Ausstellungs-Tipp

Wie sich New York anfühlt, zeigt „Intimate Strangers“

Jörg Rubbert versucht immer „so nah wie möglich zu kommen“ – hier 1990 an einer Straßenecke in Brooklyn.

Jörg Rubbert versucht immer „so nah wie möglich zu kommen“ – hier 1990 an einer Straßenecke in Brooklyn.

Foto: Jörg Rubbert

„One can’t paint New York as it is, but rather as it is felt“ – New York kann man nicht abbilden wie es ist, sondern wie es sich anfühlt – die Worte der Künstlerin Georgia O’Keeffe gehen beim Besuch der Fotoausstellung „Intimate Strangers“ von Jörg Rubbert und Jürgen Bürgin im Wilhelmsburger Atelierhaus 23 nicht aus dem Kopf.

Für die Berliner Fotografen ist die Stadt am Hudson River eine riesige Bühne. Hier, im Gedränge der U-Bahn, in den umtriebigen Clubs und Kneipen, den Häuserschluchten Manhattans und den Seitengassen Brooklyns warten unzählige Geschichten, Träume und Leidenschaften. Rubbert und Bürgin machen sie sichtbar, sie lassen die Anonymität der Großstadt verblassen und geben dem „Big Apple“ mit ihren intimen Porträts ein überraschend vertrautes Gesicht. Die Arbeitsweisen der beiden Fotografen könnten dabei kaum unterschiedlicher sein.

Jörg Rubbert fotografiert bis heute analog und verlässt sich stets auf die vorhandenen Lichtverhältnisse – kein Blitz, kein Ausleuchten, keine technischen Raffinessen. Er bearbeitet seine Bilder nicht und verwendet ausschließlich Standardobjektive, um den Bildausschnitt so authentisch wie möglich wirken zu lassen. Das Ergebnis dieser ursprünglichen Herangehensweise ist ausgesprochen ehrlich. Rubberts Fotos haben Ecken und Kanten, sie sind teilweise verschwommen, unscharf und grobkörnig. Um mit O’Keeffes Worten zu sprechen: Sie zeigen nicht New York, sondern wie sich New York anfühlt. In den 35-mm-Aufnahmen, die 1990 bei einem einjährigen New-York-Aufenthalt entstanden sind, verbirgt sich der wahre Geist der Stadt, die Unschärfe lässt Raum für Interpretation und erzeugt eine hohe atmosphärische Dichte.

Rubberts Porträts erinnern an die Antizipationsgabe Vivian Maiers, der legendären New Yorker Straßenfotografin: Er sieht seine Begegnungen voraus und kreiert so intime Momente, ohne sie künstlich nachzustellen.

Die Farbfotografien von Jürgen Bürgin offenbaren durch die Verwendung moderner Digitalkameras einen zeitgenössischeren Blick auf das Leben der New Yorker. Zwischen 2011 und 2014 besuchte er mehrmals die Metropole, um „die Poesie des Alltags zu entdecken“. Bürgin ist immer auf der Suche nach Gefühlsäußerungen, nachdenklichen Gesten und verträumten Blicken. Im Gegensatz zu Rubberts atmosphärischen und szenenhaften Bildern steht bei Bürgin das Individuum im Fokus. Meist in Gedanken versunken und emotional entblößt. Diese Verletzlichkeit, der suchende Blick ins Leere, macht die getriebenen New Yorker – von der leicht bekleideten Burlesque­-Tänzerin über umherstreunende Nachtschwärmer bis zur erschöpften Boxerin – menschlich und vertraut. In der großstädtischen Hektik findet Bürgin Augenblicke der Ruhe und Nachdenklichkeit.

Die Ausstellung im Wilhelmsburger Reiherstiegviertel ist noch bis zum 23.8. zu sehen. Start spreadin’ the news …