Theater-Tipp

„Der Hamburger Jedermann“ am Brooksfleet

Bereits im 23. Jahr geht das Kultstück „Jedermann“ über die Bühn in der Speicherstadt

Bereits im 23. Jahr geht das Kultstück „Jedermann“ über die Bühn in der Speicherstadt

Foto: Theater in der Speicherstadt

„Welterbe mit Weltbühne.“ Dafür steht das Theater in der Speicherstadt, seitdem die Unesco den historischer Lagerhauskomplex im Hamburger Hafen im vorigen Sommer in die Weltkulturerbe-Liste aufgenommen hat. Und nicht nur Wetter-Nörgler, auch Kulturfreunde vertreten seit Jahren die Ansicht, der hanseatische Sommer beginne erst richtig, wenn „Der Hamburger Jedermann“ in die Speicherstadt einzieht.

Was Autor Michael Batz und Premieren-Regisseur Thomas Matschoß 1994 zunächst als Experiment ersonnen hatten, ist längst zu einem kulturellen Dauer-Hoch für Hamburger und auswärtige Gäste gewachsen. Auch in der 23. Saison, Regen hin oder her. Eine schönere Freiluft-Theaterkulisse als die der Speicherfront am Brooksfleet mitsamt der Sandbrücke lässt sich — besonders bei Abendsonne — in der Stadt kaum finden, sie bildet das Bühnenbild für ein Mysterienspiel, das seinesgleichen sucht. Von diesem Freitag an sitzt das Publikum wieder unmittelbar im Geschehen, die Bretterbühne steht direkt am Kesselhaus – auf einer Fläche, die sonst als unscheinbarer Parkplatz dient.

Bis zu 40 Menschen, darunter im zweiten Jahr die Veranstaltungstechnikerin Tsunami Gehrke und ein Kollege, sorgen an den Wochenenden vor und hinter den Kulissen dafür, dass die Vorstellungen reibungslos über die Bühne gehen. Das 14-köpfige, bis in die Nebenrollen exzellent besetzte Ensemble ist gegenüber dem Vorjahr unverändert; die Theaterfassung hingegen hat Autor Batz, der weit über die Stadtgrenzen hinaus gefragte Theater- und Lichtkünstler („Blue Port“), wie in jedem Jahr in Teilen aktualisiert. „In Salzburg wechseln sie die Köpfe, wir tauschen einige Texte“, kann sich Batz einen Seitenhieb auf die glamouröseren (weil meist prominent besetzten) Salzburger Festspiele nicht verkneifen.

Batz’ Fassung von Hugo von Hoffmannsthals mehr als 100 Jahre altem Mysterienspiel hatte von Beginn an den Zusatz „Das andere Spiel vom Sterben des reichen Mannes“. Bei ihm ist das Kernthema der Mensch in der Ökonomie, umgeben von immer mehr Technologie. Der Hamburger Jedermann, schon seit 2004 „in einer Freundlichkeit des Gnadenlosen“ (Batz) überzeugend vom einstigen Musical-Darsteller Robin Brosch verkörpert, fährt reifenquietschend in einer Limousine auf der Brücke vor und rauscht in Begleitung seiner Geliebten (Jantje Billker) auf die Bühne: Er will sich die Speicherstadt unter den Nagel reißen, verkauft sich und seine Seele, indem er einen Pakt mit dem Teufel schließt. Den spielt Regisseur Erik Schäffler, der wie Wolfgang Hartmann als Tod seit der Uraufführung 1994 zeitlos gut wirkt. „Jedermann!“ ruft Hartmann hoch oben aus einer Luke im Speicher überm Brooksfleet wieder.

Bei der Anpassung des Textes – etwa 80 Prozent bleiben unangetastet – an die herrschenden Verhältnisse kommt Batz anno 2016 in der britisch geltenden Hansestadt nicht um das Thema Brexit herum; die „Panama Papers“ sind wie geschaffen für Schein-Geschäfte rund um die Speicherstadt. Und nach der im vergangenen November gescheiterten Hamburger Olympia-Bewerbung, die Batz im Vorjahr selbstredend thematisiert hatte, gebietet es die Chronistenpflicht, spielerisch mitzuteilen, was aus dem geplanten Gelände am Kleinen Grasbrook in der HafenCity werden soll.

Allemal genug Stoff für dieses starke Stück Hamburg, in dem Tod und Teufel stets aufs Neue um die Seele des Jedermanns schachern - bis es dunkel wird.

„Der Hamburger Jedermann“ 22.7. bis 21.8., Donnerstag bis Sonnabend jeweils 20 Uhr, Sonntag 19 Uhr, Theater in der Speicherstadt, Auf dem Sande/Brooksfleet, Karten zu 18 bis 52 Euro unter T. 369 62 37