Kino-Tipp

Eine unerbittliche Lehrerin stößt an ihre Grenzen

| Lesedauer: 3 Minuten
Sie ist hart gegen sich selbst und gegen andere: Violinistin Anna Bronsky (Nina Hoss).

Sie ist hart gegen sich selbst und gegen andere: Violinistin Anna Bronsky (Nina Hoss).

Foto: Judith Kaufmann / dpa

Beim Vorspiel im Musikgymnasium scheint sie die Gute zu sein. Die anderen Lehrkräfte sind sich schnell einig in der Ablehnung des scheuen Violinschülers Alexander (Ilja Monti). Die Musiklehrerin Anna Bronsky (Nina Hoss) dagegen sieht Begabung und Potenzial und will es mit ihm versuchen.

Bei ihrem Einzelunterricht freilich erweist sie sich als hart und unerbittlich. Wie besessen lässt sie ihn die immer gleichen Akkorde üben, üben, üben. Disziplinlosigkeit duldet sie nicht. Und beim Versuch, ständig seine Körperhaltung zu korrigieren, wird sie sogar übergriffig.

Dass diese gestrenge Lehrerin zwangsneurotisch und kontrollwütig ist, zeigt sich schon in kleinen Alltagsverrichtungen Unter ihrem Eifer, ihren Eleven anzutreiben, vernachlässigt sie auch ihr Privatleben. Darunter leidet nicht nur ihr Mann (Simon Abkarian), ein Instrumentenbauer, der eigentlich ihr Ruhepol ist. Sondern vor allem der eigene Sohn, Jonas (Serafin Mishiev), den die Mutter auch schon zum Geiger erziehen wollte und der sich dagegen auflehnt. Mehr und mehr gerät der neue Schüler zum eigenen, manischen Profilierungsprojekt. Hat doch auch die Lehrerin einst eine Musikkarriere angestrebt und ist ihren eigenen Ansprüchen nicht gerecht geworden. Nun überträgt sie diese Manie auf ihre Zöglinge, die schaffen sollen, was sie selbst nicht erreichen konnte. Wobei sie selbst, das deutet dieser Film sanft an, unter einem kalten, autoritären Elternhaus litt, das immer nur Erfolg erwartet und erzwungen hat.

„Das Vorspiel“ ist in gewisser Weise ein Déjà-vu. Kam doch erst vor einem halben Jahr mit „Lara“ schon ein anderer deutscher Film über eine verbitterte, neurotische Frau ins Kino, die ihre Karrierepläne aufgeben musste und ihren Ehrgeiz auf den Sohn übertrug. In Jan-Ole Gersters Film ging es ums Klavier, in Ina Weisses Film geht es nun um die Violine und also ganz bildlich darum, wie man den Bogen rauskriegt. Und so wie „Lara“ ein großes Geschenk an seine Hauptdarstellerin Corinna Harfouch war, lebt „Das Vorspiel“ durch Nina Hoss. Der Film scheint ihr wie auf den Leib geschrieben. Wie sie sich in ihrem Ehrgeiz zerfrisst, alles andere darüber vergisst und ihre ganze Umwelt mit Machtspielchen aus Zuwendung und Abweisung traktiert, das spielt Nina Hoss – die lange nicht mehr zu sehen war und endlich wieder in einem Film spielt – in feinen Nuancen und Schattierungen.

Und Regisseurin Ina Weisse, die selbst Schauspielerin ist, weiß dieser unaufdringlich und doch unbarmherzig nachzuspüren. Wie unter einem Mikroskop beobachtet sie ihre Antagonistin und fördert deren Dysfunktionalität zutage. Ein Psychogramm, das auch viel über unsere Leistungsgesellschaft mit ihren Ansprüchen, Konkurrenzen und Versagensängsten erzählt. Und unerbittlich auf eine Eskalation zusteuert.

Vorspiele stecken dabei den Rahmen ab. Wie der Film mit der Aufnahmeprüfung beginnt, endet er mit der Zwischenprüfung, die alles entscheidet – über das Los des Schülers wie auch über das der Lehrerin. Und hier muss sich der ganze Druck, der sich da aufgebaut hat, entladen. Dabei überrascht Ina Weisse mit einer finsteren Wendung, die einem das Blut in den Adern gefrieren lässt

„Das Vorspiel“ D/F 2019, 99 Minuten, ab 12 Jahren, Regie: Ina Weisse, Darsteller: Nina Hoss, Simon Abkarian, Ilja Monti, Sophie Rois, im Koralle, Passage

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