Ausstellungs-Tipp

"Luden" im St. Pauli Museum zeigt Zuhälter-Fotos

Unterwelt auf der Schwelle zur Prominenz: Karl-Heinz Schwensen nach Schüssen auf dem Weg zum Notarztwagen. Zwei Kugeln hatten 1996 seine Schulter und den linken Oberarm getroffen

Foto: Michael Rauhe

Unterwelt auf der Schwelle zur Prominenz: Karl-Heinz Schwensen nach Schüssen auf dem Weg zum Notarztwagen. Zwei Kugeln hatten 1996 seine Schulter und den linken Oberarm getroffen

Schon der Titel sorgte für Aufsehen: "Luden – Banditen, Bagaluten, Beschützer?" Die neue Sonderausstellung (bis 31. Dezember) im St. Pauli Museum richtet ihren Blick auf eine "Berufsgruppe", die ihre Geschäfte am liebsten in Hinterzimmern und im Verborgenen abwickelt – mit Ausnahme einer Phase in den 1970ern und 1980ern, als sich ihre Mitglieder protzig als Lebemänner stilisierten. Zuhälter lösten seit dem 19. Jahrhundert die Kupplerin ab, die Zimmer an Prostituierte vermietete. Heute gibt es Luden, hamburgisch Loddel, in allen Ausformungen: vom "Kleinstunternehmer", der seine Freundin auf den Strich schickt, bis hin zu Bandenformationen, die ganze Bordelleinheiten kontrollieren und nicht selten in Frauenhandel, Waffenhandel und andere Bereiche der Schwerkriminalität ausfransen.

Die Ausstellung im St. Pauli Museum legt ihren Schwerpunkt auf die Hoch-Zeit der Luden-Selbstdarstellung, als "GMBH", Nutella-Bande und andere Zuhältergruppen den Kuchen auf dem Kiez unter sich aufteilten. Dicke Autos, Rolex-Uhren, Pelze und Plateausohlen – kein Statussymbol wurde ausgelassen. Museumsgründer und Kiez-Fotograf Günter Zint und andere Hamburger Kollegen haben zahlreiche Fotos beigesteuert, Infotafeln informieren über die bekanntesten Gruppen, ihre Stammlokale und Einzelpersonen wie Wilfried Schulz, Thomas Born oder den Auftragskiller Werner Pinzner. Auf einer Filmleinwand kann man sich Dokus über die Kriege im Rotlichtmilieu ansehen.

Viele wundern sich, dass mitten in der Feiermeile von St. Pauli, nur wenige Schritte von der Herbertstraße entfernt, ein Museum seinen Platz hat. Passt das Eintauchen in die Geschichte des Amüsierviertels zur Spaß-, Erotik- und Partykultur? Hier ja: Gerade am Wochenende schieben sich immer wieder Besuchergruppen, Pärchen und Jungvolk in das Eckhaus an der David­straße und bestaunen die Exponate. Travestiekünstler und Burlesque-Tänzerinnen haben Kostüme gestiftet, Dominas einige ihrer "Werkzeuge", die Anfangsjahre der Beatles auf dem Kiez sind dokumentiert.

Dazu gibt es zahlreiche Lebensgeschichten von Kiez-Originalen, etwa vom Entertainer Hein Köllisch (1857-1901), der die Varieté-Lokale und seine "Lachbühne" am Spielbudenplatz mit humorigen Couplets und Songs beglückte, über die legendäre Kneipenwirtin Erna Thomsen ("Silbersack") bis hin zur berühmtesten Hure Deutschlands, Domenica. Hier will man nicht den platten Erotik-Symbolismus der Bar- und Showbühnen-Historie zur Schau stellen. Vielmehr zeigt das Museum in einer liebevoll-plüschig ausgestatteten Atmosphäre mit Sofas und Wohnzimmer-Ecken, wie das Vergnügungsviertel entstanden ist, welchen Wandel es erlebt hat und vor allem: Welche Menschen es prägen und geprägt haben.

"Luden – Banditen, Bagaluten, Beschützer?" Do 3.9., 11 bis 22 Uhr, St. Pauli Museum, Davidstraße 17, Eintritt 5, ermäßigt 4 Euro (Gruppen: pro Person 3 Euro; die Ausstellung bis bis 31.12., dienstags und mittwochs jeweils von 11 bis 19 Uhr, donnerstags bis sonnabends von 11 bis 22 Uhr sowie sonntags von 11 bis 18 Uhr zu sehen

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