Eschenbach als Dirigent (und Pianist).

Foto: Michael Rauhe

Justus Frantz, Freund und Musiklehrer Helmut Schmidts, erinnert an dessen musikalische Akribie und die Liebe zu Johann Sebastian Bach.

Hamburg.  Gedämpfte Klaviermusik ist zu hören, als Justus Frantz die Tür zu seiner Pöseldorfer Altbauwohnung öffnet. Sein Sohn übt gerade noch ein paar Takte; „ein echtes Talent“, bemerkt der 74-Jährige und lächelt. Dann führt er in sein großes Musikzimmer: eine Bibliothek, bis zur Decke angefüllt mit Büchern, Schallplatten, Musikkassetten, gerahmten Fotos aus einer langen Karriere als Pianist, Dirigent, Moderator, Festivalmacher. Gegenüber der Sitzgruppe eine ganz besondere Rarität: das Original einer Kadenz, die Leonard Bernstein einst für Frantz komponierte.

An der Fensterfront steht ein Steinway-Flügel, aber nicht irgendeiner: Auf diesem hat auch Helmut Schmidt gespielt, wenn er zu Besuch war. Hier übte er Fingersätze, bekam Klavierunterricht, in einem Regal finden sich zahlreiche LP-Schuber mit Bach-Werken, die Schmidt seinem Lehrer schenkte. „Musik war sein Lebenselixir, seine Medizin“, sagt Justus Frantz. „Und als er Anfang der 80er-Jahre als Musiker in Erscheinung trat, da bröckelte plötzlich sein Technokraten-Image.“

Der Mann, der dem kant’schen Ideal der Pflichterfüllung folgte, der als rational und kühl-distanziert galt, sei hoch musikalisch gewesen. „Er hätte sogar Berufspianist werden können“, sagt Frantz. Ein akribischer Arbeiter, der Mittelmaß nicht ausstehen konnte. Schon gar nicht bei sich selbst.

Verbindung zu Frantz über fünf Jahrzehnte

Und ein Mann, der den jungen Justus Frantz Ende der 50er-Jahre nachhaltig beeindruckte. Als Redner bei einer SPD-Kundgebung erlebte dieser ihn, sprach Schmidt hinterher an – und blieb mehr als fünf Jahrzehnte in Kontakt. „Vielleicht haben die Schmidts mich als so etwas wie einen Sohn betrachtet“, mutmaßt Frantz. „Ihr eigener starb ja schon vor seinem ersten Geburtstag.“

Auch als Schmidt politische Karriere machte und 1974 Bundeskanzler wurde, blieb die Verbindung zu Frantz bestehen, der inzwischen als Pianist mit den Berliner Philharmonikern unter Herbert von Karajan und dem New York Philharmonic unter Leonard Bernstein auftrat. Seit Anfang der 70er-Jahre habe er Schmidt immer wieder unterrichtet, erinnert sich Frantz. „Wenn er sich richtig konzentrierte, konnte er am Flügel Dinge schaffen, die anderen nicht gelangen.“ Schwere Läufe wiederholte er immer und immer wieder. „Wenn es ihm dann schließlich gelang, freute er sich riesig.“

Schmidts große Liebe habe dem Werk von Johann Sebastian Bach gegolten. „Wenn er nachts von einem politischen Termin nach Hause kam, dann spielte er noch eine Stunde aus dem ,Wohltemperierten Klavier’, so wie andere vor dem Schlafengehen einen Absacker trinken.“ Sein Sicherheitspersonal habe „den Namen Bach schon nicht mehr hören können“.

Aufnahme in den Londoner Abbey Road Studios

Doch es war nicht Bach, sondern Mozart, mit dem Schmidt für eine Sensation sorgte. Eine gewisse „Schuld“ daran trägt Placido Domingo. Der Tenor, Anfang der 80er längst ein Weltstar, spielte auch Klavier und war als Zugpferd für eine Plattenaufnahme des Mozart-Konzerts für drei Klaviere und Orchester KV 242 vorgesehen. Die Firma EMI Electrola hatte 1981 bereits Justus Frantz verpflichtet, dirigieren sollte Christoph Eschenbach. Dann sagte Domingo kurzfristig ab. Was tun? Frantz hatte eine Idee: „Wir können den deutschen Kanzler fragen“, schlug er vor und rief kurzerhand bei Schmidt an. Der war mitten im Aktenstudium, wollte nur wissen „Kann ich das denn auch?“ und beschied knapp: „Okay, machen wir.“

Allerdings hatte Justus Frantz nicht verraten, dass die Aufnahme in den Londoner Abbey Road Studios stattfinden sollte. Das erfuhr Schmidt erst Wochen später. „Seid ihr denn verrückt geworden?“, sei die erste Reaktion des Kanzlers gewesen. Der avisierte Termin komme sowieso nicht in Frage, wenn überhaupt, dann müsse es gleich am nächsten Tag sein.

