100 Jahre Helmut Schmidt

So würdigt Wolfgang Schäuble einen großen Hamburger

Schäuble (l.) und Schmidt 2009 am Rande einer Veranstaltung zum Gedenken an Ex-Minister Hans Matthöfer (SPD), der kurz zuvor gestorben war.

Schäuble (l.) und Schmidt 2009 am Rande einer Veranstaltung zum Gedenken an Ex-Minister Hans Matthöfer (SPD), der kurz zuvor gestorben war.

Foto: picture alliance / dpa

Der Bundestagspräsident stellt die rhetorische Brillanz von „Schmidt Schnauze“, dem denkenden Macher, heraus.

Hamburg. Der Politikwissenschaftler Dolf Sternberger schrieb dem gesprochenen Wort diese weitgehende Bedeutung zu. Die Rede als Tat – kürzlich haben wir im Bundestag an eine Rede erinnert, auf die diese Einschätzung zutrifft: die Ausrufung der Republik durch Philipp Scheidemann am 9. November 1918. Spontan gehalten, aus dem Stegreif – wenige Wochen, bevor Helmut Schmidt geboren wurde. 100 Jahre ist das her.

Jüngeren Datums – und passend zur Deutschen Nationalstiftung, weil untrennbar mit einem 9. November verbunden – ist die Rede Helmut Kohls 1989 vor dem Deutschen Bundestag. Sein 10-Punkte-Programm als Reaktion auf den Fall der Mauer. Dessen Entstehung auf der heimischen Schreibmaschine ist mythenumwoben. Rückblickend erkennen wir ihre richtunggebende Kraft.

Das trifft auch auf eine Rede zu, die den 9. November selbst zum Thema hatte: Helmut Schmidts Ansprache 1978 beim ersten bundesdeutschen Staatsakt, der an die Pogrome gegen die deutschen Juden erinnerte. Der Kanzler benannte in dieser Rede deutsche Schuld und unsere bleibende Verantwortung. Das war eine Geste von besonderer Bedeutung für die Angehörigen der Opfer – und für die Erinnerungskultur unseres Landes wegweisend.

Die Kraft des Wortes

Politisches Handeln vollzieht sich immer auch durch die Kraft des Wortes, durch Sprache. Allerdings: Worte allein verändern die Welt nicht. Die Wirkung einer Rede ist nicht voraussetzungslos. Meist dienen Reden auch eher der Selbstvergewisserung und Selbstbestätigung als dem Umsturz oder der Veränderung. Aber sie können Kräfte freisetzen. Eine Rede kann in eine Richtung weisen. Orientierung geben.

Rhetorik ist deshalb ein zentrales Mittel der Politik. Heute ist der Geburtstag eines Mannes, der viel dazu beigetragen hat, dass die antike Rhetorik bis in unsere Gegenwart Bezugspunkt und Maßstab guter Redner geblieben ist: Augustinus. Er studierte in seiner Jugend die Redekunst und war Rhetoriklehrer an kaiserlichen Höfen. Später lehrte er vor allem, wie man den Glauben verbreitet – mittels Rhetorik. Sein Anspruch: mit höchster Klarheit zu reden. Sein Ziel: verstanden zu werden. Beides sollte auch für die Politik gelten – auch wenn es hier bekanntlich nicht darum geht, Wahrheiten zu verkünden, sondern darum, eine Mehrheit von den eigenen Positionen zu überzeugen.

Das Verhältnis des Vernunftmenschen Helmut Schmidt zum Glauben war ambivalent. Zumindest als Rhetoriker folgte er aber dem Rat des Kirchenvaters uneingeschränkt: mit einer präzisen Sprache, bestechend klar und für seine Anhänger wie Gegner stets verständlich.

Sprache als Machtmittel

Seine besonderen Fähigkeiten auf diesem Gebiet waren früh aufgefallen. Siegfried Lenz, den eine enge Freundschaft mit Helmut Schmidt verband, schrieb bereits 1965 im „Spiegel“, dieser Mann habe (Zitat) „durch manches gesprochene Prosastück, in dem er überlegene Gedanken- und Sprachdressur anstellt, … verändernd gewirkt“. Schmidt gebiete über einen neuen Wortschatz, der sich (noch mal Lenz) „sozusagen in Stromlinie und Tropfenform zeigt“. Das markante Schriftsteller-Urteil begründet selbst einen ganz neuen Wortschatz zur Beschreibung rhetorischer Stilmittel – und lässt Raum zur persönlichen Interpretation.

