Alkoholfreie Drinks

„Dem Alkohol geht es langsam, aber sicher an den Kragen“

| Lesedauer: 7 Minuten
Luise Gand
Isabella Steiner und Katja Kauf sind so etwas wie Pionierinnen des bewussten Alkoholkonsums: Sie haben mitten im beschwipsten Berliner Bergmannkiez den ersten alkoholfreien Spätkaufkiosk eröffnet und einen Onlineshop namens nüchtern.berlin für Null-Promille-Spirituosen gegründet.

Isabella Steiner und Katja Kauf sind so etwas wie Pionierinnen des bewussten Alkoholkonsums: Sie haben mitten im beschwipsten Berliner Bergmannkiez den ersten alkoholfreien Spätkaufkiosk eröffnet und einen Onlineshop namens nüchtern.berlin für Null-Promille-Spirituosen gegründet.

Foto: Eatclub

Der „Dry January“ ist in aller Munde. Zwei Frauen haben sich guter Spirituosen ohne Alkohol angenommen – wir mixen Drinks damit.

Hamburg. Gefühlt nichts stellt unsere Gewohnheiten mehr infrage, als wenn man auf das obligatorische „Und was möchtest du trinken?“ mit einem „Danke, heute mal nichts“ antwortet. „Wir bewegen uns in einer Trinkkultur, in der es mittlerweile schwierig geworden ist, ein Glas abzulehnen, ohne dass man dabei entweder überredet, nicht ernst genommen, verurteilt oder als Spaßbremse abgestempelt wird“, sagen Isabella Steiner und Katja Kauf.

Die beiden haben mit ihrem Start-up nüchtern.berlin einen Onlineshop für alkoholfreie Spirituosen gegründet und dazu mitten in Kreuzberg den ersten Null-Promille-Späti Deutschlands eröffnet.

Alkoholfreie Drinks und achtsames Trinken

Das will was heißen in der Hauptstadt, wo die Spätkaufkioske doch Anlaufstellen sind, um sich auch nach Ladenschluss noch mit Bierchen und Schnäpsken auszustatten … Außerdem haben Steiner und Kauf das Buch „Mindful Drinking“ über bewussten Alkoholkonsum geschrieben. Ein zukunftsträchtiges Thema, wie sie direkt klarstellen: „Dem Alkohol, wie wir ihn kennen, geht es langsam, aber sicher an den Kragen.“

Aber was soll „achtsames Trinken“ eigentlich sein? „Es bedeutet, gewohnte Trinkmuster zu hinterfragen, sich ihrer bewusst zu sein und gesündere Entscheidungen anzustreben“, so die beiden.

Dabei geht es nicht darum, von heute auf morgen dem Alkohol zu entsagen und ein für immer abstinentes Dasein zu fristen. Sondern vielmehr darum, zu reflektieren, warum man in welchen Situationen zur Flasche greift – und ob’s nicht auch mal ohne geht.

Rausch und Realität klaffen auseinander

Der Weg dahin war auch bei Steiner und Kauf ein langsamer Prozess. Es war sogar ein halbwegs gewöhnlicher Abend, der Steiner zum Umdenken anregte, die Menge an Sekt und Gin Tonic nicht höher als in anderen Nächten, die man zwischen philosophischen Couchgesprächen und dem Nachladen am Spätkauf um die Ecke verbringt. Doch irgendwas war anders: „In dieser Nacht, beziehungsweise danach, beschlich mich ein Gefühl, dass irgendwas nicht stimmte“, erzählt sie.

Sie begann, ein Trinktagebuch zu führen. „Andere zählen Kalorien, ich habe still und heimlich meine Vinos, Cremants und Mojitos gezählt und war beeindruckt, wie alarmierend meine Auswertungen ausfielen.“ Das ist der erste Schritt: den persönlichen Status quo erfassen. „Das kann, wenn wir ehrlich sind, etwas unangenehm und anstrengend sein“, gibt auch Kauf zu.

Nüchtern betrachtet klaffen Rausch und Realität nämlich gern mal ziemlich auseinander: Auch wenn für 22,6 Prozent der Frauen ein Glas Wein oder Bier zur Entspannung nach der Arbeit dazugehört, gelten 10 Gramm Alkohol pro Tag als moderat, erklären die Expertinnen. Das entspricht gerade mal 0,3 Litern Bier oder 0,125 Litern Wein. Bei Männern gilt immerhin das Doppelte.

Wohl bekomm’s? Leider nein. Laut Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung können wir, wenn wir nur moderate Mengen genießen, unseren Blutdruck senken, das Risiko, an Krebs zu erkranken, minimieren, unser Hirn und andere Organe vor Folgeschäden schützen, depressiven Verstimmungen vorbeugen, die Schlafqualität verbessern – und, falls das noch nicht überzeugend genug war: unsere Haut zum Strahlen bringen. Eigentlich doch nichts Neues, oder?

