Literatur-Tipp

Gerhard Henschel liest aus seinem „Künstlerroman“

Gerhard Henschels „Künstlerroman“ ist bei Hoffmann und Campe erschienen

Gerhard Henschels „Künstlerroman“ ist bei Hoffmann und Campe erschienen

Foto: Hoffmann und Campe / HA

„Tante Hanna hatte mit dem Abendbrot auf uns gewartet. Schwarzbrot, Graubrot, Kräuterbutter, Streichkäse, Salami, Mettwurst, Camembert, Tomaten, saure Gurken, Radieschen und Fleischsalat“, schreibt Gerhard Henschel in seinem „Künstlerroman“. Eigentlich eine Verzehrliste, und das soll Literatur sein? Na klar, schließlich kommt es – wie so oft – auf den Zusammenhang an.

Henschel ist der Biograf seines eigenen Lebens, seit mehr als zehn Jahren schon. Seinem Alter Ego Martin Schlosser hat er bereits fünf 500-Seiter vom „Kindheits-“ bis zum „Bildungs­roman“ gewidmet; nun also gilt’s der Kunst. Und die treibt Martin zunächst in ein Germanistikstudium, immerhin sind seine Helden Arno Schmidt, Herbert Marcuse und Walter Kempowski, zu dem er eine Lehrer-Schüler-Beziehung pflegt. Er verbringt viel Zeit in bioenergetischen Selbsterfahrungs­kursen und mit seiner Freundin An­drea, mit der er allerdings eine komplizierte, weil „offene“ Beziehung führt. Die Eltern streiten sich, und sei es nur um den Soßenbinder, die Schwester bekommt Nachwuchs, es werden Bob-Dylan-Platten gehört und Filmkritiken aus der „FAZ“ archiviert. Das wahre Leben eben, gemixt mit nebenbei ein­gestreuten Kurzausflügen ins Weltgeschehen (Tschernobyl, Barschel-Affäre, die ARD-Spielshow „Vier gegen Willi“).

Wer wie Henschel Anfang der 60er-Jahre geboren ist, fällt bei seinen Büchern von einem „Ach ja“-Erlebnis ins nächste. So viele Erinnerungen, sämtlich ohne Wehmut, ohne Bedauern über vielleicht verpasste Chancen zusammengetragen. Unüberlesbar hat Henschel bei Eckhard Henscheid gelernt und ist darüber selbst zum Großmeister des lakonischen Humors, der trockenen Pointe geworden. Wie die fünf Bücher davor ist auch sein „Künstlerroman“ ein großes Lesevergnügen. In dem geht es natürlich um den Weg in die Schriftstellerei. Aber eben auch um „Hähnchenschenkel mit Butterreis und Erbsen aus dem Glas und als Nachspeise Langnese-Eis“. Früher war eben doch nicht alles besser.

Gerhard Henschel: „Künstlerroman“ Do 17.9., 21 Uhr, „Cap San Diego“, Überseebrücke, Karten zu 14 Euro im Vorverkauf und an der Abendkasse