Für mich zeichnet Helmut Schmidts Reden vor allem die messerscharfe Analyse aus, die Stringenz der Argumentation, das sachlich-nüchterne Urteil. Meist im Ton kühl und kontrolliert, im verbalen Schlagabtausch mit Kohl oder Strauß manchmal aber auch schneidend und rücksichtslos. Er beherrschte virtuos die Klaviatur rhetorischer Mittel. Schmidt konnte sehr ausführlich werden, sparte nicht an Zahlen, Daten und Fakten. Er konnte aber genauso in wenigen Worten, ohne jede Abschweifung, seine Gedanken formulieren. Es hatte immer Stil – seinen eigenen Stil.

Schmidt-Schnauze: Der Spitzname wurde von ihm als Anerkennung verstanden. Ein Ehrentitel, in dem vor allem die Ehrfurcht seiner politischen Gegner vor der rhetorischen Urgewalt anklang. Er war schlagfertig – und zeigte das gern in Interviews. Sprache als Machtmittel: Sie wusste er seiner jeweiligen Rolle entsprechend einzusetzen. Schmidt-Schnauze wurde als Elder States­man zum abgeklärten Welterklärer. Den Jüngeren ist er in dieser Rolle wahrscheinlich eher präsent als in der des begnadeten Debattenredners, an die ich mich erinnere. Stärker noch als in seinen Reden zeigte er sich hier milde, auch als „großer Pausenkünstler“. Die von ihm genüsslich zelebrierte Stille verstärkte den vorangegangenen Gedanken – und sie gab ihm Gelegenheit, an der obligatorischen Zigarette zu ziehen.

Führung durch Richtungsvorgabe

Es braucht in der Politik Führung durch Richtungsvorgabe. Als Segler wusste Helmut Schmidt: Der Kapitän bestimmt den Kurs. Seine bis heute am stärksten nachhallende Rede hielt er 1977, in diesem mörderischen deutschen Herbst, als der Terrorismus der RAF die Bundesrepublik erschütterte. Nach der Ermordung Hanns Martin Schleyers. Schmidt, der denkende Macher, verfügte in dieser Bedrohungslage über einen klaren Kompass. Er wahrte die Prinzipien des freiheitlichen Staates und gab so einer vom Terror verunsicherten Repu­blik Orientierung.

Er formulierte den Grundkonsens: Der Staat darf sich nicht erpressen lassen. Unter keinen Umständen. Er bewies Haltung – und offenbarte zugleich die persönliche Verstrickung. Vor dem Parlament benannte er das Dilemma: „Wer weiß, dass er so oder so, trotz allen Bemühens, mit Versäumnis und Schuld belastet sein wird, wie immer er handelt, der wird von sich selbst nicht sagen wollen, er habe alles getan, und alles sei richtig gewesen.“ Und jeder spürte die Bürde, die seine notwendige Entschlossenheit im Amt für ihn als Menschen bedeutete.

Diese Worte sind zeitlos. Helmut Schmidt sprach nicht nur von der Staatsräson, er verkörperte sie. Der Erfolg des Rhetors Schmidt ist gar nicht zu erklären ohne die Wirkung seiner zurückhaltenden Gestik und der ihm eigenen Mimik. „Unser Gewerbe ist doch wie das der Schauspieler“, hat er einmal zugegeben. Auch diese Gabe bewies er, wenn er etwa im Interview wegschaute, sich mit seiner Schnupftabakdose beschäftigte oder dem wabernden Rauch nachschaute. Mit der abgeklärten Nachlässigkeit des Weltweisen. Oder im Gegenteil: Wenn er dem Gegenüber seine kühle Abneigung mit versteinertem Gesicht zum Ausdruck brachte.

Der Lotse ging von Bord

Bei seinem Abschied aus dem Amt verfing das Bild vom Lotsen, der von Bord geht. Nicht allein wegen des Vergleichs mit Otto von Bismarck, sondern weil Schmidt dank seiner Führungsstärke von vielen tatsächlich als solcher wahrgenommen worden war: als Lotse, der versucht hatte, die heftigen Stromschnellen zu umschiffen – die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise, die Bedrohungen durch den Terrorismus, die Debatten in den eigenen Reihen um den Nato-Doppelbeschluss.

Die Fähigkeit, Kurs zu halten, ist heute wichtiger denn je. Mit dem ungeheuer schnellen gesellschaftlichen Wandel, den wir erleben, geht eine Fragmentierung unserer Debatten einher. Auch unsere Aufmerksamkeit ist geteilt. Angesichts der Fülle an Informationen, mit denen wir täglich konfrontiert sind, braucht es Fokussierung – vermutlich mehr denn je.

Der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann hat unlängst unterstrichen: Wer gehört werden wolle, müsse mit einem eigenen Vorschlag und einer eigenen Haltung in die Debatte gehen. Bei einem „kollektiven Brainstorming in der Republik“ würde zum Schluss sonst nur ein „allgemeines Quakkonzert“ ertönen. Er hat recht.

