Film-Tipp

„Sweethearts“: Ganz großes Kino, nicht nur für Frauen

Foto: Reiner Bajo / dpa

Wie macht sie das nur? Vor zwei Jahren legte Karoline Herfurth ihr Regiedebüt „SMS für Dich“ vor. Endlich mal eine gelungene Beziehungskomödie. Und so souverän inszeniert, als habe die Schauspielerin noch nie etwas anderes gemacht. Sie hat damit manche männlichen Kollegen ziemlich alt aussehen lassen.

Nun kommt Herfurths zweiter Film ins Kino. Aber anders als so mancher männliche Kollege ruht sie sich nicht auf ihren Lorbeeren aus und dreht einfach noch so eine Komödie. Mit „Sweethearts“ hat die 34-Jährige einen Genrefilm gedreht, den es so im deutschen Film noch gar nicht gibt und den man selbst im amerikanischen Kino lange suchen muss: eine Frauen-Buddy-Komödie.

Zwei Männer, die überhaupt nicht zusammenpassen, die der Zufall (und das Drehbuch) aber schicksalhaft aneinanderschweißt: Bei solchen Komödien ist die Liste lang. Aber zwei Frauen in der nämlichen Konstellation? Fehlanzeige. Bis jetzt Hannah Herzsprung und Karoline Herfurth aufeinanderprallen.

Mel (Hannah Herzsprung) will endlich raus aus ihren ärmlichen Verhältnissen, ihrer fatalen Beziehung zu einem Gangster (Ronald Zehrfeld) und mit ihrer Tochter ausbüxen. Dafür braucht sie Geld. Knallhart überfällt sie einen Juwelierladen. Leider geht der Coup schief, ein Sicherheitsbeamter verfolgt sie durch die Straßen. Also schnappt sie sich die nächstbeste Passantin, die ihr in den Weg läuft, und nimmt sie als Geisel. Das ist Franny (Karoline Herfurth), die unterschiedlicher nicht sein könnte. Eine deutlich besser verdienende Bürofrau, die aber ziemlich neurotisch ist und regelmäßig von Panikattacken befallen wird. Was bei einer Geiselnahme nicht eben förderlich ist.

Es ist eine Lust, wie die Extreme aufeinanderstoßen: hier die Einzelgängerin Mel, die immer cool bleibt und immer einen Ausweg findet, auch wenn der rabiat ausfällt, da die hysterische, dauerquiekende Franny. Wobei die meisten Lacher erfrischend selbstironisch auf Kosten der Regisseurin-Hauptdarstellerin geh­­en, wenn sie wie ein Huhn gerupft wird, in hässliche Klamotten steigen muss und immer wieder eins auf die Nase kriegt. Aber bald zeigt sich, dass Mel doch nicht so taff ist und sich verzweifelt um ihre Tochter sorgt. Da kriegt Franny nicht nur Mitleid, da meldet sich auch ein Helfersyndrom. Und die Kräfteverhältnisse verkehren sich.

„Sweethearts“ lebt vom Spiel seiner zwei kraftvollen Powerfrauen. Aber Herfurth beweist sich auch bei den Nebenrollen als hervorragende Schauspielerregisseurin. Anneke Kim Sarnau als ermittelnde Kommissarin ist einfach großartig, auch Katrin Sass als Frannys Mutter hat große Momente. Und auch wenn die Herren nur Nebenfiguren sind, sieht man hier Ronald Zehrfeld als Gangster und Frederick Lau als Polizisten mal erfrischend anders. Ganz großes Kino. Nicht nur für Frauen. Die drängen hier ganz selbstbewusst in die klassische Jungensdomäne.

„Sweethearts“ D 2019, 107 Min., ab 12 J., R: Karoline Herfurth, D: Hannah Herzsprung, Ronald Zehrfeld, Frederick Lau, täglich im Astor, Cinemaxx Dammtor/Harburg/UCIs Mundsburg/Othmarschen Park/Wandsbek; www.limelight-pr.de/de/projekt/sweethearts