Kultur-Tipp

Das aufregende Leben führen immer die anderen

Jhumpa Lahiris neues Buch heißt "Wo ich mich finde".

Jhumpa Lahiris neues Buch heißt "Wo ich mich finde".

Foto: picture alliance / AP Photo

Der neue Roman der amerikanischen Pulitzer-Preisträgerin Jhumpa Lahiri „Wo ich mich finde“ ist ein Zeugnis des modernen Alltags.

Hamburg. Statt in die Lebensfreude anderer mit einzutauchen, beobachtet sie diese nur. Die namenlose Ich-Erzählerin in Jhumpa Lahiris „Wo ich mich finde“ verzichtet auf Nüsse, Blutorangen und getrocknete Feigen, die eine Gruppe fröhlicher Touristen ihr während einer Zugfahrt anbietet. Denn sie hat schon ein „kaltes, geschmackloses Brötchen“ gegessen.

Die Szene beschreibt eindrücklich, was die Leser im neuen Roman der US-amerikanischen Pulitzer-Preisträgerin erwartet. Das Leben der Protagonistin scheint erstarrt. Sie ist verliebt in den Mann einer Freundin, weiß schon in welchem Seniorenheim sie ihr Alter verbringen will und lebt seit jeher in derselben, ebenfalls namenlosen Stadt in Italien. Abenteuer? Passieren anderen.

Lahiris Hauptfigur tastet sich an das Leben heran

Es gibt sie zwar, die vorsichtigen Reflexionen, die etwas in der Hauptfigur in Gang zu setzen scheinen. Das „Meer von Notizbüchern“ in ihrem Schreibwarenladen des Vertrauens will sie „gerne füllen“. Wer aber erwartet, dass im Lauf der Geschichte der ganz große Wandel wartet, irrt. Lahiris Geschichte ist kein klassischer Entwicklungsroman, sondern ein Herantasten der Hauptfigur an das Leben.

In Bruchstücken erfahren wir mehr von ihr. Sie ist Mitte 40, arbeitet als Dozentin an der Universität, geht schwimmen und ins Theater. Die banalen Alltagserlebnisse beschreibt Lahiri in prägnanten Sätzen, aufgeräumt wie die Wohnung ihrer Hauptfigur.

Protagonistin arbeitet sich an ihrer Familie ab

Mit ihrer zumeist sehr feinsinnigen Sprache gelingt es Lahiri, die banalen Orte und die unspektakulären Erlebnisse der Protagonistin zum Leuchten zu bringen. Der Leser kann die Lebendigkeit nachempfinden, die sich in den stets kurz gehaltenen Kapiteln abspielt, ganz ohne Sentimentalität. Denn auch die Hauptfigur wirkt trotz aller Vergleiche mit anderen nicht elend und unglücklich in ihrem Alltag.

Am meisten arbeitet sich die Protagonistin an ihrer Familie ab. Es sind vor allem die Töchter um sie herum, die sie beobachtet. Wohl weil das Tochtersein diejenige Rolle ist, die ihr in ihrem Leben am meisten zu schaffen macht. Sie fühlt sich als „schlechte, unaufmerksame Tochter“, die Mutter nicht zufriedenstellen vermag. Ihre Schilderungen bleiben dabei vage. Sie deutet an, dass die Mutter früher wütend werden konnte und die Eltern geizig waren. Ihre Behauptung, keine schöne Jugend gehabt zu haben, wird dadurch aber nur mäßig glaubhaft.

Lahiris Roman ist ein Zeugnis des modernen Lebens, das immer nach den Abenteuern der anderen dürstet. Und auch wenn die Bilder in den sozialen Netzwerken etwas anderes nahelegen – die meisten Menschen essen in ihrem Alltag auch eher Brötchen als exotisches Obst.