Literatur-Tipp

Schwedischer Frauenbetrachter stellt „Nelly B.s Herz“ vor

Aris Fioretos, schwedischer Schriftsteller und Übersetzer österreichisch-griechischer Herkunft.

Aris Fioretos, schwedischer Schriftsteller und Übersetzer österreichisch-griechischer Herkunft.

Foto: dpa Picture-Alliance / Erwin Elsner

Oft sind es unvorhergesehene Ereignisse, die Katastrophen, Krankheiten, Verluste, die erst die Wahrnehmung neu schärfen. Die Geschichte „Nelly B.s Herz“ ist auch in dieser Hinsicht durchaus ungewöhnlich. Nelly B. betreibt ein ungewöhnliches Metier, zumindest für ihre Zeit, die 1920er-Jahre. Sie hat als erste Frau in Deutschland einen Pilotenschein erworben. Und mit ihrem französischen Gatten eine Flugschule betrieben. Die Ehe mit dem pragmatischen Paul geht rasch in eine solide, Nelly auf Dauer wenig beglückende Freundschaft über. „Zuverlässig im Handeln, ruhig wie Heu“, empfindet sie den Gatten – zugegeben, wenig aufregend.

Als ihr ein Arzt eröffnet, dass ihr Herz weitere Flüge nicht mitmachen würde, gerät ihr ganzes Leben auf einmal auf den Prüfstand. Es ist die Geschichte einer späten Selbstfindung. Aris Fioretos, schwedischer Schriftsteller mit griechisch-österreichischen Wurzeln, erzählt sie in seinem neuen, bei Hanser erschienenen Roman. er stellt ihn am heutigen Dienstag im Literaturhaus vor.

Nelly hat schon einiges überstanden, etliche Abstürze und viele gebrochene Rippen, Flugverbot während des Krieges, später Aufstieg aus den Ruinen und ein Leben am Rande des Existenzminimums. Es war auch eine Form von Glück. Nun aber, unwiederbringlich aus der Luft für immer auf die Erde gezwungen, beginnt Nelly neue Welten zu erkunden. In Berlin nimmt sie eine Stelle bei BMW an, präsentiert Sportmodelle auf einer Messe. Dann ergeben sich eine Begegnung und eine unverhoffte Berührung mit Irma. Nelly ist in Wallung.

Irgendwo in ihrem Inneren hat auch Nelly es wahrscheinlich geahnt. Erinnerungen an unbeholfene Kussversuche mit jungen Frauen während der Jahre der Schulzeit und des Kunststudiums in Stockholm kommen wieder hoch. Damals lautete die Erkenntnis, dass es leichter war, sich mit Männern anzufreunden.

Der Teil, in dem die Liebesgeschichte mit Irma beginnt, ist von Fioretos am eindringlichsten beschrieben. Nelly nimmt er so sehr mit, dass sie ihn im Präsens erzählen muss. Auch wenn – das sei vorweg gesagt – dieses intensive Jahr des Erwachens ihrer neuen Identität irgendwann unweigerlich zu Ende gehen wird. Im Übrigen hält es viel Verstörendes bereit, denn die neue Geliebte hat ihre eigenen Geheimnisse, nimmt sich libertäre Freiheiten heraus.

Sie verschwindet mit unbekannten Menschen an unbekannte Orte, taucht mehrmals für einige Tage ab. Mit Nelly aber besucht sie berüchtigte Spelunken Berlins, in denen diese die Faszination aphrodisierender Drogen erfährt. Nelly wird wieder mutiger, verwegener, und sie begibt sich, Irma zuliebe, auf einen letzten Flug. Erst später wird sie das letzte Geheimnis Irmas erfahren.

Aris Fioretos beschreibt das Leben einer zu ihrer Zeit unkonventionellen Frau ohne Verklärung, aber mit einem authentischen Gespür für die Höhen und Tiefen, die ein mutiges Leben jenseits der Konvention mit sich bringt. „Ich habe mein Herz geweitet, bis sie (die Personen, die Irma neben ihr trifft) alle darin Patz fanden. Ich dachte, das könne man unter Frauen tun, weil wir einander nicht besitzen, sondern ineinander übergehen wollen, grenzenlos.“

Der Autor schildert eine Frauenliebe, die zugleich eine universelle Liebe ist. Und mit seiner feinen, mit wohl dosierten Bildern arbeitenden Sprache, hält Fioretos den Spannungsbogen bis zum Schluss aufrecht.

Aris Fioretos: „Nelly B.s Herz“ aus dem Schwedischen von Paul Berf, Carl Hanser Verlag, 336 Seiten, Preis 24 Euro

Lesung Di 11.2., 20 Uhr, Literaturhaus Hamburg (Bus 6, 17), Schwanenwik 38, Karten zu 12, ermäßigt 8 Euro an der Abendkasse