Kino-Tipp

„Ich war zuhause, aber …“: Maren Eggert überzeugt im Film

Astrid (Maren Eggert, M.) kommt über den Verlust ihres Mannes, eines Theaterregisseurs, nicht hinweg

Astrid (Maren Eggert, M.) kommt über den Verlust ihres Mannes, eines Theaterregisseurs, nicht hinweg

Foto: - / dpa

Oft ist zu lesen, man müsse sich auf Angela Schanelecs Filme wie „Orly“ oder „Der traumhafte Weg“ einlassen. Was ja stimmt, aber auch immer ein wenig anstrengend klingt. Dabei gibt es in ihrem neuen Film „Ich war zuhause, aber …“, für den die Regisseurin auf der Berlinale einen Silbernen Bären gewonnen hat, tatsächlich auch eingängig schöne Momente: etwa in der Mitte.

Nach einigen kühl komponierten Blicken auf Hauseingänge und aus Fenstern im frühherbstlichen Berlin (Kamera: Ivan Marković), umarmt einen plötzlich David Bowies „Let’s Dance“, mit verschlafener Stimme von M. Ward gesungen, wie ein Wiegenlied.

Das trägt die Zuschauer durch eine Erinnerung Astrids (gespielt von früheren Thalia-Theater-Ensemblemitglied Maren Eggert), die auf einem Grab eingeschlafen ist. Bei Angela Schanelec liegt immer irgendjemand auf Moos. In jener Rückblende tanzen Astrid und ihre beiden Kinder vor einem Krankenhausbett eine einstudierte Choreografie, mechanisch, albern, liebevoll.

Erst kurz darauf erfahren wir, dass Astrid, die im Berliner Kulturbetrieb arbeitet, vor zwei Jahren ihren Mann, einen Theaterregisseur, verloren hat – ähnlich übrigens wie Schanelec selbst: Sie war die letzte Partnerin von Jürgen Gosch, der vor zehn Jahren starb und mit dem sie zwei Kinder hat.

War deshalb Astrids Sohn Philipp (Jakob Lassalle) eine Woche lang im Wald verschollen? Weil er begreifen wollte, dass alles in der Natur, auch der eigene Körper, irgendwann in Erde zurückverwandelt werden wird? So ähnlich zumindest erklärt später seine Mutter einem jungen Regisseur (Dane Komljen) in einem Rede-Flash über Wahrheit und Kunst, warum ein Mensch – sie spricht nicht explizit von ihrem Sohn – manchmal diese Nähe zur Erde sucht.

Philipps Rolle ist fast stumm. Er verhält sich sanft gegenüber seiner Schwester (Clara Möller) und seiner Mutter. In der Schule probt er „Hamlet“. Wie im Traum sprechen er und seine Mitschüler den Text, ausdruckslos und ausdrucksstark zugleich, als hätten sie den Inhalt kapiert und verstünden nur die Worte nicht. Oder umgekehrt. Als würden sie in einem Film von Angela Schanelec mitspielen.

Eingebettet in diese ironische Gleichzeitigkeit von „Als ob“ und Realismus ist es bei Schanelec nie „bloß“ der Körper, der spricht. Es ist insbesondere der Körper, der für Wahrheit bürgt, und es sind, bei aller Verzauberung, Techniken der Kameraeinstellung und der Montage, die Bedeutungen erst herstellen.

In der Rahmenhandlung erlegt ein Hund einen Hasen – oder auch nicht?

Emblematisch zeigt Schanelec das mit einer so mystischen wie komischen Rahmenhandlung, in der nur Tiere agieren: Ein Hund erlegt einen Hasen. In einem verlassenen Haus steht ein Esel, schaut nachdenklich aus dem Fenster. Aber hat der Hund den Hasen wirklich erlegt?

Angela Schanelec, in den Nullerjahren eine Vertreterin der sogenannten Berliner (Film-)Schule, zeigt nie beide im selben Bild, sondern nur, wie man Bilder so aneinander montiert, dass der Eindruck einer Verfolgung entsteht. Der Esel wirkt nachdenklich – aber ist er es?

Er steht herum. Welche Zusammenhänge wir uns auch basteln mögen: Der Tod holt das Lebende ein. Mehr als diese Binsenweisheit gibt es hier vielleicht gar nicht zu begreifen, eine Szene lang, einen Film lang, ein Leben lang.

„Ich war zuhause, aber... Deutschland 2019, 105 Minuten, ab 6 Jahren, Regie: Angela Schanelec, Darsteller: Maren Eggert, Jakob Lassalle, Clara Möller, Franz Rogowski, Lilith Stangenberg, täglich im Abaton