Ausstellungs-Tipp

„Fuck you, Freudenhaus“ gibt Infos über den FC St. Pauli

Es ist nur eine kleine Veränderung, kaum sichtbar und doch ein wichtiger Schritt für die Macher des Vereins „1910 – Museum für den FC St. Pauli“. Dort, wo einst eine Betonwand einen Rundgang verhinderte, sind nun in den Katakomben der Gegengeradentribüne nur noch zwei raue Kanten zu sehen. „Wir nennen sie die ‚Wand der Zuversicht‘, weil sie nun weg ist“, erklärt Christoph Nagel, stellvertretender Vorsitzender des Vereins. Denn dort, wo jetzt Zuversicht herrscht, dass künftig die Geschichte des Zweitliga-Fußballclubs FC St. Pauli in einem eigenen Museum präsentiert werden kann, sollte ursprünglich eine Polizeiwache einziehen. Ausgerechnet im Innern des Millerntor-Stadions, der Heimat der seit den späten 80er-Jahren linkspolitischen Fans.

Mit einer temporären Ausstellung geben die Museumsmacher von diesem Sonnabend an den Startschuss für das Projekt. Erstmals wird es unter der Gegengeraden auf mehr als 600 Quadratmeter Fläche eine Ausstellung geben. Unter dem Titel „Fuck you, Freudenhaus“ soll die Geschichte des Millerntors erzählt werden. Das provokante Motto ist eine bewusste Absage an die alten St.-Pauli-Klischees. Michael Pahl, Vorsitzender des Museumsvereins, erklärt: „Natürlich haben wir alle am Millerntor schon viel Freude erlebt. Wir möchten aber zeigen, dass das Millerntor viel mehr ist als die üblichen Abziehbilder vom ‚Kult-Club‘ mit den ‚kultigen Fans‘. Hier finden nicht nur Partys statt, sondern zum Beispiel auch Politik und Antidiskriminierungsarbeit.“

Vom 26. Juli bis 30. August können Besucher in den Museumsräumen die Geschichte des Stadions und seiner Fans erleben. Denn schließlich waren es vor allem die Anhänger, die Druck auf Verein und Politik ausübten, hier ein Museum statt einer Domwache zu errichten. In Abstimmung mit der Innenbehörde soll die Wache nun auf dem Heiligengeistfeld gebaut werden.

In der nun errichteten Hommage an das Millerntor erleben Besucher schon zu Beginn des Rundgangs den ersten Gänsehauteffekt. Durch einen Spielertunnel betreten sie die Ausstellung, dazu ertönen die „Hells Bells“ von AC/DC und die bei zwei Heimspielen aufgenommene Geräuschkulisse auf den Rängen. Authentizität, das wird beim 1910 e.V. großgeschrieben. Der rohe Charakter der unfertigen Räume wird bewusst herausgestellt, teils bewegt man sich auf Betonboden, teils auf Grand, dem ersten Belag des Millerntors. 1925 erhielt der Club erstmals einen Rasenplatz, doch kurze Zeit später machte eine Landwirtschaftsausstellung an genau jener Stelle ihn zunichte. 1961 musste das Stadion der Internationalen Gartenausstellung weichen, beim Neubau vergaß man anschließend die Drainage. Die Kicker mussten im Schlamm vom Millerntor spielen, weshalb sie den Spitznamen „Sand Pauli“ erhielten. In jener Spielzeit auf schwerem Geläuf erzielten sie aber doppelt so viele Tore wie danach. Anekdoten, die angesichts der heutigen modernen Arena fast vergessen scheinen und nun wieder aufleben sollen.

Genauso wie die zahlreichen Stadionmodelle, die auf St. Pauli nie gebaut wurden. Auch sie finden hier ihren Platz. So zum Beispiel das Originalmodell des Sport-Dome, der 1989 die Fanszene in Aufruhr versetzte, und die Wellentribüne, die aus Kostengründen auf der Gegengeraden nicht gebaut wurde. Das Highlight im Thementeil der Stadionarchitektur ist jedoch ein Miniatur-Modell des heutigen Millerntors im Maßstab 1:100. Die Duisburger Modellbauer Veronika und Holger Tribian haben es in rund 5000 Arbeitsstunden erstellt und als Dauerleihgabe an das Museum übergeben. Rund 80.000 Euro, so schätzt Nagel, würde die Anfertigung bei einem professionellen Modellbauer kosten. Fans können eine Dauerkarte für die Stadionkopie erwerben und werden dann nach individuellen Wünschen als Miniatur-Zwilling auf ihren Platz gesetzt. Rund 400 Anhänger sind bereits im Stadion verewigt, „wir könnten aber das gesamte Stadion originalgetreu mit über 29.000 Zuschauern füllen“, sagt Nagel.

„Fuck you, Freudenhaus“, das soll jedoch mehr als Millerntor-Romantik sein. In Zeiten von Debatten über Pyrotechnik und Ausschreitungen in Stadien wollen Nagel und die 40 zumeist ehrenamtlichen Helfer durch Fanbiotope Annäherungsversuche starten. „Wir möchten auch dazu beitragen, Vorurteile abzubauen“, erzählt Historiker Nagel. „Das Stadion soll zeigen, dass es um mehr als 90 Minuten Fußball geht, sondern eine echte Kultur dahinter steht und hier auch junge Leute an Politik herangeführt werden.“ Kritisch setzen sich die Veranstalter auch mit der Beziehung des Millerntors zum Stadtteil St. Pauli auseinander. Trägt der Verein sogar dazu bei, das Image St. Paulis zu verändern? „Diese Frage haben wir Bewohnern des Stadtteils gestellt und in einem Film beantwortet“, erzählt Nagel. Ein Choreografie-Himmel mit Videos der Ultraszene und die Bastelanleitung zu einer Blockfahne sollen diese Fußballkultur erlebbar machen und runden die Geschichte des Stadions und seiner Fans ab. Und auch für alle, die glauben, sie hätten am Millerntor schon alles gesehen, präsentieren die Macher eine Reihe bislang unveröffentlichter Bilder.

Das dauerhafte Museum wird frühestens 2016 eröffnet, so die Planungen. Der Grundstein ist aber gelegt, die „Wand der Zuversicht“ entfernt.

Fuck you, Freudenhaus Sa 26.7., 11 bis 19 Uhr, Millerntor-Stadion, Harald-Stender-Platz 1, Eintritt 5, ermäßigt 3 Euro. Die Ausstellung ist bis zum 30.August, täglich von 11 bis 19 Uhr und donnerstags bis 22 Uhr zu sehen

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