Hallig-Hotel mit zehn Zimmern

Kleine Fluchten: Auf Langeneß hat ein kleines maritimes Wohlfühlhotel eröffnet. Es nennt sich "Anker's Hörn"

"Ein Hotel auf einer Hallig, und dann auch noch das ganze Jahr geöffnet? Vergessen Sie's." Das war die Antwort, die Malte Karau von jedem Banker bekam, dem er sein Konzept vorstellte. "Die dachten, wir spinnen", erinnert er sich. Das Ergebnis: kein Kredit.

Dabei war das Rotklinkerhaus auf der Mayenswarft genau das, was Karau und seine Frau gesucht hatten. Keine hundert Meter von der Nordsee entfernt, mit Prielen und Salzwiesen vor der Haustür und direktem Blick auf die großen Nachbarinnen Amrum und Föhr. Die Karaus wussten: Wenn aus unserer Idee eines kleinen, kuscheligen, aber modernen Hotels etwas werden kann, dann hier. Wo man Ebbe und Flut von jedem Fenster aus beobachten kann - sogar aus der Sauna; wo das Watt vor der Haustür beginnt und man nicht näher dran sein kann an dem, was den eigenwilligen Zauber der Halligen ausmacht. Sie kauften das Haus, auch ohne Kredit, und schleppten den nächsten Banker auf die Terrasse. Virginia Karau servierte ihre selbst gebackene Friesentorte, der Wind blies, die Nordsee klatschte auf die Salzwiesen - und danach gab's endlich Geld.

Heute, fast anderthalb Jahre später, fragt man sich, warum nicht schon früher jemand auf die Idee gekommen ist. Denn das "Anker's Hörn", benannt nach der Weide vor der Warft (das ist ein aufgeschütteter Erdhügel, auf dem die Häuser stehen, um sie bei Sturmflut zu schützen), bietet eine einmalige Mischung aus totaler Abgeschiedenheit, schönem Ambiente und persönlicher Atmosphäre. "Wir wollen etwas Neues, anderes machen und nicht unseren Nachbarn die Ferienwohnungsgäste wegnehmen", sagt Malte Karau, der seit acht Jahren auf Langeneß lebt und dort im Hallig-Gasthaus seines Vaters als Koch und rechte Hand gearbeitet hat. Mit seiner Frau und drei kleinen Töchtern wohnt er zwei Warften weiter.

Zehn Zimmer hat das "Anker's Hörn", ein elftes und eine Lounge im Dachgeschoss werden gerade gebaut. Herzstück ist der Raum "Verpuust". Er ist Frühstücksraum, Café und Mini-Restaurant in einem. Es gibt noch die Sauna und eine Terrasse - das war's. Das "Anker's Hörn" ist kein schnuckeliges Friesenhaus, sondern ein schlichter Rotklinker mit grauen Dachpfannen. So sehen die meisten Häuser auf den Halligen aus. Denn die schwere Sturmflut von 1962 hat viele alte Gebäude zerstört, und die Neubauten sehen eben aus, wie in den 60ern gebaut wurde. Die Karaus ließen nur das Fundament und ein paar Mauern stehen. Doch obwohl drinnen alles neu ist und sogar alte Elemente wie die Deckenbalken nicht von hier stammen, wirkt alles warm und friesisch-frisch. Dafür sorgen Details wie alte Petroleumlampen, weiß-blaue Wandkacheln mit Langeneß-Motiven und Türschilder aus Treibholz. Auf ihnen stehen die Namen versunkener Halligen.

Kleine, geschmackvolle Hotels gibt es mittlerweile überall an der Nordsee. Aber bisher eben nicht auf einer Hallig. Halligen werden bei Stürmen regelmäßig überflutet, sie haben keinen Strand, keine idyllischen Gärten, keine schicken Restaurants. Außer Salzwiesen, Watt und Wasser gibt es eigentlich - nichts. Und genau das ist auch das Geheimnis.

In den Strandkörben auf dem Warft-Hügel sitzen zwei junge Südtirolerinnen und beobachten abwechselnd die weidenden Schafe und vorbeiziehende Fähren. Neben ihnen stehen zwei Tassen Cappuccino und Blaubeer-Baiser-Torte. Austernfischer und Möwen geben ein Gratis-Konzert. "Hier kannst du den Job und alles, was dich beschäftigt, einfach mal vergessen", sagen sie.

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