Film-Tipp

„Of Fathers And Sons“: Unterwegs bei den Gotteskriegern

Osama, benannt nach dem Terroristen Bin Laden, in einem ruhigen Moment.

Osama, benannt nach dem Terroristen Bin Laden, in einem ruhigen Moment.

Foto: Talal Derki / dpa

Ein Spatz in der Hand eines Kindes: wie süß! Der Vogel blinzelt, die Hand des Jungen schließt sich fest um ihn. Das Kind sagt seinem Vater, es überlege, den Spatz in einen Käfig zu sperren. Der Vater, ein verschmuster Kerl mit Vollbart, ist dagegen. Es sei doch ein Wildvogel. So weit, so ottensentauglich. Doch bald darauf sagt das Kind den Horrorsatz: „Papa, ich habe den Vogel geschlachtet und ihm den Kopf abgeschnitten, so wie du es mit dem Mann gemacht hast.“ Der Vater lächelt stolz. Sein Sohn hat seiner Auffassung nach das Richtige getan.

Man kann Kindern alles beibringen, auch Hass und Grausamkeit, solange man es mit Liebe und aus Überzeugung tut und ihnen das Beigebrachte konsequent vorlebt. Das ist die bittere, wenn auch nicht gerade überraschende Erkenntnis aus dem niederschmetternd nüchternen Dokumentarfilm „Of Fathers And Sons – Die Kinder des Kalifats“. Der seit 2014 in Berlin lebende syrische Regisseur Talal Derki („Homs – Ein zerstörter Traum“) war für sein Oscar-nominiertes Werk in den Norden seiner vom Bürgerkrieg zerstörten Heimat zurückgekehrt. Zwei Jahre verbrachten er und sein Kameramann Kahtan Hasson bei der Familie des lokalen Al-Nusra-Führers Abu Osama, der seine acht Söhne nach Terroristen benannt hat und sie zu Gotteskriegern erzieht. Al-Nusra ist der syrische Arm von al-Qaida.

Warum tut sich jemand so eine potenziell tödliche Maskerade an?

Beobachtend und ohne viele Fragen zu stellen gewann Derki das Vertrauen des damals 45-jährigen Abu Osama. Um in diesem buchstäblichen Minenfeld zu überleben und fast beiläufig am Familienalltag teilzunehmen, gab sich der bekennende Atheist als sympathisierender Kriegsfotograf aus. Um keinen Verdacht zu erregen, hatte Derki vorab dafür gesorgt, dass im Internet keine Partybilder von ihm kursieren. Die Frage drängt sich auf: Warum tut sich jemand so eine potenziell tödliche Maskerade an? Wie schafft er es, nicht einzugreifen, ohne Angst, zum Komplizen zu werden? Etwa wenn Abu Osama auf einen Motorradfahrer schießt oder zweijährige Mädchen töten lassen will, wenn sie keinen Schleier tragen.

Mehrmals habe er die Dreharbeiten abbrechen wollen, erklärte Derki kürzlich in einem Interview, doch seine Frau in Berlin habe ihm gesagt, er müsse durchhalten. Seine Beweggründe nennt Derki gleich zu Beginn aus dem Off: Sein Vater habe ihn einst gelehrt, seine Albträume aufzuschreiben, „damit sie nicht wiederkommen“. Er habe miterleben wollen, „welches Vermächtnis der Krieg hinterlassen hat“.

Der Film will also einerseits als persönliche Niederschrift verstanden sein, als Versuch, das Gesehene, Verlorene zu bannen. Andererseits legt er Zeugnis ab und geht dabei weit über den persönlichen Schmerz hinaus. Zu sehen sind Szenen, die in krawalligen TV-Reportagen fehlen. Theoretisch zu wissen, wie Hass an die nächste Generation weitergegeben wird, ist das eine. Es zu sehen das andere.

Als „Of Fathers And Sons“ im vergangenen Jahr auf dem Sundance Film Festival den World Cinema Documentary Grand Jury Prize gewann, widmete Regisseur Derki diesen Preis seiner Wahlheimat Berlin.

„Of Fathers And Sons - Die Kinder des Kalifats“ D/USA u. a. 2017, 99 Min., ab 16 J., R: Talal Derki, täglich im Abaton, Zeise; www.24-bilder.de