Mojo Club an der Reeperbahn

Orientalische Heimatklänge – fern der Heimat

Am Wochenende steht der Mojo Club an der Reeperbahn mal nicht im Zeichen cooler Dancefloor-Sounds. Der Laden präsentiert drei Abende lang Musik überwiegend im Exil lebender iranischer Sänger und Instrumentalisten.

Mojo Club. „New Sounds of Iran“: Der Titel dieses kleinen Festivals mit iranischer Musik klingt nach Morgenluft. Als gäbe es neue Klänge aus dem Iran. Das ist aber offenbar nicht der Fall. Fünf der sechs Künstler und Bands, die die Elbphilharmonie-Konzerte am kommenden Wochenende jeweils für Doppelkonzerte in den Mojo Club holen, leben schon seit Jahren im westlichen Ausland. Nur der Santur-Virtuose Pedram Derakhshani hat im Iran offenbar die Arbeitsbedingungen, die er braucht. Alle anderen wollten oder mussten ihrer Heimat den Rücken kehren. In einem Außenbezirk von Berlin, in London, in Paris, in den USA entwickeln sie weiter, was ihnen an Heimatklang in die Gene gelegt wurde.

Und das ist reichlich, denn die persische Musik blühte bereits, als sich die Ahnen von Brahms und Beethoven musikalisch allenfalls auf Kuhhörnern artikulierten (die kürzlich auf der Schwäbischen Alb ausgebuddelte Geierknochenflöte, die 35.000 Jahre alt sein soll, mal außen vor gelassen). Harfen, Trommeln, Doppelklarinetten gab es, erhaltenen Kunstwerken der Zeit zufolge, in Persien schon vor über 2000 Jahren. Schon im fünften nachchristlichen Jahrhundert holte der persische König Bahram Gur Tausende von Sängern und Tänzern aus Indien. Weil die Ursprünge ihrer Kunst historisch und geografisch einen viel größeren Raum umfassen als die heutige Islamische Republik Iran, verwenden viele iranische Musiker, die an die Überlieferung anknüpfen, auch Melodien aus Aserbaidschan, dem Irak, der Türkei oder Afghanistan.

Musik besitzt im orthodoxen Islam keinen hohen Stellenwert, in der ekstatisch-spirituellen Kultur der islamischen Mystiker, der Sufis, um so mehr. „Trance“ ist denn auch die Antwort, die Mohammad Reza Mortazavi, der in Berlin lebende 35-jährige Tombak-Virtuose aus Isfahan, auf die Frage gibt, wo er hin will mit seiner faszinierenden Perkussionsmusik. Mortazavi spielt unbegleitet und allein auf der Tombak, der persischen Bechertrommel. Die Vielfalt seiner Spieltechniken erlaubt ihm präzise Veränderungen in der Tonhöhe, Glissandi oder Wah-Wah-artige Effekte. Mit Fingerkuppen und Fingernägeln holt er ein Universum von Nuancen aus dem Kalbfell, mit dem die Trommel bespannt ist. Und wenn die Leute zu seiner Musik tanzen, ist er glücklich. Neulich, beim Evangelischen Kirchentag in Hamburg, habe ein Konzert von ihm in den Messehallen abgebrochen werden müssen, erzählt Mortazavi, der das Festival am Freitag eröffnet. 1000 Leute hätten wie verrückt getanzt, der Boden habe sie kaum mehr tragen können.

Diese Gefahr scheint in den Betontiefen der Mojo-Katakomben gebannt. Tanz zu traditioneller Musik führt dort auch Shahrokh Moshkin Ghalam auf, der in Paris lebt. In einer seiner Darbietungen dreht er sich mit mal wehendem, mal herabhängendem Haar und offenen Armen acht Minuten lang barfuß im Kreis, entrückt und präsent wie ein Derwisch auf Speed (Sonntag).

Gelegentliche Konzessionen an die Sounds der westlichen Moderne macht die in den USA lebende Sängerin Mamak Khadem, jedoch nicht in dem Programm, das sie in Hamburg aufführen wird. Hier singt sie, begleitet von einem fantastischen Quartett, Lieder auf Texte des iranischen Dichters Sohrab Sepehri. Mamak Khadems Stimme ist eine Offenbarung, nicht nur wenn sie die jedes Herz schmelzenden Verse von Rumi zum Klingen bringt (Sonnabend).

Dass die Addition zweier Kulturen nicht zwingend zur Verflachung der einen auf Kosten der anderen führen muss, belegt das Sextett Ajam aus London (Freitag). Höchst überzeugend singen und spielen die Exil-Iraner sowohl traditionelle Musik als auch ihre Lesart des Hip-Hop. In ihrem Sound ist Platz für Wut und für Zartheit, und für die große Sehnsucht sowieso.

New Sounds of Iran Fr 11.10., 19.00 (Eröffnung; weitere Konzerte am Sa 12.10. und So 13.10.,

jew. 19.00) Mojo Club (U St. Pauli) Reeperbahn 1, Festivalpass 79,- (erm. 49,-), Ticket pro Doppelkonzert 35,- (erm. 17,50) unter T. 35 76 66 66