Kino-Tipp

„Zweite Chance“ von Susanne Bier erzählt atemberaubend

HANDOUT - Maria Bonnevie als Anna und Nikolaj Coster-Waldau als Andreas in einer Szene des Kinofilms „Zweite Chance“ (undatierte Filmszene). Das Drama kommt am 14.05.2015 in die deutschen Kinos. Foto: Prokino Filmverleih/dpa (zu dpa-Kinostarts vom 07.05.2015 - ACHTUNG: Verwendung nur für redaktionelle Zwecke im Zusammenhang mit der Berichterstattung über den genannten Film und nur bei Urheber-Nennung „Foto: Prokino Filmverleih/dpa“) +++(c) dpa - Bildfunk+++

HANDOUT - Maria Bonnevie als Anna und Nikolaj Coster-Waldau als Andreas in einer Szene des Kinofilms „Zweite Chance“ (undatierte Filmszene). Das Drama kommt am 14.05.2015 in die deutschen Kinos. Foto: Prokino Filmverleih/dpa (zu dpa-Kinostarts vom 07.05.2015 - ACHTUNG: Verwendung nur für redaktionelle Zwecke im Zusammenhang mit der Berichterstattung über den genannten Film und nur bei Urheber-Nennung „Foto: Prokino Filmverleih/dpa“) +++(c) dpa - Bildfunk+++

Foto: Prokino Filmverleih / dpa

Als die Polizisten Andreas (Nikolaj Coster-Waldau) und Simon (Ulrich Thomsen) die Tür zur Wohnung vom Junkie-Pärchen Tristan (Nikolaj Lie Kaas) und Sanne (May Andersen) aufbrechen, stockt ihnen der Atem. In einem Karton im Schrank liegt ein völlig verwahrlostes Baby, die Windel ist längst übergelaufen, es schreit und hat Hunger. Sie nehmen es mit, aber weil der kleine Junge weder unterernährt noch krank ist, muss er den verwahrlosten ­Eltern zurückgegeben werden.

Was für ein Unterschied zu Andreas’ Privatleben! Zusammen mit seiner Frau Anne (Maria Bonnevie) hat er einen gleichaltrigen Sohn und lebt im Wohlstand. Alles wirkt adrett und behütet. Nur will ihr Kind immer nicht einschlafen. Stundenlang fährt ein Elternteil mit ihm nachts mit dem Auto umher, bis er in den Schlaf findet. Doch dann stirbt dieses Kind, alles sieht nach einem plötzlichen Kindstod aus. Anne fällt emotional in ein tiefes Loch, Andreas kann sie kaum noch erreichen. Da fasst er einen unglaublichen Plan. Mit seinem toten Sohn fährt er zu den Junkies, stiehlt ihnen ihr Kind und schiebt ihnen seinen eigenen Sohn unter.

Tristan glaubt am nächsten Morgen, sie hätten ihr Kind umgebracht, Sanne bezweifelt dagegen, dass der tote Säugling ihr Baby ist. Anne, die sich so sehr gewünscht hatte, dass ihr Kind lebt, hat emotionale Probleme mit dem „neuen“ Baby. Andreas versucht die auftauchenden Probleme zu lösen. Die Situation der beiden Paare wird immer verfahrener.

Wenn Regisseurin Susanne Bier und Drehbuchautor Anders Thomas Jensen zusammenarbeiten, bricht fast immer das Schicksal mit alttestamentarischer Wucht in das Leben von Menschen herein. Die beiden Filmemacher interessieren die ganz großen moralischen Fragen. Das haben sie in Filmen wie „In einer besseren Welt“, „Brüder“ und „Open Hearts“ immer wieder unter Beweis gestellt. Die Dänin Bier, die als Dogma-Regisseurin begann, ist damit zur Oscar-Gewinnerin und zu einem Regie-Exportschlager geworden, die sowohl in den USA wie auch ab und zu in Dänemark ihre Filme dreht.

Kann man mit einem Verbrechen ein Unglück ungeschehen machen? Was sind eigentlich gute, was sind schlechte Eltern? Die Fragen wirken natürlich beinahe rhetorisch, aber dieser Film kratzt sowohl an der Saubermann- wie auch an der Junkie-Fassade. Gesetzeshüter Andreas wird von seiner Verzweiflung in eine Doppelmoral getrieben, von der man schnell ahnt, das aus dieser Konstellation kein einfacher Ausweg, keine zweite Chance, möglich ist. Die Filmemacher sind viel zu ausgebufft, als dass sie sich mit einfachen Antworten zufrieden geben würden.

Die Schauspieler sind in diesem Film eine Klasse für sich. „Game of Thrones“-Star Coster-Waldau spielt den Polizisten, dessen heile Welt in einem Mahlstrom aus Schuld zu versinken droht, mit vielen Zwischentönen. Das Drehbuch strapaziert die Glaubwürdigkeit an manchen Stellen doch arg und ist mit Problemen überfrachtet. Muss Andreas’ Kollege Simon auch noch ein Alkoholiker sein? Zu viel Drama wirkt erdrückend. Manche unerwartete Wendung der Handlung erklärt allerdings auch, was zunächst noch unwahrscheinlich erschien. Dennoch ist „Zweite Chance“ ein an manchen Stellen atemberaubend spannender Film, noch dazu bestechend in Bilder umgesetzt von Kameramann Michael Snyman.

Zweite Chance DK 2014, 102 Minuten, ab 12 Jahren, Regie: Susanne Bier, Darsteller: Nikolaj Coster-Waldau, Marie Bonnevie, Ulrich Thomsen, täglich im Abaton, Passage, Zeise