Wie es binnen 24 Stunden gelang, alle Musiker zusammen zu bekommen, sei ihm bis heute ein Rätsel, sagt Justus Frantz, aber EMI war eben sehr daran interessiert, eine Platte mit dem Bundeskanzler zu veröffentlichen. Und so entstand die Aufnahme in dem Studio, das durch die Beatles berühmt geworden war, tatsächlich binnen weniger Stunden. Hinterher gab es noch einen Empfang, doch für Kaviar und Co hatte Schmidt nichts übrig. „Er wollte Fish and Chips, eingepackt in Zeitungspapier, und die bekam er dann auch.“

Schmidts Pianistenkarriere endete 1984

Die LP löste ein großes Medienecho aus, Dirigent Eschenbach sprach von einer „soliden Einspielung“, Großkritiker Joachim Kaiser beschied sogar: „Der Kanzler bewältigt Mozarts Sechzehntel, er hat den Rhythmus verstanden und die Harmonie des Ganzen erfasst.“

Doch es gab auch Unmut. „Bei der Deutschen Grammophon war man außer sich, dass ein deutscher Kanzler bei einer britischen Plattenfirma aufgenommen hatte“, erinnert sich Frantz. Unbedingt wollte man auch eine Einspielung mit Helmut Schmidt im Portfolio haben. Dazu kam es nach einigem Werben tatsächlich: In Frantz’ Finca auf Gran Canaria bereitete der Piano-Profi mit dem (inzwischen) Ex-Kanzler das Konzert für 4 Klaviere und Streicher a-moll, BWV 1065 vor. Die Besetzung komplettierten Pianist Gerhard Oppitz und erneut Christoph Eschenbach (als Dirigent und vierter Pianist). Aufgenommen wurde Ende 1984 mit den Hamburger Philharmonikern in der Harburger Friedrich-Ebert-Halle.

Schmidts öffentliche Pianistenkarriere endete damit, doch Musik war für ihn weiterhin unverzichtbarer Teil des Lebens. Untrennbar sei sein Name etwa mit dem Erfolg des Schleswig-Holstein Musik Festivals (SHMF) verbunden, sagt Justus Frantz. Schmidt habe nicht nur auf politischem Feld geholfen, sondern auch dazu beigetragen, Musiker wie den rumänischen Stardirigenten Sergiu Celibidache (1912–1996) zu verpflichten. Der sei ein großer Schmidt-Fan gewesen und habe seine Teilnahme am SHMF erst zugesagt, nachdem Schmidt ihm einen persönlichen Brief schrieb. Eine ganz besondere Erinnerung hat Frantz an eine Begegnung zwischen Schmidt und Leonard Bernstein: Um dem lebenslustigen Dirigenten eine Freude zu machen, hatte Schmidt nach einem Konzert in Bonn eine Gruppe junger, salutierender Soldaten antreten lassen. Bernstein sei so begeistert gewesen, dass er Schmidt umarmte und vor den Soldaten auf den Mund küsste. „Das mochte Helmut Schmidt, der körperliche Nähe ohnehin wenig schätzte, natürlich überhaupt nicht. Aber er liebte Lennie und hat ihm vergeben.“

Schmidt litt sehr unter dem Verlust seines Gehörsinns

In seinen letzten Lebensjahren litt Helmut Schmidt sehr unter dem Verlust seines Gehörsinns. Nur die Zerstörung Hamburgs während des Zweiten Weltkriegs sei für ihn ein noch schlimmeres, noch einschneidenderes Erlebnis gewesen, erklärte er einmal. Zwar begann er damit, Partituren zu lesen, Musik also im Kopf zu hören, doch den Verlust an Lebensqualität habe das kaum mindern können, erinnert sich Justus Frantz.

Dabei hatte Schmidt eigentlich noch viel vor. Davon zeugt auch eine Musikkassette, die ganz oben in einem der Regale bei Justus Frantz versteckt ist: eine private Aufnahme der Goldberg Variationen. Nicht zur Veröffentlichung bestimmt, gewiss, aber Ausdruck einer Leidenschaft, die der „Kodderschnauze“ viele nicht zugetraut hätten.