Fremdenverkehr entdeckt das Inselinnere

Auf dem Weg zur eigenen Mitte

Foto: Michael Pasdzior

Kleine Fluchten: Das Hotel "Insel auf Rügen" liegt versteckt und lädt zur inneren Einkehr

Nachdem in jüngster Vergangenheit der Küstensaum Rügens touristisch wieder erschlossen wurde, entdeckt der Fremdenverkehr nunmehr auch das Inselinnere. Das versteckte Hotel "Insel auf Rügen" darf noch als Geheimtipp gehandelt werden. Es liegt in der Nähe der Ortschaft Samtens inmitten von Wiesen und Feldern. Das letzte Stück der Anfahrt führt über einen Sandweg zu vier Reetdachhäusern. Das Auffälligste von ihnen beherbergt das Ferienhotel. Das große Gebäude mit seinen beiden Flügeln beeindruckt auf den ersten Blick. Wuchtig und mächtig wirkt es und vermittelt dem Besucher das Gefühl, hier ein sichereres Dach über dem Kopf zu haben. Ein Garten mit Obstbäumen umgibt das drei Morgen große Anwesen.

Schon im 14. Jahrhundert gab es in der Gegend Siedlungen mit Landwirtschaft. Das Haus gehört zu den sogenannten "Holsteiner Höfen", einem Baustil, den man aus Schleswig-Holstein übernahm. In der DDR-Zeit wurde es enteignet und verfiel mehr und mehr. Bis Yadegar Asisi es 1995 entdeckte und kaufte. Der renommierte Architekt und Künstler ist vor allem als "Panoramist" bekannt geworden, er hat in Dresden und Leipzig in stillgelegten Gasspeichern riesige 360°-Gemälde erstellt. Hier auf Rügen wollte er ein Refugium der Ruhe für gestresste Großstadtmenschen schaffen.

Das Gebäude wurde nach seinen Plänen aufwendig renoviert. Die im Mittelteil gelegenen, ehemaligen Stallungen wurden zum gastronomischen Bereich, und der linke Flügel, in dem sich ehemals die Scheune befand, zu einem zweigeschossigen Veranstaltungsraum umgebaut. Herausragendes architektonisches Element sind die zahlreichen Fledermausgauben in der Reetdachfläche, hinter denen sich die neun Zimmer verbergen. Der rechte Flügel bleibt dem Inhaber vorbehalten, hier hat er seinen Wohnbereich.

Um die Hausleitung kümmert sich Bettina Tilke. Die geborene Leipzigerin war schon als Dreizehnjährige auf Rügen, liebt die hiesige Natur, und in die Gastronomie hat es sie wegen der Kontakte zu Menschen schon immer gezogen, wie sie sagt. So hat auch sie sich hier einen Traum erfüllt. Verwurzelt mit dem ländlichen Leben versucht sie, ihre Begeisterung auch den Gästen zu vermitteln. "Sie finden hier etwas, was man eigentlich gar nicht erwartet", stellt sie zufrieden fest. Die vielen positiven Eintragungen im Gästebuch bestätigen ihre Einschätzung. "Wir möchten, dass unsere Gäste in dieser Umgebung ihre persönliche Mitte finden, um wieder bei sich selbst anzukommen", erklärt Bettina Tilke die Absicht des Inhabers.

Dies scheint zu gelingen. "Wenn das Leben zu sehr drückt, komme ich wieder hierher", schreibt ein Besucher. Der Gast soll eben hier eine Insel auf der Insel Rügen finden. Deshalb gab es anfangs auch kein Fernsehgerät, doch wurde den Wünschen der Gäste nachträglich entsprochen.

So steht heute in jedem Zimmer ein allerdings sehr kleiner Fernseher. Er wirkt mehr wie ein Entgegenkommen und ist eigentlich ein Fremdkörper in den mit hellen Möbeln im klaren Stil des Nordens ausgestatteten Zimmern, in denen es an nichts fehlt, die aber dennoch stilistisch ein wenig puristisch wirken. Man beschränkte sich bei der Einrichtung auf das Wesentliche, jeder überflüssige Schnickschnack fehlt. Behaglichkeit vermitteln die schrägen Wände und die Stützbalken, die alle Räumlichkeiten durchziehen. Ein großer Aufenthaltsraum befindet sich im oberen Stockwerk unter dem spitzen Dachgiebel: Ein bequemer Sessel, ein großes Sofa, ein kleiner Tisch und ein großer Fernseher, mehr nicht.

Ähnlich ist das ländliche Ambiente der Gaststube, die mit der Balkendecke, den rustikalen Tischen und Stühlen und den Terrakottafliesen recht gemütlich ist. Die Speisekarte ist nicht sehr umfangreich und ebenfalls ländlich ausgerichtet. "Bei uns muss aber niemand hungrig zu Bett gehen", beruhigt die noch junge Chefin. Dafür sorgen in der Hauptsaison ein täglich wechselndes Gericht oder die Spezialität des Hauses, eine handgezupfte Sülze fast ohne Fett vom Kliewe Bauernhof mit leckeren Bratkartoffeln und einer hausgemachten Remouladensoße.

Das Anwesen ist auch Ort für Veranstaltungen, zum Beispiel gastierte hier schon das Leipziger Kabarett "Pfeffermühle". Immer wieder finden Workshops, Mal- oder Tanzkurse statt.

"Ein Haus stirbt nicht, das einen Gast willkommen heißt" besagt ein persisches Sprichwort. So gesehen wird dieses charmante Ferienhotel hoffentlich lange bestehen.