Klassik-Tipp

Konzertanter „Freischütz“: Verknallter Jäger im Wald

NDR-Chefdirigent Thomas Hengelbrock, 57, bei der Pultarbeit

NDR-Chefdirigent Thomas Hengelbrock, 57, bei der Pultarbeit

Foto: dpa Picture-Alliance / Michal Dolezal / picture alliance / dpa

Dass ein Konzert-Orchester wie das NDR Sinfonieorchester seine Saison nicht mit einem regulären Konzertprogramm beginnt, sondern mit der konzertanten Aufführung einer Oper, ist nicht unbedingt normal und nicht automatisch erwartbar. Aber normal, automatisch und erwartbar sind auch nicht jene Kategorien, in denen NDR-Chefdirigent Thomas Hengelbrock seine musikalische Aufklärungsarbeit für das Hamburger Publikum denkt und plant. Deswegen also ein Start in die Spielzeit mit einem sehr demonstrativen Ausfallschritt ins Musiktheater-Repertoire, denn der Lebenslauf von Hengelbrock ist seit Jahrzehnten auch der eines überaus gefragten Operndirigenten. Und wenig tut einem gut eingespielten Orchester so gut wie der Blick über den gewohnten Tellerrand. Das pustet durch und erweitert die Perspektiven.

Für seine „Opening Night“-Sause an diesem Donnerstag und Sonnabend in der Laeiszhalle hat Hengelbrock sich einen Publikumsliebling zurechtgelegt: Webers „Freischütz“, ein Musterbeispiel für das Deutsche und das Romantische im Klassiker-Repertoire. Ganz neu ist die Idee nicht – Hengelbrock stand mit diesem Stück vor sieben Jahren, damals jedoch mit dem Mahler Chamber Orchestra, auf der Bühne des Dortmunder Konzerthauses. Schlechter wird sie dadurch nicht. Die gar schröckliche Geschichte über den wackeren Jägersmann Max, der sich auf einen Pakt mit sehr dunklen Mächten einlässt, um sich mit unfehlbaren Gewehrkugeln einen Job als Förster und vor allem eine Braut zu sichern, ist nicht grundlos so populär.

Webers Musik ist so hochdramatisch wie einfallsreich, effektprall und voller Bühnen-Action. Es volkstümelt auf mitreißende Art und Weise in den Chören und den eingängigen Melodien, doch die wohl wichtigste Klangfarbenvielfalt ist jene, die Weber dem deutschen Wald an sich als Sehnsuchtsort zuweist. „Ins Schwarze getroffen“, hatte der in Eutin geborene Komponist 1812 nach der Uraufführung in Berlin konstatiert – Startschuss für eine lange Erfolgsgeschichte. Hier zeigte sich ein Meister, von dem spätere Komponisten – allen voran der frühe Wagner – so einiges dankbar fürs eigene Schaffen nutzten.

Star in der wahrscheinlich wieder von Hengelbrock selbst handverlesenen Besetzung ist die Sopranistin Véronique Gens als Agathe. Als Max ist der Tenor Nikolai Schukoff dabei. Die Chorpartien übernehmen der NDR Chor und der WDR Rundfunkchor mit vereinten Fachkräften. Speziell aber, und damit wieder typisch für Hengelbrocks Pult-Arbeit, ist die Partie des Samiel, die der Schauspieler Graham F. Valentine übernimmt. Samiels neue Texte des Dramatikers und Bachmann-Preisträgers Steffen Kopetzky ersetzen die inzwischen arg angegrauten und rumpelnden Original-Dialoge von Webers Librettist Friedrich Kind. So bekommt diese Rolle ein deutlich anderes Kaliber und erhält mephistophelische Züge.

„Opening Night“ Do 10.9./Sa 12.9., jeweils 19 Uhr, Laeiszhalle, Johannes-Brahms-Platz, Karten zu 13,75 bis 66 Euro unter T. 44 19 21 92