Opern-Tipp

„La bianca notte“ ist ein gelungenes Spiel

Die Sänger Tomas Tomasson als „Dino“ und Golda Schultz als „Sibilia“

Die Sänger Tomas Tomasson als „Dino“ und Golda Schultz als „Sibilia“

Foto: Markus Scholz / dpa

In ihren zehn Jahren an der Staatsoper Hamburg hat Simone Young, Intendantin und Generalmusikdirektorin in Personalunion, ausgiebig Strauss, Britten, Verdi, Wagner programmiert und dirigiert. Zeitgenössisches dagegen war kaum dabei – und nur eine einzige, nicht einmal abendfüllende Uraufführung, nämlich der Einakter „Le Bal“ von Oscar Strasnoy, der 2010 zwischen Schönbergs „Erwartung“ und Rihms „Das Gehege“ das Mittelstück in der „Trilogie der Frauen“ bildete. Der Abend ist schon lange in keinem Spielplan des Hauses mehr aufgetaucht. Doch nun nimmt Young ihren Abschied ausgerechnet mit einem neuen Werk. Der Schweizer Beat Furrer hat im Auftrag der Staatsoper „la bianca notte / die helle nacht“ komponiert, ein Stück Musiktheater, das für das Hamburger Opernpublikum in vieler, längst nicht nur musikalischer Hinsicht Neuland bedeutet.

Furrer hat kein Drama vertont, nicht einmal eine zusammenhängende Handlung. Sein Libretto beruht auf den „Canti Orfici“ von Dino Campana, der Anfang des 20. Jahrhunderts lebte und der zunehmenden Verwirrung seines Geistes schreibend Einhalt zu gebieten versuchte. Dabei sind eminent poetische Texte in sehr heterogenen Formen herausgekommen. Furrer hat Auszüge daraus zu 17 Szenen gefügt. Es geht um Existentielles, das wird gleich klar. Aber wer nun wer ist und was von wem will und warum, und was der Chor mit den fünf Protagonisten zu tun hat – alles das bleibt offen.

Dieses Stück ist aus sich heraus kaum zu verstehen. Das muss es auch nicht; es gehört im zeitgenössischen Musiktheater beinahe zum guten Ton, dem Publikum eine eindeutige Orientierung zu verweigern. Selber denken ist angesagt – und womöglich nicht einmal das, sondern, noch anstrengender, vielleicht sogar beängstigender: selber fühlen. Nämlich was solch ein Bewusstseinsstrom an Tönen und Bildern im eigenen Ich auslöst.

Ouvertüre, Paukenschlag, mitten hinein ins Geschehen? Nicht bei Furrer. Der bietet lediglich sehr lose Handlungsstränge an: Zwei vom Leben gerupfte Gestalten, Dino, das Alter ego des historischen Dichters und wie dieser auf dem Weg in den Wahnsinn, und sein früherer Reisegefährte Regolo, treffen sich nach Jahren zufällig wieder und erzählen von ihren Erlebnissen. Indovina, die Wahrsagerin, begleitet das Geschehen kommentierend. Und dann ist da noch die Futuristin Sibilla, Anbeterin der Geschwindigkeit, deren Rolle in diesem losen Geflecht lange unklar bleibt.

Es beginnt mit einer musikalisch äußerst sparsamen Parlando-Szene, also gewissermaßen einem Sprechgesang. Darüber flirren fast unhörbare, stratosphärisch hohe Liegetöne von Akkordeon und Solovioline. So kann eine italienische Nacht klingen – und so haarfein stimmt Furrer seine Tonsprache ab.

