Paracelsus-Klinik

Demo: „Lasst Frau’n mit Krebs und in Wehen nicht allein!“

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Knapp 200 Menschen haben gegen die Schließung der Geburtsstation und der Gynäkologie der Paracelsus Klinik demonstriert.

Knapp 200 Menschen haben gegen die Schließung der Geburtsstation und der Gynäkologie der Paracelsus Klinik demonstriert.

Foto: Miriam Opresnik

Knapp 200 Menschen demonstrieren gegen Schließung der Geburtshilfe und Gynäkologie. Was sie von den Klinikleitern erwarten.

Henstedt-Ulzburg.  Die Empörung war groß: Knapp 200 Menschen haben Mittwoch gegen die geplante Schließung der Geburtshilfe sowie der Gynäkologie der Paracelsus-Klinik in Henstedt-Ulzburg demonstriert. Die Teilnehmer zogen vom Rhener Mark zum Eingang der Klinik und sangen dabei zur Melodie von „Hejo, spann den Wagen an“: „Hejo, lasst das Schließen sein! Lasst Frau’n mit Krebs und in Wehen nicht allein! Klinikleiter werdet wach – zieht mit uns zum lauten Bach.“ Im Laufe der Demonstration wurde aus dem „lauten Bach“ allerdings „Lauterbach“.

Auch wenn die meisten Teilnehmer keine Hoffnung hatten, die Schließung noch abwenden zu können: „Wir wollen heute den Frauen eine Stimme gehen und ihnen zeigen, dass wir sie nicht im Regen stehen lassen“, so die Betriebsratsvorsitzende Lore Scheier, die selbst Hebamme ist.

Paracelsus-Klinik: „Lasst Frau’ mit Krebs und Wehen nicht allein!“

Die Klinikleitung reagierte am Mittwoch auf den Protest: „Das Bürgerinnen und Bürger und Beschäftigte unserer Klinik gegen die Schließung demonstrierten und öffentlich auf die schwierige Situation der Geburtshilfe hierzulande aufmerksam machten, können wir nachvollziehen.“ Die Schließung sei „einschneidender Schritt“.

„Ein Schritt, der uns alle schmerzt. Die Schließung einer wohnortnahen geburtshilfliche Abteilung ist immer mit besonderen Emotionen verbunden – auch bei uns als Verantwortliche.“ Gleichwohl sei sie unvermeidlich. Die Begründung der Klinikleitung: Ein wirtschaftlicher Betrieb der Abteilung sei für die Klinik nicht mehr zu gewährleisten. Ein Fortbestand würde letztlich die Existenz der gesamten Klinik gefährden.

Unter den Demonstranten waren auch viele Schwangere, Frauen mit Kindern, die selbst in der beliebten Geburtshilfe entbunden hatten, sowie Hebammen – davon viele Ehemalige. Eine von ihnen: Regine Schmidt-Scheben, die 40 Jahre lang als Hebamme in der Paracelsus-Klinik gearbeitet hat.

Ehemalige Hebamme: „Geburtshilfe wird zu einer Gefahr.“

„Die Klinik am Rande der Stadt hatte zu besten Zeiten über 1200 Geburten im Jahr“, sagte sie. Die Devise sei immer „geborgen gebären“ gewesen. So etwas gehe nur in einem kleinen Haus. „Die Generation der für Selbstbestimmtheit einstehenden Frauen weicht dem Zeitalter des Internets. Verunsicherung und vermeintliche Absicherung gegen jedes erdenkliche Risiko. Geburtshilfe wird zu einer Gefahr“, so Regine Schmidt-Scheben. Schwangere würden verunsichert und damit in große Geburtszentren gelockt.

Sie sei dankbar, dass sie 40 Jahre lang Familien eine individuelle Geburt ermöglichen konnte – „und unendlich traurig, dass es damit jetzt vorbei sein soll“, sagte die Hebamme unter Tränen.

Frauen und Mitarbeiter sprechen von einer „Katastrophe“

Katjana Sünnemann ist mit ihrer Tochter Lora (1) im Kinderwagen zur Paracelsus-Klinik gekommen. Sie und ihre Freundin Sandra Valentin arbeiten als Doula und begleiten Mütter während der Geburt. Die Schließung der Geburtshilfe sei eine Katastrophe, sagen sie. Sandra Valentin hat selbst zwei Kinder in der Paracelsus-Klinik entbunden.

„Ich weiß nicht, wo ich hingegangen wäre, wenn es diese Klinik nicht gegeben hätte“, sagt die zweifache Mutter aus Seth. Für sie sei Segeberg die nächste Klinik – oder Hamburg. „Aber wenn man in Wehen liegt, will man doch nicht so weit fahren“, sagt sie und zeigt auf ein Schild, das eine Demonstrantin hochhält. „Das ist kein Spruch – das kann jetzt wirklich passieren“, sagt sie. Auf dem Schild steht: „Geburt auf der A7.“

Demonstration vor der Paracelsus-Klinik: „Lasst Frau’ mit Krebs und Wehen nicht allein!“

Auch wenn von den Rednern vor allem die Schließung der Geburtshilfe angeprangert wurde, die allgemeine Betroffenheit über Folgen der Schließung auch für Krebs-Patientinnen war groß. Denn die gynäkologische Onkologie ist an die Gynäkologie angeschlossen – und muss den Betrieb ebenfalls bis Ende des Jahres einstellen. Frauen mit Brust-, Gebärmutter- und Eierstockkrebs können dort nicht weiter behandelt werden.