Kino-Tipp

Film aus Gemälden: „Loving Vincent“ ist eine Sensation

Das Filmporträt über Vincent van Gogh besteht aus vielen Gemälden

Das Filmporträt über Vincent van Gogh besteht aus vielen Gemälden

Foto: 2017 Loving Vincent Sp.z.o.o. & Loving Vincent Ltd.

Die Künstlerbiografie„Loving Vincent“ über van Gogh begeistert als weltweit erster Spielfilm, der vollständig gemalt worden ist.

Der nächtliche Himmel verdichtet sich zu einem irren Sog, die Zypressen sind schwarze Monster, der Mond glüht so, als würde er gleich explodieren. Diese Nachtlandschaft malte Vincent van Gogh 1889 während seines Aufenthalts in der Psychiatrie in St. Remy im Süden Frankreichs. In ihm tobten Dämonen, verzerrten nicht nur seine Gesichtszüge, sondern auch die Perspektiven der Gegenstände, die er um sich wahrnahm. So beginnt „Loving Vincent“: die Geschichte über den wahnsinnigen Maler ohne Ohr, der erst berühmt wurde, als er längst tot war. Sein abgehacktes, blutiges Ohr übergab er einer Hure, eingepackt wie ein Geschenk. Mit ihm gerät der Zuschauer in einen Strudel von blauen, gelben, orangen Strichen. Alles flimmert. Alles löst sich auf.

Nach Rodin und Gauguin wieder ein Biopic eines bildenden Künstlers, mögen einige Cineasten denken. Doch dieser „Loving Vincent“ – vom Filmemacherduo Dorota Kobiela und Hugh Welchman – ist ganz anders: ein Film wie eine große Ausstellung. Beide haben sich lange mit dem Ausnahmekünstler beschäftigt, da spielt viel Leidenschaft mit. Technisch ist er ohnehin eine Sensation – weltweit der erste vollständig gemalte Spielfilm als reine Animation. Kostümierte Schauspieler spielten die Szenen, die als Bildvorlage Pinselstrich für Pinselstrich animiert wurden. Sie agierten in Sets, die exakt den Gemälden nachgebaut wurden oder vor Green- beziehungsweise Bluescreen. Großes Kino für die Augen!

Im Film gibt es 94 Bilder, die sich exakt auf die Originale beziehen. Einige Szenen übernehmen nur Bildteile, doch fast alle Schauplätze wirken wie vom Meister selbst gemalt. Nicht einfach, denn van Gogh hatte einen sehr eigenen Stil und einen ziemlich heftigen Farbauftrag. Wir sehen das „Weizenfeld“, „Die Boote am Ufer der Oise“, das Absinth-geschwängerte „Nachtcafé“ im schrillen Komplementärkontrast. Auch der Postmeister Joseph Roulin (Chris O’Dowd) und Dr. Gachet (Jerome Flynn) sehen haar­genau so aus wie auf seinen Porträts. Selbst deren verschobene Mimik und Gestik ist rundum à la van Gogh. Nur bei jenen Szenen, für die es keine Originale gibt, entschied sich das Regieduo für einen neutralen Malstil in Schwarz-Weiß.

So sind 65.000 Einzelbilder entstanden, 125 Maler waren am Werk, 5000 hatten sich beworben. Allein um 30 Sekunden des Films fertigzustellen, brauchten die Maler viele, viele Tage. Bei einer Spieldauer von 94 Minuten darf man sich den zeitlichen Aufwand ausrechnen. Zweifellos die langsamste Methode, die es bei Filmproduktionen gibt.

„Loving Vincent“ ist aufgebaut wie ein Kunstkrimi. 1891 beginnt er, ein Jahr nach dem Tod des angeschlagenen Malers. Im Zentrum steht Armand Roulin (Douglas Booth), Sohn des Postmeisters in Arles, der viele Jahre mit der Korrespondenz van Goghs vertraut war. Er soll einen plötzlich aufgetauchten Brief posthum­ an dessen Bruder Theo in Paris ausliefern. So macht er sich, zunächst recht unwillig, auf die Reise, in deren Verlauf ihm der genialische Künstler immer näher kommt.

Der vier Jahre jüngere Theo, so muss Armand in Paris erfahren, ist auch tot – mit 33 Jahren in einer Nervenanstalt an Syphilis verstorben. Er hatte wohl auch die Balance verloren – zwischen seinem wahnsinnigen Bruder und den Zwängen einer bürgerlichen Existenz als Kunsthändler. Jahrelang hatte er Vincent finanziell unterstützt.

Armand sucht weiter nach Bezugspersonen des Malers, um seinen Brief loszuwerden, und so landet er schließlich in Auvers-sur-Ois, wo dieser die letzten Wochen seines Lebens verbrachte. Dort stand ihm Doktor Paul Gachet (Jerome Flynn) zur Seite, zu deren Tochter Marguerite (Saoirse Ronan) van Gogh eine besondere Beziehung gehabt haben soll. Je mehr Armand sich mit van Gogh beschäftigt, umso stärker werden seine Zweifel an dessen Selbstmord ...

„Loving Vincent“GB/POL, 2017, 95 Min., ab 6 J., R: Dorota Kobiela, Hugh Welchman, D: Douglas Booth, Chris O’Dowd, Saoirse Ronan,, täglich im Abaton, Elbe, Zeise; www.lovingvincent-film.de

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