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Asya Fateyeva: Liebeserklärung an das Saxofon

| Lesedauer: 4 Minuten
Verena Fischer-Zernin
Asya Fateyeva verfiel dem Saxofon, als sie es als Sechsjährige einmal ausprobieren durfte. „Liebe auf den ersten Ton“, sagt sie dazu

Asya Fateyeva verfiel dem Saxofon, als sie es als Sechsjährige einmal ausprobieren durfte. „Liebe auf den ersten Ton“, sagt sie dazu

Foto: Neda Navaee

Nichts – Aura – Atem – Klang. So entfaltet sich Musik, wenn man mal genau zuhört. Es gibt viele solcher Momente in der Sonate für Altsaxofon und Klavier von William Albright aus dem Jahre 1984. Mal schmeichelt das Saxofon klarinettenweich, mal wabern die Töne gegen einen imaginären Wasserwiderstand. Die Musik führt in schrillste Höhen genauso wie an die Grenzen des eben noch Hörbaren. Doch erst im letzten Satz klingt das Saxofon so, wie man es landläufig kennt, männlich, fordernd und etwas rauchig. Das Stück vereinigt so viele Charaktere, als wollte es ein für allemal beweisen, wie vielseitig das Saxofon ist.

Asya Fateyeva hat es kürzlich eingespielt, für die Aufnahme bekommt sie im Oktober einen Echo Klassik. Die Wahlhamburgerin, 26 Jahre alt, Gewinnerin des Deutschen Musikwettbewerbs und auch sonst vielfach preisgekrönt, ist eine von ganz wenigen klassischen Saxofonisten – und erst recht Saxofonistinnen – und ein Wesen von quecksilbriger Zartheit. Sie umgibt ihr Gegenüber gleichsam von allen Seiten mit ihrer fröhlichen Art, überbordend wie ihre langen dunklen Locken. Die Sätze sprudeln nur so aus ihrem Mund und fügen sich zu einer einzigen Liebeserklärung an ein Instrument, das es in der öffentlichen Wahrnehmung nicht gerade leicht hat. Saxofon, das ist doch was für Jazzschuppen oder Militärkapellen? Eben nicht nur.

„Die Sax-Welt ist sehr lebendig, aber noch unentdeckt“, sagt Fateyeva in ihrem russisch angehauchten Singsang. „Wir möchten die Schönheit des Saxofons endlich mit anderen teilen.“

Diesen Freitag spielen Fateyeva und ihre Klavierpartnerin Valeriya Myrosh die Albright-Sonate im Rahmen des International Mendelssohn Festival im Kleinen Saal der Laeiszhalle. Fateyeva ist nicht nur frischgebackene Absolventin des Aufbaustudiengangs Kammermusik bei Niklas Schmidt an der Musikhochschule. Bei Schmidts Mendelssohn Summer School, die parallel zum Festival stattfindet, ist sie auch als Dozentin dabei. „Das Tolle dabei ist der Austausch mit den anderen Instrumentalisten“, erzählt sie. „Ein Teilnehmer kam mit einer romantischen Geigensonate. Eine Geigerin hat ihm dann vorgemacht, wie sie einen bestimmten Ausdruck erreicht.“

Stücke zu kapern, die für eine andere Besetzung geschrieben wurden, das ist für Spieler von Orchideeninstrumenten Alltag. Bachs Cellosuiten sind Kernrepertoire für Saxofonisten. Von dem andersartigen Zugang profitieren die Werke oft sogar, wenn sich etwa der Fokus von der Artikulation zur Klangfarbe verschiebt.

„Wenn die Komponisten das Saxofon gekannt hätten, wären sie begeistert gewesen“, sagt Fateyeva. Tatsächlich schrieben Berlioz, Mas­­se­net, Bizet für den jüngeren Cousin der Klarinette. Nur dass dessen Boom in sich zusammensackte, als der Erfinder Adolphe Sax 1877 Insolvenz anmelden musste.

Die weitere Karriere des Saxofons ist bekannt. Aus Jazz, Rock und Pop ist es nicht wegzudenken. Als Klassikinstrument wurde das Saxofon dagegen lange nicht ernstgenommen. Das könnte auch daran liegen, dass es als leicht erlernbar gilt: reinpusten, ein paar Klappen drücken, fertig. So klingt es dann oft auch.

Erst der Saxofonist Marcel Mule knüpfte in den 1920er-Jahren an die großen Zeiten wieder an. Kritiker feierten ihn als den Rubinstein oder wahlweise den Heifetz des Saxofons, zahlreiche Werke sind ihm gewidmet.

Auch Asya Fateyeva spielt viel und gerne Uraufführungen, aber genauso schwärmt sie von dem Barockcellisten Gerhart Darmstadt vom Studio für Alte Musik der Hamburger Hochschule. Dessen Erkenntnisse überträgt sie begierig auf ihr Instrument. Das Saxofon ist ein Geschöpf des 19. Jahrhundert, na und? Hindert das etwa die Art, Musik zu denken? Scheren im Kopf sind für andere da.

International Mendelssohn Festival Fr 23.9., 20 Uhr, Laeiszhalle, Kleiner Saal, Eingang Holstenwall, Karten zu 11 bis 29 Euro unter T. 35 76 66 66