Kino-Tipp

„The Lobster“ ist eine faszinierende Liebesgeschichte

In „The Lobster“ mit Colin Farrell sollen Menschen zur Partnerschaft gezwungen werden

In „The Lobster“ mit Colin Farrell sollen Menschen zur Partnerschaft gezwungen werden

Foto: Sony Pictures Home Entertainment/Despina Spyrou / Sony Pictures Home Entertainment

Der griechische Regisseur Yorgos Lanthimos, geboren 1973 in Athen, hat sich in den letzten Jahren mit sehr merkwürdigen, schönen Filmen einen Namen gemacht. „Dogtooth“ (2009) handelte von surrealen Erziehungsexperimenten, der zwei Jahre später entstandene „Alpen“ von einem ungewöhnlichen Geschäftsmodell zum Umgang mit dem Tod geliebter Menschen. Lanthimos’ Filme sind nicht nur auf höchst eigenwillige Weise inszeniert; sie handeln auch immer von den letzten Fragen, die uns alle beschäftigen: Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Wieviel Zeit bleibt uns noch?

Der erste komplett in englischer Sprache gedrehte Film „The Lobster“ setzt diese Tradition in derselben Handschrift fort – diesmal mit namhaften Schauspielern wie Colin Farrell, Rachel Weisz, Léa Seydoux und John C. Reilly. Sein Inhalt klingt komplett absurd, ist aber eigentlich das Gegenteil davon. Er spielt in einer nicht allzu fernen Zukunft, in der es Menschen verboten ist, Single zu sein. Wer seinen Partner verliert, wird in ein Hotel gebracht. Dort hat er 45 Tage Zeit, um einen neuen Partner zu finden. Wenn ihm das nicht gelingt, wird er in ein Tier seiner Wahl verwandelt. Farrell spielt in der Hauptrolle einen Mann namens David, der von seiner Frau verlassen wird und daher ins Hotel einziehen muss.

Die Hotelgäste bekommen wie in einer marxistischen Kaderschmiede eingetrichtert, warum das Leben zu zweit sinnvoll ist – weil man einander helfen kann, weil es vor Gewalt Dritter schützt, solche Dinge. Wer heimlich im Hotelzimmer masturbiert, wird öffentlich gefoltert, indem seine Hand in den Röstschlitz eines Toasters geschoben wird. Und in ihrer Freizeit gehen die Hotel-Insassen auf die Jagd: Denn draußen in den Wäldern hat sich eine Gruppe überzeugter Einzelgänger gefunden, die vom Dogma der Zweisamkeit nichts wissen will und es in ihr Gegenteil verkehrt hat: Wer in der Rebellengruppe einen Flirt wagt, muss damit rechnen, dass ihm die Lippen zerschnitten werden. David schließt sich der Gruppe an – und verliebt sich.

Man findet als Zuschauer sehr schnell Anschluss an diese Geschichte, folgt ihrer eigenwilligen Logik. Und das liegt natürlich daran, dass es sich hier überhaupt nicht um eine absurde Geschichte handelt – sondern um den gelungenen Fall einer Dystopie. Der französische Autor Michel Houellebecq beschrieb schon Ende der 90er-Jahre in seinem Roman „Ausweitung der Kampfzone“ eine Gesellschaft, in der öffentliche Werturteile und Ideale in den Privatbereich diffundieren und ihn damit aufzulösen beginnen. Nichts anderes tut dieser Film: Er denkt etwas weiter, was wir alle kennen.

Auch wenn „The Lobster“ (David möchte sich in einen Hummer verwandeln lassen, falls er scheitert) immer wieder durch komische Momente glänzt, bleibt er seinem Wesen nach doch ein trauriger Film, der von Verlorenen unter Verlorenen handelt. Dazu trägt auch die eigenwillig emotionslose Sprechweise bei, die Lanthimos seinen Darstellern auferlegt. Selten hat man Schauspieler so wenig schauspielern gesehen. Aber das ist, zumindest in den ersten zwei Dritteln des Films, wirkungsvoll genug. „The Lobster“ ist einer der sonderbarsten, besten Liebesfilme der letzten Zeit.

„The Lobster“ IR/GB/GR/F/NL 2015, 114 Minuten, ab 16 Jahren, Regie: Yorgos Lanthimos, Darsteller: Colin Farrell, Rachel Weisz, Jessica Barden, täglich im Zeise