Theater-Tipp

Katie Mitchell inszeniert „Anatomie des Suizids“

Gala Othero Winter ist eine der drei Schauspielerinnen, die drei Frauenleben über drei Generationen hinweg verkörpern.

Gala Othero Winter ist eine der drei Schauspielerinnen, die drei Frauenleben über drei Generationen hinweg verkörpern.

Foto: Stephen Cummiskey

Hamburg. Die Depression ist eine extrem belastende, oft sogar tödlich – mit Suizid – endende Krankheit. Für die britische Autorin Alice Birch ist die Depression eine Art Metapher. An ihr erzählt sie beispielhaft, wie Eigenschaften und eben auch Krankheiten von einer Generation zur nächsten weitergereicht werden. „Anatomie eines Suizids“ heißt das in England bereits stark diskutierte Stück.

Für den 17. Oktober richtet die britische Regisseurin Katie Mitchell die deutschsprachige Erstaufführung im Schauspielhaus ein. Mitchell hatte vor zwei Jahren bereits die Uraufführung im Londoner Royal Court Theatre verantwortet. Auch wenn sie ihr Konzept im Wesentlichen beibehält, freut sie sich, die Geschichte mit mehr Zeit und um einiges tiefer erforschen zu können.

Das Geschehen ist nun nach Deutschland verlegt. „Im Zentrum stehen drei Frauen, die aufgrund der historischen Periode, in der sie leben, aber auch aufgrund ihres Charakters sehr unterschiedlich sind“, sagt Katie Mitchell. „Über ihnen allen liegt wie ein langer Schatten die Krankheit der Depression.“ Der Umgang mit dieser ist zu jeder Zeit ein anderer.

Die Frage ist, ob wir dem Vermächtnis der Eltern entrinnen können

Clara ist Hausfrau in den 1970er-Jahren, die ihr künstlerisches Interesse unterdrückt. Ihre Tochter Anna wächst in den 80ern heran und betäubt ihre eigene Depression mit der Flucht in die Exzesse der Club- und Drogenszene. Ihre Tochter Bonnie wiederum wird Ärztin in einer psychiatrischen Notaufnahme. Der Abend
reflektiert auch den Fortgang der medizinischen Entwicklung. Das ist aber nicht der Fokus.

„Das Stück blickt darauf, was wir erben, wie wir geformt sind. Das betrifft nicht nur eine Krankheit. Können wir dem Vermächtnis unserer Eltern jemals entkommen?, fragt Katie Mitchell. „Ich glaube nicht. Wir sind definiert durch unsere Eltern und dadurch, wie sie uns aufgezogen haben. Es ist wichtig, darüber nachzudenken. Wir sind uns dessen manchmal nicht bewusst.“

Die Geschichte über drei Frauenleben in Hamburg erneut zu inszenieren sei eine große Freude, so Mitchell, besonders mit diesem Ensemble. In den Hauptrollen agieren mit Julia Wieninger, Sandra Gerling und Gala Othero Winter drei ausgewiesene Protagonistinnen. „Das Stück ist formal brillant. Es ist, als ob man drei Stücke gleichzeitig inszeniert. Inhalt und Form sind perfekt gestaltet“, erläutert Katie Mitchell. „Die Depression wird über Generationen weitergereicht, und die Form spiegelt diese Idee.“

Die Inszenierung folgt den Handlungssträngen simultan. Das ist nicht ohne Anstrengung für die Performenden und auch für die Zuschauer. Mitchell ist für ein technisch höchst anspruchsvolles Theater bekannt. Es kommt diesmal kein Livevideo zum Einsatz, wie sie es häufig verwendet, nur pures Theater, reines Schauspiel.

Es gilt, 60 Szenen, von denen immer drei zu gleicher Zeit passieren, exakt zu timen, Übergänge zu trainieren, Zeitsprünge zu bewältigen. Hinzu kommt die naturalistische, poetische Sprache der Autorin. Das klingt alles, zugegeben, nicht eben nach erbaulicher Theaterkost. „Anatomie eines Suizids“ handelt zwar von Ausweglosigkeit und Krankheit – aber eben auch sehr stark von der Liebe der Mütter zu ihren Kindern.

„Anatomie eines Suizids“ deutschsprachige Erstaussführung Do 17.10., 19.30 Uhr, dann 20.10., 16 Uhr, 21.10., 9., 14. + 20.11., jew.eils 19.30 Uhr, Schauspielhaus (U/S Hbf.), Kirchenallee 39, Karten zu 9 bis 74 Euro unter: T. 24 87 13; www.schauspielhaus.de