Politiker dürfen nicht nur sagen, was die Leute hören wollen. Es braucht den Willen, für das als richtig Erachtete einzutreten, das als richtig Erachtete zu erklären und zu überzeugen – selbst wenn sich manche einmal richtige Botschaft in einem gewandelten Umfeld überleben kann. Es geht darum, Mehrheiten zu erringen. Das ist politische Führung, die Vertrauen stiftet und der Bevölkerung Zuversicht vermittelt. Und das wesentliche Mittel dazu ist noch immer die Sprache, das Wort – die Rede.

Aufstieg des Fernsehens

Damit durchzudringen ist allerdings nicht einfacher geworden. Im Gegenteil. Helmut Schmidt hat bereits 2002, anlässlich der Verleihung des Dolf-Sternberger-Preises für öffentliche Rede, von der „Fragwürdigkeit der Fernseh-Massendemokratie“ gesprochen. Sie sei etwas ganz anderes als die Demokratie einer lesenden Gesellschaft. Das einprägsame Bild, das unmittelbar ins Bewusstsein von Millionen dringe, sei wichtiger geworden als die sorgfältig formulierte Sprache.

Hat das Wort gegenüber der Kraft des Visuellen überhaupt noch eine Chance?

Die Meinungen gehen auseinander. Marcel Reich-Ranicki sprach einst von einem segensreichen Einfluss des Rundfunks und Fernsehens auf die Beredsamkeit. Dagegen zeigt sich der Politikwissenschaftler Herfried Münkler skeptischer. Mit dem Aufstieg des Fernsehens zum Leitmedium seien nichtsprachliche Zeichen heute wichtiger als das gesprochene Wort, die öffentliche Rede. Kein Wunder, wenn die Länge von Politiker-O-Tönen im Fernsehen in der Regel weit unter 30 Sekunden liegt. Wenn wir durch Twitter einer ganz neuen Beschleunigung der Kommunikation ausgesetzt sind. Wenn das bloße Statement den Gedankengang durch Argumentieren ablöst. Meine Erfahrung allerdings ist, auch aus Rückmeldungen aus der Bevölkerung, dass es gerade in Zeiten der Kurzbotschaften eine regelrechte Sehnsucht nach erklärenden Zusammenhängen gibt.

Sympathie für Karl Popper

Wir dringt man damit durch? Helmut Schmidt und mich verbindet die besondere Sympathie für die Lehren des Sozialphilosophen Karl Popper. Von dem erschien 1971 in der „Zeit“ – da dachte wohl noch nicht einmal Helmut Schmidt daran, jemals ihr Herausgeber zu werden – ein Plädoyer für intellektuelle Redlichkeit. Wider die großen Worte. „Wer’s nicht einfach und klar sagen kann, der soll schweigen und weiterarbeiten, bis er’s klar sagen kann.“ So Popper. Das war damals auf die Auswüchse der deutschen Wissenschaftssprache bezogen. Aber es ist ein Postulat, das wir alle beherzigen sollten – erst recht, wenn uns daran gelegen ist, Menschen zu überzeugen.

Würde Popper deshalb heute twittern? Wohl genauso wenig wie Helmut Schmidt. Immerhin bewies der, dass sich die Komplexität der Welt „auf eine Zigarette“ mit intellektuellem Esprit und analytischer Schärfe angehen ließ – aber in 280 Zeichen Entwicklungen einzuordnen, zu bewerten und daraus Handlungsoptionen abzuleiten, das wäre vermutlich auch ihm fremd. Alles Kokolores. Twitter ist, wie das Medium in den Händen eines US-Präsidenten zeigt, eine Waffe zur Emotionalisierung, zur Mobilisierung – aber keines fürs kluge Räsonieren.

Bekehren wolle er niemanden, hatte Popper geschrieben. Und weiter: „Was ich den Studenten vorsetze, sind Probleme und Lösungsversuche. Natürlich mache ich es ganz klar, wo ich stehe – was ich für richtig und was ich für falsch halte.“ Das liest sich fast wie eine Anleitung für die Reden Helmut Schmidts. Der sah sich dem „Ethos eines politischen Pragmatismus in moralischer Absicht“ verpflichtet. Der Lösungsweg geht oft nur pragmatisch, vernunftgemäß, Schritt für Schritt. Aber es braucht die moralische Begründung unseres Handelns und unserer Ziele.

Wirkmacht von Begriffen

Das führt zu einem abschließenden Aspekt, den ich wenigstens kurz beleuchten möchte: die Verbindung von Rhetorik und Moral. Und damit unsere Verantwortung für Sprache.

