Kino-Tipp

„Joker“ ist das Psychogramm eines Psychopathen

Joaquin Phoenix spielt Arthur Fleck alias Joker. Als gedemütigter Mann wird er im Film mit einer Waffe zum Killer-Clown.

Joaquin Phoenix spielt Arthur Fleck alias Joker. Als gedemütigter Mann wird er im Film mit einer Waffe zum Killer-Clown.

Foto: Niko Tavernise / dpa

Eines ist klar: Ohne einen Joaquin Phoenix wäre dieser Film nicht denkbar. In „Joker“ verbiegt sich Phoenix wie eine ledrige Eidechse, krümmt sich wie ein gepeinigter, bis auf die Rippen abgemagerter Esel, wie Sisyphos schleppt sich der Ausnahme-Akteur immer wieder die gleiche, ewig lange Treppe hinauf. Der US-Darsteller hat in dieser Comic-Adaption ein Lachen, das man nicht vergessen wird.

Dass dieser, einst dem Universum des DC-Verlags entsprungene Joker, dass dieser neue Joker etwas Besonderes ist, deutete sich schon an, als es jüngst den Hauptpreis beim Filmfest in Venedig gab. Vor Phoenix haben andere den Joker gespielt, den bösen, ambivalenten Hauptwidersacher Batmans: Jack Nicholson, Jared Leto und der 2008 gestorbene Heath Ledger.

Nun zeigt Phoenix, wie aus einem vom Leben getretenen Möchtegern-Komiker im fiktiven (als Chiffre für New York geltenden) Gotham City ein kaltherziger Killer-Clown wird. In einer Welt, in der sich auch Arthur Fleck (Phoenix) behaupten muss. Er tut dies an der Seite seiner Mutter, sie teilen sich ein Mini-Apartment. Im TV ist die Rede von „Superratten“, auf den Straßen: Chaos und Gewalt.

In unmöglichsten Situationen überfällt ihn ein dämonisches Kichern

Während Arthurs Mutter Hoffnung setzt in den Bürgermeisterkandidaten Thomas Wayne (den Vater des späteren Batman), glaubt Arthur weiter an eine Karriere als Komiker. Die ihn stets verfolgende Lachstörung aber steht ihm im Weg. In unmöglichsten Situationen überfällt ihn ein dämonisches Kichern.

Allabendlich treffen sich Sohn und Mutter im Bett: Murray Franklins (Robert De Niro) Late-Show ist Pflicht. Was würde Arthur für einen Auftritt dort geben. Stattdessen findet er sich auf der Bühne einer Kaschemme wieder: Der erste Auftritt geht in die Hose, ein Video wird dem Fernsehen zugespielt. Von seiner Sozialarbeiterin fühlt sich Fleck nicht ernst genommen. Enttäuschung reiht sich an Enttäuschung, Arthur verliert den Job als Party-Clown, ein Kollege gibt ihm eine Waffe, die erste Bluttat folgt. Aus Fleck, dem vom Leben gemarterten Psycho-Wrack, wird der Joker. Drei schnöselige Banker müssen ihr Leben lassen – sie hatten Arthur alias Joker in der U-Bahn provoziert.

In den USA hat der eindringliche Trailer zu „Joker“ vor dem Kinostart zur Diskussion rund um die Gewalt in diesem Film geführt: Hinterbliebene von Opfern des sogenannten Batman-Mörders haben die Filmgesellschaft Warner Bros. zu einem Bekenntnis für strengere Waffenkontrolle aufgefordert. In keiner Sekunde aber hat man in diesem Film das Gefühl, Gewalt würde nur um ihrer selbst willen oder als pures Entertainment präsentiert.

Vielmehr werden all die Demütigungen aufgeführt, die Arthurs Gebaren verstärken. Dass ihm schließlich auch der Sozialdienst genommen wird – keine Medikamente mehr, keine therapeutischen Gespräche –, kann als Kritik von Regisseur und Drehbuchautor Todd Phillips an einem Gemeinwesen verstanden werden, das seine Schwächsten im Stich lässt.

Unabhängig davon bleiben (mindestens) drei Dinge: Phoenix’ unglaubliches Lachen, das gleichsam leitmotivisch den Film grundiert und lang nachklingt. Die Furcht machende Ambivalenz, dieses
Lachens, zeichnet auch den Rest von Phoenix’ beeindruckendem, oscarwürdigen Spiel aus. Was zudem bleiben wird, ist die eindringlich-kongeniale musikalische Flankierung der isländischen Cellistin und Komponistin Hildur Guðnadóttir.

„Joker“ USA 2019, 122 Minuten, ab 16 Jahren, Regie: Todd Phillips, Darsteller: Joaquin Phoenix, Robert De Niro, Zazie Beetz, täglich im Abaton (OmU), Astor, Blankeneser, Cinemaxx Dammtor/Harburg/ Wands­bek, Koralle (auch OmU), Savoy (OF), Studio (OmU), UCI Mundsburg//Othmarschen/Wandsbek, Zeise; warnerbros.com/movies/joker