Film-Tipp

„Freistatt“:Grausame Bilder einer Jugend

 Der rebellische Wolfgang (Louis Hofmann) in "Freistatt"

Der rebellische Wolfgang (Louis Hofmann) in "Freistatt"

Foto: Salzgeber & Company Medien / dpa

Wolfgang (Louis Hoffmann) ist 14. Staunend beobachtet er, was Ende der 60er-Jahre für junge Leute alles möglich ist. Er ist nicht auf den Mund gefallen, was ihn in Schwierigkeiten bringt. Zum Beispiel, als er im Schlafzimmer seiner Mutter (Katharina Lorenz) Pornohefte findet, die seinem Stiefvater Heinz (Uwe Bohm) gehören. Vor seinen Freunden stellt er ihn bloß, was ihm einen cholerischen Ausbruch des Mannes einbringt. Heinz ist eifersüchtig aufs gute Verhältnis, das er und seine Mutter haben, und sorgt dafür, dass er „ins Heim kommt“.

Dort, in Freistatt, scheint die Zeit stehengeblieben zu sein. Die kirchliche Einrichtung – schon der Name wirkt wie der pure Zynismus – hat keinerlei pädagogisches Konzept. Die Jugendlichen werden wie Strafgefangene gehalten, die für den landwirtschaftlichen Betrieb Torf stechen müssen. Mit dem Lied „Wir sind die Moorsoldaten“, das einst KZ-Häftlinge sangen, ziehen sie zur Arbeit. Der Anstaltsleiter, Hausvater Brockmann (Alexander Held) und seine überwiegend sadistischen Helfer sind nur darauf aus, den Willen der Jungen zu brechen. Es kommt zu grausamen Szenen wie Scheinbeerdigungen. Wolfgang muss erfahren, dass auch die, die man am meisten liebt, Verräter sein können.

Nicht immer bekommt es einem Film gut, wenn er sich eng an tatsächliche Ereignissen anlehnt. Bei „Freistatt“ ist das anders. Der Film basiert auf Ereignissen, die sich so in der niedersächsischen Erziehungseinrichtung zugetragen haben, die diesen Namen nicht verdiente. Auch wenn man schon viele Dokumentationen über Kindermissbrauch gesehen hat, entwickelt diese Fiktion eine starke Sogwirkung.

Das liegt an den Schauspielern, allen voran am jungen Hofmann, bereits als Tom Sawyer aus Hermine Huntgeburths Filmen bekannt. Judith Kaufmann setzt die erschreckenden Ereignisse vor einem zeitgeistigen Soundtrack in schöne Bilder um. Und Marc Brummund weist in seinem ausgezeichneten Kinodebüt darauf hin, dass man in Deutschland lange blind für die berechtigten Sorgen von Schutzbefohlenen war. Ausgerechnet in der Ära, in der sich die Jugend neue Freiheiten erarbeitete, war in einer abgeschotteten Parallelgesellschaft die Nazi-Zeit noch da.

„Freistatt“ D 2015, 108 Minuten, ab 12 Jahren, Regie: Marc Brummond, Darsteller: Louis Hofmann, Max Riemelt, Uwe Bohm, täglich im Abaton (Allende-Platz 3; Anreise hier), Studio-Kino (Bernstorffstraße 93; Anreise hier), Zeise (Friedensallee 7; Anreise hier)