Sprache lässt sich auch leicht in den Dienst des Unmenschlichen stellen – das haben die Nationalsozialisten in erschreckender Weise ausgenutzt, die ihren Kampf mit Worten begonnen haben. Sie sind weder die einzigen, noch waren sie die letzten, die Sprache als Gift einsetzten und für ihre Zwecke missbrauchten. Reich-Ranickis Urteil fiel entsprechend bitter aus: Die Synthese von Rhetorik und Moral sei eine Illusion geblieben – nach wie vor ein edler Wunschtraum und nicht mehr.

Deshalb müssen wir wachsam bleiben. Sprache sorgsam nutzen. Und sensibel bleiben für die Wirkmacht von Begriffen – das gilt für Versuche, Grenzen des Sagbaren schleichend zum Unsäglichen zu verschieben, genauso wie für offene Tabubrüche. Zumal in der Politik. In Bundestagsdebatten ist die Zuspitzung immer ein Stilmittel. Das berechtigt aber nicht dazu, mit Doppeldeutigkeiten und Stillosigkeiten zu spielen.

Provokationen bekämpft man im Übrigen nicht erfolgreich, indem man versucht, sie verbal zu übertrumpfen. Luther hat gesagt, man solle dem Volk aufs Maul schauen. Aber das heißt nicht, dass wir ihm nach dem Munde reden müssen. Statt eines sich gegenseitig aufschaukelnden Verbalradikalismus braucht es Lösungsangebote. Denn das repräsentative System funktioniert nur, wenn die Menschen darauf vertrauen können, dass Politiker ihre Probleme lösen.

Verantwortung als Politiker

Es gehört zu unserer Verantwortung als Politiker, dass wir aus der Erfahrung unserer Geschichte lernen, wie leicht verantwortungsloser Streit zu Hass und einer Eskalation von Gewalt führen kann. Was wir sagen und wie wir uns verhalten, hat Folgen auch für die öffentliche Debatte in unserer Gesellschaft. Es kann vorbildlich sein für eine zivilisierte Auseinandersetzung. Es kann aber auch Anlass sein für Hass und Hetze, für Verrohung bis hin zu schlimmsten Formen von Gewalt. Wir müssen Maß halten, um unser politisches und gesellschaftliches Klima nicht zu vergiften.

Gerade in aufgewühlten Zeiten wie unseren braucht es Verhaltensregeln, über die man lange nicht mehr geredet hat: Anstand und Respekt füreinander. Nicht jeden persönlichen Spielraum maximal ausnutzen, ein offenes Ohr haben für die Argumente des anderen, ihn anerkennen mit seiner anderen Meinung. Dass wir heute wieder verstärkt über solche Tugenden nachdenken, hätte Helmut Schmidt sicher gefallen.

Respekt vor der Freiheit

Schmidt wusste um die Verantwortung für Sprache. Als „Tüttelkram“, wie er sich sonst gern ausdrückte, hat er sie nicht angesehen. Vieles im politischen Leben Helmut Schmidts, dieser bundesrepublikanischen Verkörperung von Pragmatismus und Realpolitik, lässt sich aus seiner Jugend erklären: aus den Erfahrungen mit Ideologie und Wirklichkeitsverzerrung unter dem Hakenkreuz. Einerseits. Seiner Prägung als Schüler der Lichtwark-Schule andererseits. Auch den Stil seiner Reden: Die betonte Sachlichkeit, Nüchternheit, seine hörbare Skepsis gegenüber jedem falschen Pathos. Schon Siegfried Lenz hatte das beobachtet. Er porträtierte ihn 1965 als Politiker, der „Sprache weniger sorglos gebraucht als vergleichbare Politiker“. Hier ist er uns bis heute Vorbild – auch wenn ihm diese Rolle nie behagt hat.

1982, in seiner letzten Rede als Bundeskanzler, sagte Schmidt vor dem Deutschen Bundestag: „Über die Qualität unserer Demokratie entscheidet zuallererst der Respekt vor der Freiheit und der Würde des anderen, d. h. entscheidet zuallererst das Maß an innerer Liberalität, die wir tatsächlich üben und bewahren. Ohne gelebte Freiheit gibt es keine politische Kultur.“ Ich füge hinzu: In unserem verantwortungsvollen Umgang mit Sprache drückt sie sich aus. Heute und zukünftig.

Diese Rede hielt Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU) bei der Jahrestagung der Deutschen Nationalstiftung am 13. November 2018 in der Bucerius Law School. Die Tagung beschäftigte sich mit der Bedeutung von ­Rhetorik im Zeitalter sozialer Medien.