Seine Kompositionsweise ist akribisch bis ins winzigste Detail. Mitunter wechselt die Bezeichnung taktweise, etwa von 2/8 zu 5/16 und weiter zu 7/16, Zahlenverhältnisse, die jeden Schüler verzweifeln lassen müssten und die Orchestermusiker insgeheim auch. In knapp 90 Minuten entblättert der Komponist einen Mikrokosmos seiner gleichsam inwendigen Musik. Fortissimostellen sind die Ausnahme, dafür beugt er sich mit dem Interesse eines Wissenschaftlers über die Anatomie der Musik. Minuten dauert es, bis der Orchesterklang vom kosmischen Rauschen der Kontrabässe über sehr langsam gegeneinander gleitende Liegetöne in Holzbläsern und Geigen zu einem Tutti-Maelstrom angewachsen ist. Immer mal ragen Einzeltöne aus der Flut wie Zweige, bestürzend menschlich wirkende Klagelaute der Sologeige oder Flöte, die , so kurz sie sind, ein Eigenleben führen. Längst ist die traditionelle westeuropäische Aufteilung in Halb- und Ganztöne vergessen. Der Klang atmet und vibriert wie ein Wesen, für das die Grenze zwischen Irdischem und Universellem keine Rolle spielt.

Der Hörer hätte also schon genug damit zu tun, sich diesen Tönen zu überlassen und den Assoziationen, die Campanas Texte im Kopf in Gang setzen. „Jetzt ist die Nacht entzündet in ihrem ganzen brummenden Gewirr der Sterne und Flammen“, singt etwa Sibilla, und später: „Die Vene ist geöffnet, trocken, rot und süß ist das Skelettpanorama der Welt.“ Auf italienisch, versteht sich.

Aber was will man mit derart hermetischen Texten auf der Bühne anfangen? Das ist die Kernfrage bei der Inszenierung, und der Regisseur Ramin Gray weicht ihr elegant aus. Mal verrätselt er das Stück ohne Not zusätzlich. So sind bei ihm Dino (Tómas Tómasson) und Regolo (Derek Welton) eine Art doppeltes Lottchen, beide sind kahlrasiert, beide in weißem Hemd und schwarzem Sakko, beide singen Bariton. Aber wozu?

Dann wieder entscheidet er sich für eine fast pennälerhaft deutliche Symbolik. Das Paketband etwa, mit dem Dino versucht, die Welt und sich in ihr zu befestigen, konterkariert die kühl-glatte Ästhetik der übrigen Ausstattung auf ungute Weise. Dass die offen sichtbare Bühnenmaschinerie immer wieder die Ebenen verschiebt, auf denen der Chor hinauf- und hinunterfährt, bietet sich als Hinweis auf Dinos zerfallende Weltwahrnehmung an. Könnte aber auch etwas ganz anderes bedeuten, etwa die Technikverliebtheit der Futuristen, mit denen sich Dino so schwertut. Oder auch gar nichts.

Die Produktion sieht beeindruckend aus, das steht mal fest. Der Bühnenbildner Jeremy Herbert spielt ausgiebig mit der Geometrie, mit quadratischen, furnierten Platten und Quadern aus Stahlstreben, die sich in abstrakten Figuren bewegen. Zwei Monde rollen über die Bühne, glänzend schwarze Stachel ragen von allen Seiten ins Bild. So ganz neu ist das alles nicht, aber hübsch anzusehen. Und einen Hauch beliebig.

Anders die Musik. Die Solisten singen mit eben der Dringlichkeit, die die Regie vermissen lässt. Golda Schultz als Sibilla schraubt ihren dramatisch gleißenden Sopran immer höher, und Tanja Ariane Baumgartner als Indovina mit ihrem warmen Mezzosopran ist das schlagende Herz der Oper. Mit ihrem üppigen, an Wagner gemahnenden „Lied von der Chimäre“ verneigt sich Furrer vor der Tradition. Der Staatsopernchor, von Eberhard Friedrich hervorragend vorbereitet, klingt berückend, die Philharmoniker Hamburg spielen akkurat und farbenreich, wenn auch manchmal etwas zu stark.

Wohlwollender, aber durchaus endlicher Beifall – und kein Buh. Ist das Freundlichkeit gegenüber der scheidenden Young? Ratlosigkeit? Oder womöglich der erste zarte Keim einer Öffnung für Neues? Wenn das mal kein Hoffnungszeichen ist.

Weitere Vorstellungen: Mi 13., Sa 16., D i19., So 24., Mi 27. und So 31.5., jeweils 19.30 Uhr, Hamburgische Staatsoper, Große Theaterstraße 25 (Anreise hier); Karten von 5 bis 87 Euro unter T. 35 68 68