Katerstimmung führte zu nüchtern.berlin

Beinah höchst verwunderlich, dass wir trotzdem immer wieder zur Flasche greifen. Obwohl wir doch wissen, dass diese chemische Verbindung streng genommen ein Zellgift ist und unsere Leber dank der Substanz im Blut Schwerstarbeit verrichten muss.

Aber der süße Rausch lässt uns all das vergessen; Alkohol begünstigt die Ausschüttung bestimmter Hormone im Gehirn. Wir werden gelassener, entspannter und redseliger. Bis uns am nächsten Morgen der kalte Kater und peinliche Erinnerungsfetzen wecken …

Genau in einer solchen Katerstimmung fiel der Startschuss für nüchtern.berlin: „Eines Sommertages 2019 saßen wir in Mitte auf einer Parkbank. Die Sonne strahlte uns ins Gesicht, und wir fragten uns, welche Alternative es wohl zu einem Kater gäbe. Nüchtern in Berlin wäre eine verrückte Challenge.“ Herausforderung angenommen – und damit lag die Frage aller Fragen auf dem Tisch: Was trinke ich, wenn ich nichts trinke? Dass es da inzwischen eine recht breite Auswahl gibt, beweist ein Blick in ihren Onlineshop.

Ihre Vision, die einseitige und promillelastige Trinkkultur um alkoholfreie Alternativen zu erweitern, die mindestens genauso selig machen wie ein hochprozentiger Negroni, könnte also tatsächlich aufgehen.

Alkoholfreie Drinks: So geht's

Virgin Red Snapper

Zutaten für 6–8 Gläser (à ca. 250 ml)

  • 225–300 g Shiitakepilze
  • 150–200 ml Sojasoße
  • 4–6 EL Worchestersoße
  • 18–24 Kirschtomaten (an der Rispe)
  • 6–8 Scheiben Bacon
  • 12–16 Stiele Minze Eiswürfel
  • 240–320 ml alkoholfreier Gin
  • 6–8 EL Zitronensaft 600–800 ml Tomatensaft
  • Pfeffer

Pilze putzen und klein schneiden. Mit Sojasoße und Worchestersoße in einem Topf ca. 5 Minuten köcheln. Pilzsud abkühlen lassen und dann durch ein Sieb in ein Glas abseihen. Tomaten waschen. Bacon in einer Pfanne ohne Fett knusprig braten. Tomaten zufügen und mitbraten. Minze waschen, trocken schütteln und Blättchen abzupfen. Einige Eiswürfel in einen Shaker geben. Minze, Wodka, Zitronensaft, 6–8 cl Pilzsud und Tomatensaft zugeben. Mit Pfeffer würzen. Shaker verschließen und ca. 1 Minute schütteln. Eiswürfel in vier Gläser füllen. Cocktail durch ein Sieb hineingießen. Mit Speck und Tomaten garniert servieren.

Zubereitungszeit ca. 20 Minuten

Spanish Sunset

Zutaten für 6–8 Gläser (à ca. 350 ml)

  • 6–8 Zweige Rosmarin
  • 16–20 Orangen
  • 300–400 ml alkoholfreier Kräuterlikör
  • 180–240 ml Grenadine
  • Eiswürfel
  • 300–400 ml Tonicwater
  • 6–8 Orangenspalten

Rosmarin waschen und trocken schütteln. Orangen auspressen, 900–1200 ml Saft abmessen. Mit Likör mischen. Grenadine in sechs bis acht Gläser verteilen, Eiswürfel und Rosmarin daraufgeben. Saftmischung darauf verteilen und mit gekühltem Tonic aufgießen. Orangenspalten in die Gläser geben und sofort servieren.

Zubereitungszeit ca. 20 Minuten

Indian Nojito

Zutaten für 6–8 Gläser (à ca. 300 ml)

6–8 Biolimetten

  • 6–8 Stiele Minze
  • 300–400 ml Chaisirup (siehe Rezept unten)
  • Crushed Ice
  • 6–8 Zimtstangen
  • 300–400 ml alkoholfreier Rum
  • 300–400 ml Mineralwasser mit Kohlen­säure

Limetten heiß waschen, trocken reiben und achteln. Minze waschen, trocken tupfen und Blätter abzupfen. Je 50 ml Chaisirup in sechs bis acht Gläser verteilen. Limetten und Minze darin verteilen. Mit einem Stößel andrücken. Crushed Ice und Zimtstangen darauf verteilen. Mit Gin und Mineralwasser auffüllen und sofort servieren.

Zubereitungszeit ca. 15 Minuten

Für 2 Flaschen würzigen Chaisirup (à ca. 250 ml)

300 g braunen Zucker mit 450 ml Wasser in einem Topf erhitzen und aufkochen. Vier Beutel Gewürztee bzw. Chai zufügen und alles ca. 10 Minuten sirupartig einköcheln. Sirup abkühlen lassen, Teebeutel entfernen. Sirup in saubere Flaschen füllen und verschließen. Im Kühlschrank ca. 6 Monate haltbar.

Zubereitungszeit ca. 30 Minuten

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